Mediziner-Mangel
Angespannte Situation in Gronau: Acht Hausärzte fehlen

Gronau -

Die Erkältungs- und Grippezeit hat noch nicht einmal richtig angefangen – und trotzdem sind die Wartezimmer der niedergelassenen Hausärzte in Gronau wie auch in Epe zum Bersten voll. „Wenn man denn überhaupt einen Termin bekommt. Oder einen Hausarzt findet, der einen Patienten neu aufnimmt", machen viele ihrem Frust inzwischen auch in den sozialen Medien Luft. „Die Situation in der Dinkelstadt ist schon enorm angespannt“, bestätigt auch Dr. Andreas Binder als Vertreter der niedergelassenen Hausärzte. 

Dienstag, 09.01.2018, 09:01 Uhr

Immer mehr Patienten, immer weniger Hausärzte: In Gronau und Epe fehlen aktuell acht Mediziner. Der Altersdurchschnitt der praktizierenden Ärzte liegt bei über 60 Jahren.
Immer mehr Patienten, immer weniger Hausärzte: In Gronau und Epe fehlen aktuell acht Mediziner. Der Altersdurchschnitt der praktizierenden Ärzte liegt bei über 60 Jahren. Foto: dpa

„Unterm Strich dürften hier nach Vorgabe der Kassenärztlichen Vereinigung sogar noch sieben weitere Kolleginnen oder Kollegen eine Praxis eröffnen. Da ist der Kollege, der jetzt verstorben ist, noch gar nicht mir eingerechnet.“

Der Tod des Arztes trifft die Gronauer Fachschaft nicht nur menschlich, auch hinsichtlich der Patientenversorgung tun sich nun weitere Probleme auf. Dr. Andreas Binder : „Er war ein Vertreter der jüngeren Generation, er hatte – im Gegensatz zu anderen praktizierenden Ärzten – auch altersmäßig noch eine Zukunft vor sich. Die Mehrzahl der Hausärzte in Gronau und Epe sind inzwischen über 60 Jahre. Der Altersdurchschnitt in den beiden Stadtteilen ist sehr hoch. Ein Kollege wird in diesem Jahr zudem altersbedingt seine Praxis schließen. Dann fehlen unterm Strich zum Jahresende hier neun Ärzte.“

Spezielle Fördermöglichkeiten

Spezielle Anreize, sich ausgerechnet in Gronau oder Epe nieder zu lassen, gebe es seitens des Kreises oder der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Westfalen-Lippe nicht. Der Hausärztesprecher: „Es gibt sicherlich Gemeinden mit einem noch höheren Bedarf. Rhede fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Diese Kommune steht auch auf der Liste, die hinsichtlich spezieller Fördermöglichkeiten erstellt wurde. Ich vermute, dass sich jüngere Kollegen, die sich mit dem Gedanken an eine Praxiseröffnung tragen, dann vielleicht eher in diese Richtung orientieren.“

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Zwar könnten Gronau und Epe mit einer guten Infrastruktur punkten, die Bahn- wie ebenso die Autobahn-Anbindung sind vorhanden. Auch die Nähe zu den Niederlanden sei sicherlich ein Pfund. Das „Aber“ wiegt doch deutlich schwerer: „Es gibt natürlich auch Gemeinden, die näher an Münster oder am Ruhrgebiet liegen. Auch dort gibt es reizvolle Lagen.“ Und, so Dr. Andreas Binder, „man darf nicht vergessen, dass es hier einen sehr hohen Migrantenanteil gibt. Ich habe in meiner Praxis bei den Patienten einen Anteil von etwa 50 Prozent.“

Behandlungsqualität darf nicht leiden

Dass die Patienten seines verstorbenen Kollegen ganz aktuell Sorge haben, nun keinen neuen Hausarzt zu finden, kann Dr. Binder nachvollziehen: „Viele Kollegen sind natürlich recht voll. Aber nun müssen alle an einem Strang ziehen. Ich sehe hier besonders die Jüngeren in der Verantwortung.“

Er selbst, so der Mediziner („Ich bin Mitte 60.“), habe seit dem Wochenende 20 neue Patienten aufgenommen. „Bei den meisten ging es um Rezeptwünsche, die ich mit einem kurzen Erstgespräch verbunden habe. Wir werden solange weitere Patienten aufnehmen, bis es wirklich nicht mehr geht. Die Behandlungsqualität darf nicht darunter leiden. Darauf haben alle – die bisher schon bei uns bekannten wie auch die neuen – Patienten einen Anspruch.“

Die Leistung einfordern, von einem bestimmten Hausarzt behandelt zu werden, kann niemand. „Man muss mitunter einige Wege in Kauf nehmen und sich durchfragen“, sagt Dr. Andreas Binder: „Ein Arzt kann eine Neuaufnahme ablehnen, wenn sein Limit erreicht ist.“

Soll an Fachärzten ist erfüllt

Interessant ist übrigens in diesem Zusammenhang auch die Situation der Fachärzte in Gronau und Epe, speziell mit dem Augenmerk auf die Kinderärzte. Hier gibt es gleichsam regelmäßig den Hinweis, dass diese Mediziner keine zusätzlichen Patienten aufnähmen. Dazu Dr. Andreas Binder: „Das mag sein. Aber nach Kassenärztlichen Vorgaben ist das Soll an Fachärzten in den Dinkelstädten erfüllt. Egal, welche Richtung man hier herausnimmt: die Niederlassung eines weiteren Facharztes ist nicht möglich. Auch nicht die eines Kinderarztes.“

Was bei diesen Kollegen aus seiner Sicht oftmals die Wartezimmer fülle, seien „Eltern, die sich heute manchmal selbst bei einem Schnupfen ihres Kindes nicht mehr selber zu helfen wissen.“

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