Stadtwerke-Bilanz 2017
Erfolgreiche Feinde am Hafenplatz

Münster -

Die beiden Geschäftsführer sind sich nicht grün: Trotzdem legen die Stadtwerke Münster eine ansehnliche Bilanz für 2017 vor.

Freitag, 15.06.2018, 20:15 Uhr

Ihrem Streit zum Trotz haben die Stadtwerke-Geschäftsführer Dr. Dirk Wernicke (r) und Dr. Henning Müller-Tengelmann für das Jahr 2017 eine Bilanz vorgelegt, die die ursprünglichen Zielsetzungen übertroffen hat. Foto: Matthias Ahlke

Hinter der Fassade am Hafenplatz 1 sprechen in diesen unruhigen Zeiten vermeintliche Kleinigkeiten Bände. In der 100-minütigen Bilanz-Pressekonferenz vermeiden es die beiden miteinander über Kreuz liegenden Geschäftsführer Dr. Henning-Müller-Tengelmann und Dr. Dirk Wernicke am Freitag jedenfalls geflissentlich, den Namen des jeweils anderen in den Mund zu nehmen. Nur einmal kurz vor Schluss kommt Wernicke ein „Mein Kollege“ über die Lippen. Dabei kommen die beiden Stadtwerke-Chefs, zwischen denen das Tischtuch ob persönlicher und inhaltlicher Differenzen zerrissen scheint, am Ende ihrer Ausführungen sogar zu einer gleichlautenden Feststellung: Wegen ihrer breiten Aufstellung verfügten die Stadtwerke Münster über eine gute Ausgangsposition in einem hart umkämpften Wettbewerb.

Diese Einigkeit indes ließ die Unternehmensspitze in der Vergangenheit häufig vermissen – inzwischen sehr zur Sorge der gut 1000 Mitarbeiter des städtischen Versorgungsunternehmens. Deren Vertreter im Aufsichtsrat haben sich nach Informationen unserer Zeitung angesichts der verfahrenen Situation in der Geschäftsführung und in Sorge um das Unternehmen mit einem Brief an die Parteien gewandt.

Schließlich steuern die Stadtwerke mit vier Millionen Euro nicht nur eine beträchtliche Summe zum städtischen Haushalt bei. In der Welt der münsterischen Wirtschaft gehört das Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 547 Millionen Euro (2017, Überschuss nach Steuern: 14,1 Millionen Euro) zu den großen Nummern. Allein Aufträge in Höhe von 37,5 Millionen Euro sind im abgelaufenen Geschäftsjahr an die heimische Wirtschaft vergeben worden, wie Aufsichtsratsvorsitzender Alfons Reinkemeier bei der Vorstellung des Jahresberichts 2017 eigens betont.

Steigende Preise

 „Wir leben in einer Welt von teurer werdender Energie.“ Zwar rechnet Stadtwerke-Geschäftsführer Henning Müller-Tengelmann nach eigenem Bekunden im laufenden Jahr nicht mit einer Anhebung der Preise für Strom und Gas. 2019 könne es aber zu Preismaßnahmen kommen. Das wiederum hänge von den Großhandelspreisen ab. Zwar kaufen die Stadtwerke bis zu drei Jahre im Voraus an den Energiebörsen. Doch bleiben die in den vergangenen Monaten stark gestiegenen Energiepreise auf diesem Niveau, wird das auch der Verbraucher spüren. Höhere Wasserpreise kommen 2019 auf Münster zu – und zwar unabhängig vom umstrittenen Dipol-Konzept, das die Schließung von zwei Wasserwerken in der Stadt vorsieht, wie die Stadtwerke betonen. Investitionskosten müssten in jedem Fall getätigt werden und durch steigende Wasserpreise refinanziert werden. Als Erfolg hebt Geschäftsführer Dirk Wernicke die 2017 um 21 Prozent erhöhte Erzeugung von Windenergie durch eigene Anlagen hervor.

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Überhaupt sind die Zahlen ansehnlich, die die Stadtwerke vorweisen. Allerdings tragen verschiedene Sondereffekte wie aufgelöste Rückstellungen oder Erlöse aus Grundstücksverkäufen (1,7 Millionen Euro) zu dem Ergebnis bei, das klar über dem Wirtschaftsplan liegt. Zehn Millionen Euro fließen in die Gewinnrücklagen des Unternehmens. Damit werde die Finanzkraft gestärkt. heißt es Die Eigenkapitalquote steigt auf 38,4 Prozent. Drei Viertel der laufenden Investitionen können laut Müller-Tengelmann aus dem Cashflow des normalen Geschäfts finanziert werden.

Für das Jahr 2018 prognostizieren die Stadtwerke einen Jahresüberschuss von 11,3 Millionen Euro. Dazu tragen erneut Grundstücksverkäufe bei. Viel sei dann nicht mehr da, so die Auskunft zur Immobiliensituation. Strategische Zukunftsprojekte laufen derweil an: Im Juli beginnt der ein Jahr dauernde Glasfaser-Ausbau im Kreuzviertel, wie Wernicke ankündigt. Die Entwicklung neuer Windparks im Münsterland habe ein Projektvolumen von 150 Megawatt. Die Erneuerung der Fernwärme-Hauptleitung am östlichen Ring geht weiter. Auch die Busflotte steht vor einer Modernisierung. Stichwort Fahrgastzahlen: Mit 45,3 Millionen Fahrtgästen verzeichnet man für 2017 ein neues Allzeithoch.

Wer indes die nächsten Unternehmenszahlen präsentieren darf, ist aktuell offener denn je. Das erwartete Strukturgutachten könnte nämlich für einen Donnerhall sorgen.

Kommentar: Große Herausforderungen

Die Stadtwerke können mit einer vorzeigbaren Bilanz für 2017 aufwarten, ganz im Widerspruch zu dem öffentlichen Zoff in der Unternehmensspitze. Zur Wahrheit gehört natürlich, dass das deutlich über Plan liegende Ergebnis in gewissen Teilen Sondereffekten zu verdanken ist. Und die haben mit dem eigentlichen operativen Geschäft nichts zu tun – etwa Grundstücksverkäufe.Trotz allem macht das städtische Versorgungsunternehmen geschäftlich in den hart umkämpften Märkten Strom- und Gasverkauf noch eine gute Figur. Dabei helfen dem Unternehmen auch die Kundenbindungsmaßnahmen wie die Stadtwerke-Plus-Card, die etwa das Busfahren einfach macht, die Münsteraner in großer Zahl bei der Stange zu halten. Und ohne den Querverbund des Unternehmens, der das zweistellige Millionen-Minus im Busbetrieb ausgleicht, würde es im ÖPNV in Münster anders aussehen.Doch die Stadtwerke stehen vor großen Herausforderungen. Bei der Energieerzeugung fehlt angesichts der politischen Rahmenbedingungen Verlässlichkeit. Das macht anstehende Investitionen ins Kraftwerk nicht einfacher. Die Kosten für den Glasfaser-Ausbau oder der künftige Bäderbetrieb müssen sich erst als sinnvoll erweisen. All das, vor allem der geplante Umbau der Unternehmensspitze ist mit vielen Fragezeichen versehen.

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