Großbritannien Im Austen-Land

Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass nahezu alle Texte über Jane Austen mit dieser berühmten Einleitung aus ihrem Roman „Stolz und Vorurteil“ beginnen. Das wird auch in diesem Jahr, in dem die Austen-Fans in aller Welt am 18. Juli den 200. Todestag der berühmtesten englischen Roman-Autorin begehen, nicht anders sein. Deshalb soll dieser ausgetretene Weg hier nun schnell verlassen werden. Wenden wir uns stattdessen der spannenden Frage zu: Hat Jane Austen Gin getrunken? Nun, in Bath, wo Jane Austen mehrere Jahre gelebt hat, scheinen sie das zu glauben. In der gemütlichen Canary Gin Bar in einer kleinen Gasse mit dem großen Namen „Queen Street“ sind sie sich sogar ganz sicher.

Von Stefanie Meier

Jane Austen , 1775 in Steventon zu Zeiten von König George III. geboren, war kein Kind von Traurigkeit; sie berichtete in ihren Briefen schon mal vom Kater am Morgen danach. Deshalb halten sie es in der kleinen Gin-Bar für sehr wahrscheinlich, dass die lebenslustige Jane gelegentlich dem Wacholder-Brand zugesprochen hat. Und so zwinkert die Roman-Autorin auf ihrem leicht abgewandelten Porträt fröhlich vom Etikett des „Bath Gin “, der in der hauseigenen Destille mit Kardamom, Wermut und Kaffir-Limettenblättern hergestellt wird.

In Bath lebt es sich teilweise heute noch so wie zu Janes Zeiten. Man geht einfach zum Afternoon Tea in den Pump Room, trinkt lauwarmes Wasser aus der Heilquelle, die schon die Römer faszinierte, oder bewundert auf einem Spaziergang die Architektur des Royal Crescent. Die halbmondförmige Straße am Rande der Innenstadt, in der sich über 150 Meter etwa 30 Häuser mit hellen Sandsteinfassaden aneinanderreihen, ist ein großartiges Beispiel für georgianische Architektur. Und mit ein Grund dafür, warum Bath zum Weltkulturerbe der Unesco zählt.

Statt Pferdekutschen rauschen heute Autos durch die Straßen. Doch die Worte von Mrs. Allen aus dem Roman „Northanger Abbey“ treffen immer noch zu: „Bath ist ein bezaubernder Ort. Es gibt so viele gute Geschäfte dort.“ Kaum zu verstehen, warum die echte Jane Austen in Ohnmacht gefallen sein soll, als sie vom geplanten Umzug der Familie nach Bath hörte.

Doch die Pfarrerstochter zog wohl Zeit ihres Lebens die Ruhe auf dem Land dem Trubel in der Stadt vor. Ohne die Ablenkungen durch Einkäufe und Bälle konnte sich ihr schriftstellerisches Talent entfalten. Am intensivsten geschah das in Chawton, einem kleinen verschlafenen Dorf in der Grafschaft Hampshire. Dort hat Jane Austen die letzten acht Jahre ihres Lebens verbracht. Heute ist das Haus aus dem 17. Jahrhundert, in dem sie mit ihrer Mutter und Schwester Cassandra gelebt hat, eine Pilgerstätte für Fans. „Dies ist das einzige Haus, in dem sie wirklich gelebt hat“, erklärt Austen-Expertin Annalie Talent den Unterschied zu anderen Museen. Zwar gibt es auch hier kaum Originale zu sehen, denn im Gegensatz zu den Brontë-Schwestern war Jane Austen zu Lebzeiten nicht so berühmt, dass ihr Nachlass für Sammler interessant gewesen wäre. Was aber die Wirren der Zeit und der Besitzerwechsel überlebt hat, ist ein kleines Tischchen, das Annalie Talent stolz den Besuchern zeigt. „Hier am Fenster, mit Blick auf die Straße, hat Jane jeden Tag gesessen und geschrieben“, berichtet sie und erklärt, dass die Autorin bis auf die Zubereitung des Frühstücks von allen häuslichen Pflichten freigestellt war. Diese Freiheit hat sie genutzt, um neue Geschichten aufs Papier zu bringen und bereits geschriebene Romane zu überarbeiten. Dieser produktiven Zeit verdankt die Nachwelt so berühmte Werke wie „Emma“, „Sinn und Sinnlichkeit“ und eben das beliebte „Stolz und Vorurteil“, dessen Romanhelden Elizabeth Bennet und Mr. Darcy noch heute in aller Munde sind.

