Wohnen im Austausch Gelungene Integration durch Vermittlung von WG-Zimmern

Münster -

Die Integration von Geflüchteten ist weiterhin eine gesellschaftliche Herausforderung: Diskussionen drehen sich um gelungene oder gescheiterte Integrationsprozesse. Ein positives Beispiel bietet das Konzept der Initiative "Flüchtlinge Willkommen" .

Von Anika Schnücke
WG-Vermittlung
Mounir und Christine sind zufrieden mit der WG-Vermittlung. Foto: Anika Schnücke

Ziel ist die Vermittlung von WG-Zimmern an Geflüchtete. Gegründet in Berlin, engagiert sich der Verein bereits seit dem Jahr 2014 und wird deutschlandweit von Teilgruppen unterstützt.

In Münster hilft die ansässige Lokalgruppe Geflüchteten seit etwa drei Jahren bei der Suche nach einem neuen Zuhause und hat schon über 20 WGs zusammengebracht.

Wie es funktioniert

Das Prinzip ist einfach: WGs und Geflüchtete melden sich jeweils über ein Kontaktformular an. Auf dieser Basis nehmen die Mitglieder der Hauptstelle in Berlin den Kontakt auf und führen ein erstes Gespräch.

Anschließend gehen Anfragen und Angebote an die jeweiligen Lokalgruppen. Hier beginnt die Suche nach der perfekten Konstellation und passende Inserate werden einander vorgeschlagen.

Begleiter geben Hilfestellung

Die ehrenamtlichen Mitglieder der Lokalgruppe übernehmen bei der Vermittlung die Rolle von Begleitern. In Münster sind es im Moment neun aktive Gruppenmitglieder.

Als Begleiter stellen sie den Kontakt her oder begleiten die Geflüchteten zum WG-Casting. Hinzukommend bieten sie Hilfe bei dem Ausfüllen von Anträgen und Behördengängen an. Im Anschluss einer Vermittlung erfolgen Gespräche zur Zufriedenheit auf beiden Seiten.

Außerdem bemühen sich die Paten um eine Vernetzung der Teilnehmer in Münster. Die Lokalgruppe organisiert zum Beispiel gemeinsame Kochabende. 

Münster als neues Zuhause

Die WG von Christine Langkamp und Mounir Sharif erzählt eine gelungene Vermittlunsgeschichte. In ihrem Haus leben insgesamt zwölf Mitbewohner und seit Mai 2016 ist auch Sharif fester Bestandteil dieser WG.

Ursprünglich stammt Sharif aus Aleppo in Syrien und kam im Juli 2015 nach Deutschland. Im Anschluss an Aufenthalten in Hamburg, Bramsche und Papenburg, fand er sein neues Zuhause in Münster. Hier fühlt er sich besonders wohl - vor allem dank Langkamp und ihren Mitbewohnern. 

Aus Syrien kennt Sharif keine WGs

"In den ersten zwei Wochen war alles sehr neu für mich", beschreibt Sharif seinen Start in der Hausgemeinschaft. Er erklärt, dass es in Syrien keine derartigen Wohnkonzepte gibt.

Nach kurzer Eingewöhnungsphase, fühlt er sich angekommen. Ihm gefällt vor allem die ständige Abwechslung in der WG: "Ich bin kein Fan von Routine und möchte viel vom Leben lernen." 

Seine Mitbewohner betonen, dass Sharifs offene und vorurteilsfreie Art eine Bereicherung für das Zusammenleben ist. Für ihn ist das Leben in der WG mittlerweile normal und er freut sich über den Zusammenhalt im Haus. Seit Kurzem bereichert auch ein neuer Mitbewohner aus Guinea das Zusammenleben.

Nicht nur Mitbewohner, sondern Freunde

Obwohl sich Sharif in seiner Anfangszeit primär auf das Zuhören beschränkte, lernte er die deutsche Sprache mit Unterstützung eines Sprachkurses schnell. Durch das Leben in seiner WG kommt Sharif dazu, auch im Alltag Deutsch zu sprechen.

Beim WG-Frühstück oder an regelmäßig stattfindenden Kochabenden entsteht ein optimaler Austausch. Am Wochenende unternehmen die Mitbewohner gerne Ausflüge und pflegen insgesamt ein sehr freundschaftliches Verhältnis miteinander.

Es müssen sich alle einig sein

Damit die Anmeldung und Vermittlung eines Zimmers gut funktionieren kann, sollten alle hinter dem Projekt stehen. Bei Langkamps Mitbewohnern bestand die Sorge, dass sie viel Zeit in die Unterstützung ihres neuen Mitbewohners aufwenden müssen.

