Draußenzeit-Leiterin Christiane Brosat
Keine Angst vor der Natur

Greven -

Christiane Brosat sitzt zwischen Tipis, Open-Air-Küche und Kletterbäumen im Waldcamp des Vereins Draußenzeit. Sie gehört zu den Gründern des pädagogischen Projekts, in dem Naturerfahrung gelebt wird. Mit der Pädagogin sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Freitag, 20.07.2018, 22:36 Uhr

Christiane Brosat gehörte vor neun Jahren zu den Gründern von Draußenzeit. Die Pädagogin wohnt in der Bauerschaft Hembergen. Foto: Günter Benning

Wir sind hier gerade im Tipicamp mit vielen Kindern. Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, so etwas anzubieten?

Brosat: Mein Kollege Felix von Schoenebeck und ich, als die Gründer, sind beide sehr naturverbunden. Wir wollten das, was wir selber für heilsam halten, auch anderen Menschen ermöglichen. Wir hatten beide als Sozialpädagogen im Umgang auch mit schwierigen Kindern oft das Gefühl, hier fehlt der Zugang zur Natur. Und die Settings, in denen Kindern das Draußen-Sein ermöglicht wird. Daneben wollten wir beide einfach gern einen Arbeitsplatz haben, bei dem wir draußen sein können.

Gehört das zum normalen Kanon des Pädagogik-Studiums?

Brosat: Wir haben uns weitergebildet im Bereich der Wildnispädagogik und der Visionssuche, um mit diesen Ansätzen einen Rahmen zu schaffen. Das Ergebnis sieht man jetzt hier. Das ist ein Tipicamp, wo Gruppen verschiedenster Art das ganze Jahr über hinkommen und sehr leicht andocken können. Wir haben das Glück, einen schönen, einladenen Platz gefunden zu haben. Ich erlebe es immer wieder, dass Menschen hier extrem leicht „abtauchen“ können. Den Alltag, die Stadt können sie wirklich außen vor lassen und sich zurückbesinnen auf das, was wirklich wesentlich im Leben ist. Das war unser Anliegen. Bei Erwachsenen geht das eher in einem Reflektionsprozess, bei Kindern im Spiel.

In den letzten Jahren hat sich durch die neuen Medien eine Menge getan. Das sind ja ganz untaktile Medien, man wischt, tippt, hat aber nichts Richtiges in der Hand. Merkt man das den Kindern an?

Brosat: In den neun Jahren spüre ich keine wahnsinnige Veränderung. Als wir hier anfingen, waren diese Medien schon sehr wichtig. Heute ist es weniger Fernsehen und Playstation, heute geht es ums Smartphone. Es ist natürlich deutlich so, dass das insgesamt Auswirkungen auf die Entwicklung der Jugend hat. In der Neurobiologie sagen die Forscher ganz klar, dass bei Kindern der Gehirnbereich, der die Daumen steuert, immer größer wird. Während andere Gehirnareale, die zum Beispiel fürs Klettern gebraucht werden, mehr oder weniger verkümmern. Deshalb ist unsere Arbeit wichtig, weil die Kinder hier sensorisch anders gefordert sind.

Manche Kinder, die gerade hier sind, sind Mehrfach-Gäste. Manchmal hat man das Gefühl, sie kommen aus ökologisch interessierten Familien. Ist das allgemein so?

Brosat: Das ist unterschiedlich. Natürlich haben Eltern, die ihre Kinder bei uns anmelden, oft ein ökologisches Bewusstsein. Aber wir arbeiten auch mit Gruppenbuchungen, wo andere Träger ihre Kinder bringen. Da sind es ganz oft Kinder, die keine Berührungen mit Ökologie haben – die kommen aus anderen Kontexten. Wir haben hier auch Sozialstundenableister, die mit einem halben Bein im Jugendknast stehen. Wir machen, was wir tun, mit der ganzen Bandbreite der Gesellschaft.

Wie wirkt denn das Camp und der Wald auf diese Kinder, die von den Jugendgerichten geschickt werden?

Brosat: Das ist spannend. Es gibt immer am Anfang eine Stufe und eine Hürde. Wenn die überwunden ist, spätestens nach zwei Tagen oder Nächten, gibt es eine Art Eintauchen.

Also die Natur entwickelt schnell ihre Kräfte?

Brosat: Es gibt einen Spruch von Henry David Thoreau, einem großenSchriftsteller und Philosoph vor unserer Zeit, der gesagt hat, die Schicht zwischen unserer Zivilisation und der Natur ist nicht dicker als drei Nächte. Das können wir in gewisser Weise bestätigen. Ich habe schon mit einem 18-jährigen Jugendlichen im Tipi gesessen, am Feuer, Löffel geschnitzt – und dann rief ein Kumpel von ihm an fragte nach der nächsten Party. Seine Reaktion: Lass mich in Ruhe. Da merkt man bei Menschen, die ganz weit weg von uns sind im Alltag, dass sie hier total eintauchen.

