Syrische Künstlerin Rahaf Eid will sich in Borghorst ein neues Leben aufbauen
Brücke zwischen den Kulturen

Borghorst -

Ihr erstes Leben liegt unter den Trümmern des syrischen Bürgerkrieges in Damaskus begraben. Das Wohnhaus, ihr Beruf und nicht zuletzt die Textilfabrik ihres Mannes, die dem Ehepaar über Jahrzehnte einen Leben in gesicherten Verhältnissen ermöglichte – zerstört. Nach sechs Jahren der Flucht, der Ungewissheit und der Angst vor der Zukunft spürt Rahaf Eid heute: „Meine Energie kommt langsam zurück.“ Und damit die Vision für ein neues Leben, das die 52-jährige Syrerin mit ihrem Mann Bachar in Borghorst beginnen möchte. Genauer gesagt an der Münsterstraße 6. . .

Dienstag, 13.03.2018, 15:03 Uhr

Rahaf Eid eröffnet in Borghorst ein Kulturzentrum mit Namen „Reflexion“. Der Startschuss fällt am Sonntag mit ihrer eigenen Ausstellung „Frühlingsausbruch“. Foto: Axel Roll

In dem schlichten Ladenlokal plant Rahaf Eid Großes. Unter der Überschrift „Reflexion“ soll hier ein kulturelles Begegnungszentrum von internationalem Rang entstehen. „Eine Brücke zwischen Künstlern und Kulturen aus der ganzen Welt“, erläutert die 52-Jährige. Sei weiß, wovon sie redet. Sie selbst ist Malerin mit internationalem Renommee, hat gerade in der arabischen Welt Verbindungen in höchste Regierungskreise und dementsprechend schon Zusagen über vielfältige Kooperationen. Ausstellungen, Soireen, Lesungen, Vorträge, Kunstmärkte, Konzerte – Rahaf Eid sprudelt über vor Ideen.

Sie selbst hat schon in vielen Ländern ausgestellt und verkauft. Frankreich, Dubai, Argentinien. Kennt die kulturellen Hotspots der Welt – und lässt sich dann ausgerechnet im, gemessen an internationalen Maßstäben, ausgerechnet im beschaulichen Borghorst nieder. Rahaf Eid nickt verständnisvoll auf diese Frage und antwortet: „Wo wir dieses Zentrum bauen, das ist doch ganz egal. Wenn die Menschen nur wissen, wo es ist, werden sie auch kommen.“

Das Ehepaar hat die Kleinstadt durch geschäftliche Kontakte kennengelernt. Bachar Eid hat hier seine Ausbildung absolviert und war später immer wieder in Borghorst. Bei einem dieser Aufenthalte verloren die Eids ihr erstes und einziges Kind. Es liegt auf dem Friedhof Haselstiege begraben.

Beide sind sich sicher: „Borghorst wird unsere neue Heimat.“ Keine leichte Aufgabe, auch wenn es hier schon einige Freunde und Bekannte gibt. An erster Stelle steht natürlich das Lernen der deutschen Sprache. Rahaf Eid mischt sich bei jeder Gelegenheit unters Volk, hat zeitweise unter anderem beim Frauenchor „Good Vibes“ mitgesungen.

Das Ehepaar verzichtet bewusst auf jede staatliche Unterstützung. „Wir sind es gewohnt, die Dinge selbst anzupacken“, erläutert die 52-Jährige. Die eigenen Ersparnisse und die Unterstützung durch die arabischen Verwandten dienen dabei als Lebensgrundlage. Ziel ist es natürlich, möglichst schnell auf eigenen Füßen stehen zu können.

Die Malerei war für die Syrerin auf ihrer Flucht ein Mittel, um Trost, Kraft und Zuversicht zu gewinnen. „Damit konnte ich mein Trauma verarbeiten“, blickt Rahaf Eid zurück. Sie hat die Zeit genutzt, ihren Stil weiter zu professionalisieren. Mit Erfolg. Kollegen aus Marokko, Syrien und Saudi-Arabien suchten schnell den Kontakt. Parallel erteilte die Künstlerin Mal- und Zeichenunterricht. Das möchte sie auch in Borghorst weiterführen. Sie überlegt, Kurse für Kriegsflüchtlinge anzubieten, hat sie doch selbst erlebt, wie sehr künstlerische Betätigung helfen kann, die Schrecken der Flucht zu verarbeiten.

Aber erst steht einmal der kommende Sonntag als ein weiterer Meilenstein hin zu einem neuen Leben vor der Bewältigung. „Frühlingsausbruch“. So nennt Rahaf Eid die erste Ausstellung in ihrer eigenen Galerie. Sie zeigt eine Vielzahl abstrakter Werke, die meist nur einige wenige gegenständliche Elemente zeigen. Durch die unterschiedlichen Farben und Formen erzielt die Künstlerin eine Vielschichtigkeit, die den Betrachter schnell aufs Glatteis führen kann. Längst nicht alles, was auf den ersten Blick hell, bunt und heiter daherkommt, ist auch tatsächlich. Manchmal ist es nur der äußere Rahmen für Trauer, Leid und Schmerz. Und umgekehrt.

Rahaf Eid hofft natürlich inständig, dass der „Frühlingsausbruch“ für sie ein Aufbruch wird. Ein Aufbruch in ein neues Leben – in Borghorst.

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„Frühlingsausbruch“, Sonntag (18. März) um 11 Uhr Eröffnung, Münsterstraße 6, bis zum 22. April (donnerstags bis sonntags 13 bis 18 Uhr) zu sehen.

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