Serie Selbsthilfegruppen
Wenn das Glücksspiel zur Sucht wird

Ochtrup -

Der Weg in die Spielsucht ist für Betroffene so unterschiedlich wie ihre Lebensläufe. Doch in der Selbsthilfegruppe der Caritas finden sie Unterstützung und Hilfe für den Weg aus der Sucht. WN-Mitarbeiterin Sabine Sitte hat mit den Gruppenmitgliedern gesprochen.

Samstag, 23.09.2017, 09:09 Uhr

Automaten in Spielhallen: Für zahlreiche Menschen stellt das Glücksspiel eine solch große Versuchung dar, dass es sogar zur Sucht wird. In der Gesellschaft haben es Menschen mit dieser Suchterkrankung immer noch schwer, ernst genommen zu werden. In Ochtrup trifft sich regelmäßig eine Selbsthilfegruppe
Automaten in Spielhallen: Für zahlreiche Menschen stellt das Glücksspiel eine solch große Versuchung dar, dass es sogar zur Sucht wird. In der Gesellschaft haben es Menschen mit dieser Suchterkrankung immer noch schwer, ernst genommen zu werden. In Ochtrup trifft sich regelmäßig eine Selbsthilfegruppe Foto: Martin Schutt

Es sei ein „Kick“, „das Adrenalin schießt durch den Körper“ oder „alles kribbelt“: wenn die erste Münze in den Automaten fällt, sich die Walzen zu drehen anfangen, das Spiel beginnt oder die Wette läuft. „Dann ist es wie ein Rausch“, wissen die Männer und Frauen aus der Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige. Doch anders als eine Essstörung, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit hat es diese Sucht immer noch schwer, in der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Selbst die Gesetzliche Rentenversicherung hat Spielsucht erst im Jahr 2001 offiziell als Krankheit für eine Therapiezusage anerkannt. Dabei sei es die älteste Sucht der Welt, befindet Sozialarbeiter und Gruppenleiter Ewald Brinker .

Die Wahrnehmung, ein ernsthaftes Problem zu haben und „längst voll drauf zu sein“, kommt für die Betroffenen oft spät und auch überraschend. So wie bei Frau B. (alle Namen auf Wunsch anonymisiert), die sagt: „Ich spiele doch erst seit zwei Jahren. Es erschreckt mich, wie schnell man da reinrutschen kann und wie schlecht man wieder rauskommt.“ Frau K. ist 45 Jahre alt und den Spielautomaten verfallen. „Es geht mir nicht um den Gewinn. Ich freue mich dann eher, dass ich dann noch ein bisschen weitermachen darf“, sagt sie. „Ich spiele immer bis auf Null.“ Game over, wenn das Guthaben aufgebraucht, das Portemonnaie leer ist.

Die Gründe, warum die Männer und Frauen der Selbsthilfegruppe dem Glücksspiel erlagen, sind so unterschiedlich wie ihre Lebensläufe dahinter. Mal war es Trotz, um den elterlichen Reglementierungen zu entgehen, mal ein schwerer privater Schicksalsschlag oder „um überhaupt soziale Kontakte zu haben“, wie bei Herrn H. „Da war das Spiel am Anfang eher ein Alibi, aber ich hatte Leute zum Reden.“ Die Sucht nach den Glückshormonen kam schleichend und klopfte am Ende täglich an die innere Tür. „Seit Ende März bin ich nach 25 Jahren spielfrei“, sagt der 60-Jährige nicht ohne Stolz. Aber er kennt die Versuchungen: „Nur mal zu einem Bekannten von früher auf einen Kaffee in eine Spielhalle zu gehen, ist nicht drin.“

Dass Glücksspiel und dessen Anbieter auch für die Städte ein lukratives Geschäft sind, ist kein Geheimnis. Sie profitieren von der Vergnügungssteuer. Doch Ewald Brinker glaubt: „In Städten mit vielen Spielhallen überwiegt am Ende die Armut der Menschen, die sich durch die Automaten hoch verschuldet haben.“ Der Sozialarbeiter lobt den Ochtruper Rat für seine Weitsicht, „nicht auf das Geld der Steuereinnahme geschaut zu haben“, denn es gäbe nur eine einzige Spielhalle im Ort.

Wer das zweiwöchentliche Angebot zum Besuch der Selbsthilfegruppe nutzt, muss nicht zwingend abstinent sein. „Jeder ist willkommen“, sagt Ewald Brinker, der als Suchttherapeut und Sozialarbeiter für den Caritasverband arbeitet und die im Jahr 2000 gegründete Gruppe leitet. Auch Frau B. ist nicht spielfrei. Sie würde gern aufhören, „aber ich komme nicht davon los“, sagt sie. „Die ‚Spardose’ Automat ist noch zu mächtig.“ Herrn D.s Dämon heißt „ Willi Wacker “ und symbolisiert die Zockermaschinen aus dem Online-Casino. „Ich habe in den schlimmsten Zeiten überall gespielt“, gibt er zu. „Während der Arbeit, unterwegs, daheim.“ Für den Adrenalinschub habe er das Risiko immer weiter nach oben geschraubt und so schnell mal bis zu 2500 Euro an einem Abend verloren. „Aber auch wieder gewonnen.“ Verschuldet sind die wenigsten in der Runde. Sie haben Jobs oder ein finanzielles Polster. Frau L. hatte eher ihre Beziehung aufs Spiel gesetzt: „Mein Mann war eingeweiht und wollte, dass ich aufhöre.“ Fehlendes Geld auf dem Konto, Vorwürfe, und am Ende die Drohung, sie zu verlassen. „Ich habe trotzdem nicht aufgehört.“ Irgendwann hat es doch „Klick“ gemacht. Seit zwei Jahren ist Frau L. spielfrei und der Mann noch an ihrer Seite. Ein Glück für sie, denn sie selbst glaubt: „Ich hätte das an seiner statt nicht so lange ausgehalten.“

Wenn die Betroffenen merken, dass sie süchtig nach dem Glücksspiel sind, beginnt der scheinbare Selbstschutz: die Sperrung, die Selbstanzeige für ein Hausverbot in den diversen Spielstätten oder wie bei Herrn D. die Einweihung der Vorgesetzten in die vormaligen Arbeitsaktivitäten. „Doch es ist nur eine Bremse“, resümiert Ewald Brinker, „Entscheidend ist, ob und wie viel Anlauf man nehmen will, die trotzdem zu überwinden.“ Denn Gelegenheiten zum Weiterspielen gibt es zuhauf. Nicht in jeder kleinen Spielhalle wird beispielsweise ein Ausweis verlangt. Eine klare Sache für Herrn H.: „Ich kann mir hier in der Gruppe Unterstützung holen. Doch wenn ich nicht selber mitarbeite, hat das Ganze wenig Sinn.“ Ein Nicken bei allen Betroffenen, als Herr D. berichtet. „Man wird schizophren: Der Zocker in einem meint, heute sei ein guter Tag, und du selber weißt: Willi Wacker gewinnt immer.“

Zum Thema

Die Spielerselbsthilfegruppe trifft sich das nächste Mal am 5. Oktober (Donnerstag) um 18 Uhr in den Räumen an der Parkstraße 6.

Weitere Selbsthilfegruppen für Spielsüchtige finden Sie unter gluecksspiel-selbsthilfe.org

...
Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5171597?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F182%2F
Debatte über Eklat in Ratssitzung in Münster
Pro & Contra: Debatte über Eklat in Ratssitzung in Münster
Nachrichten-Ticker