Zu unserer wenig taktilen Gesellschaft gehört ja heute auch eine Art von Berührungsängsten. Man ekelt sich vor Mäusen, Spinnen und anderen kleinen Tierchen. Wenn die Kinder sich hier nachts draußen hinlegen, um zu schlafen, haben sie dann diese Ängste verloren?

Brosat: Ich würde sagen, ja. Das ist ein Ziel, mit dem wir arbeiten. Wir nennen das Naturverbindung. Die Ängste entstehen doch durch ein Getrenntsein. Wenn ich mich von der Natur als getrennt empfinde, kann ich mich ekeln, wenn vor mir ein Käfer herkrabbelt. Wenn ich mich aber in meiner menschlichen Natur angedockt fühle in die umgebende Natur, ein Teil davon werde, dann ist eine Abscheu nicht mehr möglich. Dann entsteht ein Interesse. Damit arbeiten wir. Wir haben zum Beispiel eine Übung der Wildnispädagogik, die heißt „Ein Quadratmeter Erde“. Da stecken sich Kinder und Erwachsene auf dem Boden ein Feld ab und gucken eine Viertelstunde nur darauf, um festzustellen, was sich da bewegt. Das wird zu einer Faszination, wenn man feststellt, wie viel Leben darin steckt. Und man geht dann auch anders mit den Lebewesen in der Natur um. Die Tiere sind immer vor uns hier, das ist ihr Wohnzimmer hier, wir sind die Gäste.

Sie unterrichten an der Fachhochschule in Münster?

Brosat: Ja, ich bin seit einigen Jahren Lehrbeauftragte der FH und gebe dort zwei Seminare, zum einen zur Erlebnis- und wildnispädagogischen Arbeit mit Gruppen, zum anderen über die Kompetenz, Übergänge in der Natur zu begleiten. Außerdem sind wir ein Praxisort der FH, hier machen Studenten ihre Praktika.

Bei Ihnen steht im Programm „Initiatische Prozessbegleitung“. Ist das eine neue Religion?

Brosat: Nein, gar nicht. Es geht darum, Menschen bei Lebensübergängen und Wachstumsprozessen in und mit der Natur zu begleiten. Andere Begriffe dafür sind NaturCoaching oder Visionssuche. Bei einer Visiosnssuche geht es darum, dass Erwachsene, aber auch Jugendliche, vier Tage schweigend und fastend in die Wildnis gehen. Sie werden dabei in einer Vor- und Nachbereitungszeit begleitet. Es geht dabei um eine persönlichkeitsentfaltende Arbeit.

Wer macht das?

Brosat: Das machen viele Erwachsene in der Midlife-Crisis zwischen 40 und 50. Die stecken im Job und geraten in Zweifel, ob und wie sie weitermachen sollen. War das alles? Wenn die essenziellen Lebensfragen, die sich jeder Mensch stellt, hochkommen, dann ist das häufig eine gute Methode. Wenn man vier Tage alleine draußen sitzt, kein Essen, keine Ablenkung – dann kommt man ganz schnell an die wesentlichen Dinge des Lebens. Darin wollen wir die Leute begleiten.

So was gibt es im Kloster auch.

Brosat: Genau, das ist wie Exerzitien im Kloster. Allerdings hat die Visionssuche keine religiösen Hintergründe. Es ist keine Religion und man muss auch keiner bestimmen Religion angehören. Es geht um die Person selbst und die Verbindung zur Natur.

Hier kommen auch Erwachsenengruppen in den Wald. Was erwarten die?

Brosat: Sinnsuche. Sehnsucht nach Naturverbindung. Viele Menschen empfinden, dass es einen Mangel an Natur in ihrem Leben gibt. Hier ist ein Ort, wo man mit dem Thema gefüttert wird. Wir bieten beispielsweise in diesem Jahr zum ersten Mal eine Weiterbildung zum Wildnispädagogen an. Die ist ausgebucht, es gibt schon eine Warteliste für nächstes Jahr. Im nächsten Jahr bieten wir eine Weiterbildung an, um Menschen in Übergängen zu begleiten. Ansonsten ziehen die einzelnen Themen: wie Bogenbau, altes Handwerk, Feuertechniken über Reibung. Teambuilding machen wir auch. Letzte Woche hatten wir ein Team aus einem Transportunternehmen hier.

Sie machen das seit zehn Jahren. Wohnen Sie zuhause auch im Zelt?

Brosat: Ich wohne 500 Meter entfernt in einem alten Kotten. Da wir haben einen großen Garten, wir haben Hühner und ein wenig eigenes Gemüse. Also, ich lebe auch Zuhause sehr naturverbunden. Nicht mit all dem Komfort der Stadt, aber dafür mit einer „draußen“-Qualität die uns wichtiger ist.

Viel Action im Tipi-Camp

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