Diese war allerdings unbegründet. Am Anfang half die WG bei Telefonaten mit den Ämtern oder der Organisation der Sprachkurse. Anschließend entwickelte sich ein normales WG-Leben. Langkamp fasst es so zusammen: "Das Wichtigste ist, Sachen zusammen zu unternehmen, offen zu sein und dem Ganzen die Chance zu geben, dass sich Freundschaften entwickeln können."

Vermieter haben oft Bedenken

Mit ihrer Vermieterin hatten Langkamp und Sharif keine Probleme. Der Mietvertrag war schnell unterschrieben, sobald sie Sharif kennengelernt hatte. Solch ein unkomplizierter Ablauf ist nicht immer der Fall.

Die Lokalgruppe erklärt, dass sie neben Hürden des neuen Integrationsgesetzes vor allem bei Vermietern auf Ablehnung stößt. Diese befürchten einen hohen bürokratischen Aufwand oder machen sich Sorgen um die Finanzierung. 

Finanzierung über Wohngeld sicher

Dabei besteht in Bezug auf Unsicherheiten der Mietzahlung kein Anlass zu Bedenken. Die Finanzierung ist über den Anspruch auf Wohngeld gesichert.

Sollte eine Kaution oder die erste Miete vor Abschluss des Verfahrens bei dem zuständigen Amt fällig werden, springt die Initiative finanziell ein. Somit fallen für die WG keinerlei Kosten an und auch die Vermieter müssen sich nicht um eine pünktliche Zahlung der Miete sorgen. 

Mehr Suchanfragen als WG-Angebote

Trotz zahlreicher Unterstützung und positiver Resonanz, zeigt sich bei den Anmeldungen nach wie vor ein Ungleichgewicht. Im Schnitt gibt es etwa zehnmal mehr Anfragen als angemeldete Zimmer, merken die Mitglieder der Lokalgruppe Münster an.

Langkamp sieht ebenfalls offenes Potenzial bei der Vermittlung und hier Verwaltungsstellen in der Verantwortung: "Es wäre zum Beispiel hilfreich, wenn das Studierendenwerk darüber nachdächte, bei der WG-Vermittlung zu helfen."

Sinkende Aufmerksamkeit als Problem

Saskia Militz, Mitglied der Münsterischen Gruppe, weist darauf hin, dass die Aufmerksamkeit für das Projekt abgenommen hat. In der Bevölkerung scheint das Bewusstsein für benötigte Unterstützung gesunken zu sein.

Dabei beginnt die Hauptaufgabe der Integration ihrer Meinung nach genau jetzt. Hier stimmen die anderen Gruppenmitglieder zu.

Die Integration beginnt jetzt

Zentrale Aufgaben der Integration sind vor allem jetzt und in naher Zukunft relevant. Die Geflüchteten werden anerkannt, lernen die Sprache und können in eigene Wohnungen ziehen.

Trotzdem scheint ihnen in vielen Bereichen die Teilhabe verwehrt. Daher hofft die Lokalgruppe Münster auf ein erneutes Aufleben des Interesses und eine Sensibilisierung für das Thema Integration. 

Isolation ist der falsche Weg

Sharif ist besonders wichtig, mit Deutschen in Kontakt zu kommen und Offenheit zu demonstrieren. Hier betont er, dass man auf Menschen zugehen muss. Seine Mitbewohnerin Langkamp fügt hinzu: "Isolation ist der falsche Weg. Wenn keine Plattform existiert oder kein Kontakt zwischen Geflüchteten und Deutschen angestrebt wird, kann Integration nicht funktionieren."

Daher sind sich beide in Bezug auf gelungene Integration einig: "Es ist wirklich das allerbeste Projekt. Geflüchtete in WGs zu bringen oder auch Menschen in Wohnungen zu bringen, die zentral sind und in denen nicht nur Geflüchtete wohnen. Auf diese Weise findet automatisch ein Austausch statt."

Lokalgruppe freut sich über neue Mitglieder

In Münster gehört die Lokalgruppe zum Verbund der Hochschulgruppen. Wer Interesse an der Mitarbeit in der Gruppe hat, ist herzlich willkommen und kann die Mitglieder unter muenster@fluechtlinge-willkommen.de kontaktieren. Freie Zimmer oder Gesuche werden zentral über die offizielle Homepage von "Flüchtlinge Willkommen"  angenommen.

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