Keine halbe Meile Fußweg vom kleinen Cottage entfernt, vorbei an der Teestube „Cassandra’s Cup“, dem Chawton Cricket Club und der St. Nicholas Church, auf dessen Friedhof Mutter Austen und Schwester Cassandra begraben sind, liegt das wesentlich größere Chawton House. Auf dem schmalen Weg dorthin scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Die Vögel zwitschern, vor den reetgedeckten Häusern blühen die Rosen, keine Stromleitung stört den Blick über die grünen Wiesen. Wie vor 200 Jahren.

Chawton House gehörte einst Janes wohlhabendem Bruder Edward. Die Austen-Frauen besuchten ihn oft und Jane nahm wohl ab und an Anregungen für ihre Romane über das Leben in Herrenhäusern mit. Heute ist Chawton House eine der Öffentlichkeit zugängliche Forschungsbibliothek. Schwerpunkt: frühe englische Schriftstellerinnen von 1600 bis 1830. „Jane Austen ist bis heute die Türöffnerin für die Beschäftigung mit englischer Frauen-Literatur“, beschreibt Anthony Hu­ghes-Onslow, General Manager von Chawton House Library, den Stellenwert von „Englands Jane“. Dabei war sie doch eigentlich nur ein „älteres Fräulein aus Northeasthampshire“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Das „ältere Fräulein“ wurde nur 41 Jahre alt. Am 24. Mai 1817 verlässt sie Chawton, um sich im 16 Meilen entfernten Winchester in die Obhut von Ärzten zu begeben. Am 18. Juli stirbt sie, wahrscheinlich an einer Erkrankung der Nebennierenrinde. Sechs Tage später ist das Begräbnis in der Kathedrale, auf ihrem Grabstein findet sich kein Hinweis auf ihre schriftstellerischen Tätigkeiten. Dafür gibt es in diesem Jahr noch eine besondere posthume Ehrung: Im September erscheint die neue Zehn-Pfund-Note der Bank of England mit ihrem Porträt. Dort blickt sie allerdings wieder ganz seriös, ohne Augenzwinkern.

INFORMATION

Anreise: Der Flughafen Bristol wird von Düsseldorf von der Fluggesellschaft bmi regional angeflogen. Von dort geht es mit dem Mietwagen weiter.  www.flybmi.com

Anlaufstellen: In Bath gibt es das Jane-Austen-Centre, in dem die Besucher an der Tür von „Mr. Bennet“ begrüßt und von einer der Bennet-Schwestern durch die Ausstellung geführt werden.

In Chawton steht das Cottage, in dem sie lange lebte, und in der Kathe­drale von Winchester wurde Jane Austen begraben. Zum Todestag gibt es viele Ausstellungen, Vorträge und Events.

Unterkunft: Bath und Winchester bieten sich als Standorte an. Beide Städte bieten Unterkünfte aller Art. In Bath liegen die Halcyon Apartments, direkt um die Ecke vom Jane-Austen-Centre. www.halcyon.com

Literatur: Jane Austen hat zu ihren Lebzeiten sechs Romane geschrieben, alle sind ins Deutsche übersetzt als Taschenbuch erhältlich und auch mehrfach verfilmt worden. Eine knappe Einführung in Werk und Leben gibt Holly Ivins: Jane Austen, eine Entdeckungsreise in ihre Welt. DVA, 240 Seiten, 14,99 Euro

Reiseführer: Südengland, 636 Seiten, Michael Müller Verlag, 26,90 Euro

www.visitbritain.de

www.janeausten.co.uk

www.jane-austens-house-museum.org.uk

www.chawtonhouse.org

www.janeausten200.co.uk

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