Interview mit Michael Patrick Kelly
„Einmal alles auf Null“

Münster -

Mit der Kelly Family hat er über 20 Millionen Alben verkauft: Michael Patrick Kelly war einer der Superstars der 90er Jahre. Aber der Druck und die Popularität waren für den jungen Künstler einfach zu groß. Also wagt Kelly den radikalen Schnitt und geht für sechs Jahre ins Kloster. Jetzt erlebt er als Solokünstler ein Revival. Sein drittes Album „iD“ ist jüngst erschienen. Zudem begeisterte der 1977 in Dublin geborene Musiker in der Sendung „Sing My Song“. Unser Redakteur Carsten Vogel hat mit ihm gesprochen.

Freitag, 11.08.2017, 13:08 Uhr

Michael Patrick Kelly ist mit seinem neuen Album „iD“ unterwegs auf großer Deutschlandtournee.
Michael Patrick Kelly ist mit seinem neuen Album „iD“ unterwegs auf großer Deutschlandtournee. Foto: Andreas Nowak

Kann man sich von seiner Vergangenheit emanzipieren?

Michael Patrick Kelly : Ja, als Solokünstler habe ich mich emanzipiert. Einer der Gründe, warum ich ins Kloster gegangen bin, war der, mich von der Familie zu lösen. Irgendwann habe ich Musik mit Zwängen und Erwartungsdruck verbunden.

Kein Wunder, die Kelly Family hat ja in Deutschland immerhin 48 Gold- und Platin-Schallplatten verkauft. Da ist der Druck groß, und man verliert bestimmt irgendwann die Lust.

Kelly: Schwierig wurde es, als ich 18 war und als musikalischer Leiter der Band den Nachfolger für ein Album produzieren sollte, das sich viereinhalb Millionen Mal verkauft hatte. Das sind Dimensionen, die kann man sich gar nicht vorstellen. Da steckt eine Industrie dahinter, die Marketing mit einem Budget von Millionen plant. Und wenn Musik nur noch ein Business ist, dann vergeht einem die Lust und die Leidenschaft. In den jungen Jahren war das einfach too much. Und Gott sei Dank habe ich die Kurve gekriegt.

Sowohl Ihrem Album als auch Ihren Auftritten bei „Sing My Song“ merkt man den Spaß an der Musik an.

Kelly: Die Bühne war immer mein Spielzimmer. Musizieren, Performen und Songs schreiben sind für mich ganz natürliche Dinge. So wie ein Baby von Natur aus tauchen kann (lacht). Die Kloster-Zeit hat mir die Lust, die Freude und die Leidenschaft für Musik zurückgegeben. Ich hatte meist nur sonntags ein oder zwei Stunden Zeit, habe mir die Gitarre geschnappt und im Keller Songs geschrieben. Ohne den Druck, etwas Radiotaugliches komponieren zu müssen. Und dann ist die Passion zurückgekehrt.

Sie haben sich dafür entschieden, ins Kloster zu gehen. Aber Sie hätten ja auch einen Psychologen oder Psychiater aufsuchen können.

Kelly: Ich habe beides gemacht. Auch eine Therapie. Es war eine ziemlich schlimme Krise und ich brauchte professionelle Hilfe, um mich zu sortieren. Mit Anfang 20 hatte ich alles, was man heute unter Glücks-Symbolen versteht: im Schloss leben, Stadien füllen, viel Geld verdienen. Aber es hat mich nicht glücklich gemacht. Deswegen habe ich mich auf die Suche nach einer tieferen Wahrheit gemacht. Warum gibt es mich? Warum gibt es so viel Ungerechtigkeit und Leid in der Welt? Wer ist Gott?

Waren Sie denn immer schon gläubig?

Kelly: Ich bin zwar katholisch getauft, aber wir sind nicht in die Kirche gegangen oder haben vor dem Abendessen gebetet. Trotzdem haben ich mich mit diesen Fragen beschäftigt. Mein Eintritt ins Kloster war keine Affekthandlung. Ich bin jemand, der sehr viel nachdenkt, bevor er eine Entscheidung trifft.

Es fließt ja viel Autobiografisches in Ihre Songs mit ein. Wenn ich „Lazarus“ richtig interpretiere, haben Sie eine Stimme gehört, die Ihnen gesagt hat, Sie sollen wieder Ihrer Profession, also Ihrer Musik nachgehen. Ist das so?

Kelly: Ja, das ist so. Ich war früher ein sehr extrovertierter Mensch. Und in den sechs Jahren im Kloster habe ich meine innere Welt entdeckt, ich bin viel introvertierter als früher. In den letzten zwei Jahren im Kloster wurde ich immer wieder krank und musste Studien abbrechen. Daraufhin haben die älteren Mönche die Einsicht gehabt, die mir gefehlt hat: Sie meinten, es sei nicht meine Berufung, und ich sollte wieder Musik machen und mir eine schöne Frau suchen (lacht).

