Gründungsintendant tritt Arbeit an
Jörg Albrecht soll Burg Hülshoff entstauben

Havixbeck -

Der erste Eindruck: Was für ein freundlicher Typ. Der zweite: Aber der passt doch nicht zur Burg Hülshoff. Der dritte – nach dem ersten Gespräch: Doch, doch, der könnte genau der Richtige dafür sein, dem altbackenen Anwesen der Droste zu neuer Klasse zu verhelfen.

Dienstag, 06.02.2018, 17:02 Uhr

Die Droste immer im Hintergrund: Dr. Jörg Albrecht im Festsaal von Burg Hülshoff.
Die Droste immer im Hintergrund: Dr. Jörg Albrecht im Festsaal von Burg Hülshoff. Foto: Wilfried Gerharz

Seit Anfang Februar ist der 37 Jahre alte Dr. Jörg Albrecht Gründungsdirektor und Künstlerischer Leiter auf Burg Hülshoff in Havixbeck. Die Droste-Stiftung, die den Geburtsort und Lebensmittelpunkt der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff zu einem „kulturellen Leuchtturmprojekt“ aufbauen will, so die Vorstandsvorsitzende Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, hat sich viel vorgenommen. Jörg Albrecht auch.

Die Burg, derzeit eher museal-verstaubt als modernes Museum, soll „interdisziplinär ausgerichteter Muse­ums-, Lern-, Residenz- und multifunktionaler Veranstaltungsort, kreative Ideenwerkstatt und Ort der Begegnung werden“, so Rüschoff-Parzinger. Klingt nach eierlegender Wollmilchsau.

Zuletzt in Berlin gelebt

Dienstagmorgen, Ortstermin. Albrecht und die Burg. Der 37-Jährige, der in Bonn geboren wurde, in Dortmund aufwuchs und zuletzt in Berlin lebte, kennt sie. 2013 war er das erste Mal dort, als Stipendiat der Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit. Er sehe sie als „eine riesige Spielfläche“, sagt er. „Ein Spielplatz“, von dem „eine tolle Spannung ausgeht zwischen dem, was da ist, und dem, was man damit machen kann“.

Anlage zu einem modernen Kulturort auszubauen

Jahrzehntelang dümpelte Burg-Hülshoff in ihrer eigenen Geschichte. Unter Federführung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) wurde 2012 die Droste-Stiftung gegründet. Sie übernahm das Anwesen. Ihr Ziel: Die historische Anlage zu einem modernen Kulturort auszubauen. Seitdem wird saniert und restauriert.

Umbauphase auf Burg Hülshoff

Gründungsintendant Jörg Albrecht muss sich bald auf ein Leben in der Burg-Hülshoff-Baustelle einrichten. Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger deutete jedoch am Dienstag vor Journalisten an, dass der erste Spatenstich für die geplanten Umbauten auf Hülshoff erst 2019 erfolgen werde. Vorgeschaltet ist ein Architekten-Wettbewerb, der in diesem Frühjahr ausgeschrieben wird. Sieben Millionen Euro stehen nach Auskunft der Landesrätin für Bauvorhaben zur Verfügung. Vorburg, Rentei und neue Ökonomie kommen für bauliche Veränderungen in Frage. Benötigt werden Unterkünfte für Studierende, die demnächst von der Medienhochschule Köln aufs platte westfälische Land geschickt werden, um ihr „Literarisches Schreiben“ im Dunstkreis der Droste und eines lebendigen gegenwärtigen Literaturbetriebes zu schulen und zu verfeinern. Gründungsintendant Albrecht stellt demnächst auch noch ein vierköpfiges Team (Büroleitung, Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltung, Technik) zusammen, für das Räume benötigt werden. In der Vorburg dürften Säle für Veranstaltungen entstehen. Die Finanzierung des Betriebes ist durch Stiftungskapital-Zinsen, Einnahmen aus Vermietung und Verpachtung und Zuschüsse gesichert, heißt es. Zu den Überlegungen zählt auch die künftige Ausrichtung des Droste-Preises, dessen Zugkraft und Ausstrahlung – bis auf wenige Ausnahmen – zuletzt spürbar geschwunden ist. Denkbar sei, so Rüschoff-Parzinger, dass er zum Beispiel auf weitere Medien und Kulturschaffende ausgeweitet wird.

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Liste seiner Preise ist lang

„Spielfläche“, „ausprobieren“, „interdisziplinär“: Die drei Worte ziehen sich durch. Albrecht ist noch jung, er hat trotzdem Erfahrung. Und Erfolg. Sich selbst versteht der Intendant als Autor. Er schrieb Bücher, Theaterstücke, Hörspiele, Essays, kreierte Foto- und Videoarbeiten und gründete ein Theaterkollektiv. Die Liste seiner Preise ist lang.

Großen Hunger nach etwas anderem gehabt

Wieso aber möchte jemand, der zwölf Jahre lang erfolgreich in Berlin Kunst gemacht hat, fünf Jahre lang eine alte Burg in Havixbeck bei Münster bespielen? Weil sich auch eine Großstadt abnutzt und ihre Freiheiten und Möglichkeiten irgendwann an Reiz verlieren. „In Berlin ist jeder Künstler“, sagt Albrecht. Da kann Metro­polen-Kunst schnell langweilig werden. Er habe je­denfalls „großen Hunger nach etwas anderem gehabt“, sagt Albrecht.

2018 will er das Thema Ökologie in den Mittelpunkt stellen. Weitere Schwerpunkte sollen sein: Religion und Glaube, Digitalisierung und Droste-Rezeption, die Beziehung von Stadt und Land oder die Frage: Was ist Publikum? Man darf sich die Umsetzung nicht chronologisch vorstellen. Eher als ein Sowohl-als-auch.

Spielen, experimentieren, alle Menschen erreichen

Spielplatz, experimentieren, Formalismen über Bord werfen. Ein Beispiel, wie das aus­sehen könnte: Eine Lesung, kombiniert mit einer Tanzperformance, kom­bi­niert mit dem Auftritt ei­nes Chores aus der Region. Daraus könne eine „produktive Spannung“ entstehen, sagt er. Und die habe dann das Potenzial, spannend zu sein.

Albrecht ist einer, „der alle Menschen erreichen“ möchte. Er testet aber auch Grenzen aus. Wie er da so herkommt, mit Basecap und Hochwasserhose, wirkt er im betagten Droste-Ambiente wie ein Fremdkörper. Das könnte sich schnell ändern.

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