Und so ist es auch gekommen?

Kelly: Mir hat mal jemand gesagt: Da, wo du blühst, wo du lebendig bist, da wo du drin aufgehst – das ist Gottes Wille, da ist deine Berufung.

Ein Neuanfang.

Kelly: Ein Reset. Zu viele Bugs, also Viren, einmal alles auf Null, das habe ich gebraucht. Und jetzt kann ich den Musik-Zirkus mit anderen Augen sehen.

Die Kelly Family

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    Begleitet von Maite (l) und Patricia singt John von der "Kelly Family" am Donnerstag (27. November 1997) in der Berliner Deutschlandhalle. 

    Foto: dpa
  • Dan Kelly (Archivbild vom 15.07.1998) galt als Familienoberhaupt.

    Foto: dpa
  • Solo-Pfade: Kathy Kelly beim Konzert in Reckenfeld.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • Solo-Pfade: Kathy Kelly beim Konzert in Reckenfeld.

    Foto: dpa
  • Vom Vater der Kelly Family, Daniel Jerome Kelly, nehmen am Sonntag (11.08.2002) Fans an der Kölner St.Mariä Himmelfahrt Kirche Abschied. 

    Foto: dpa
  • "Jimmy" (l) und "Paddy" Kelly von der Kelly-Family musizieren am Freitagabend (06.12.2002) in der Stimmberghalle von Oer-Erkenschwick beim Auftaktkonzert ihrer Christmas-Tour.

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  • Paul Kelly singt am Mittwoch (30.11.2011) im Hamburger Congress Centrum. 

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  • Die Kelly-Family umarmt sich bei der Generalprobe zur deutschen Vorentscheidung für den "Grand Prix Eurovision 2002" am Freitag (22.02.2002) in der Kieler Ostseehalle. 

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  • Die Fans der "Kelly-Family" warteten auf schon seit dem Vortag auf die Auftritte - wie hier am Hamburger Volksparkstadion.

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  • Während Paddy (r) von der Kelly-Family klatscht, schläft seine Schwester am Sonntag (03.10.1999) beim Finalspiel der Williams-Schwestern im Rahmen des Grand Slam Cups in München. 

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  • Ein Ständchen für die Fotografen gibt die Kelly Family am 5.10.1998 auf dem Balkon von Schloss Gymnich (Erftkreis). 

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  • Dan Kelly (71), Chef der Familien-Popgruppe Kelly Family, ist am späten Freitagabend (09.08.2002) in Durrara in der irischen Grafschaft Cork beigesetzt worden. Vor der Kirche rechts Joey Kelly. Dan Kelly war nach mehreren Schlaganfällen gestorben.

    Foto: dpa
  • Patricia Kelly singt am Mittwoch (30.11.2011) im Hamburger Congress Centrum. 

    Foto: dpa
  • Die Kelly Family startet am Samstag (26. April 2008) in der Leonardskirche in Stuttgart die Deutschland Tournee "More Good News The Kelly Family. 

    Foto: dpa
  • Maite und Paddy Kelly beim Auftritt am 20. Juli 1999 auf dem Unicef-Konzert in Bremen. 

    Foto: dpa
  • Bernhard Paul (M), Gründer des Circus Roncalli, posiert am Montag (08.12.2003) mit Mitgliedern der Kelly Familiy (v.l.) Joey, Maite, Patricia und Paddy vor dem Oberhausener Schloss. 

    Foto: dpa

Gelassener?

Kelly: Auf jeden Fall. Ich habe jetzt in meinen Verträgen stehen, dass ich als Künstler das letzte Entscheidungsrecht besitze.

Noch mal das Thema Emanzipation: Singen Sie auf Ihrer Tournee auch Songs wie „An Angel“?

Kelly: Ein paar alte Songs spiele ich schon. Daneben natürlich Solosongs, aber auch welche von „Sing My Song“. Die Kelly-Lieder sind für mich Meilensteine. Es gab Zeiten, in denen ich sie nicht spielen konnte, weil mein Kopf nicht frei dafür war. Jetzt arrangiere ich sie mit meiner Band um.

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Welcher Song bei „Sing My Song“ hat Ihnen am besten gefallen?

Kelly: Ich mag „Flüsterton“ von Mark Forster, der mir interessanterweise erzählt hat, dass seine Entscheidung Musik zu machen, auf dem Jakobsweg gefallen sei. Und „Memories“ von Gentleman. Ein tolles Lied.

Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Fans mit Ihnen erwachsen werden?

Kelly: Ich denke ja. Ich bin sehr erstaunt und beeindruckt, wie viele im Publikum mich noch aus den Neunzigern kennen. Einige haben mir mal erzählt, dass sie sich in der Warteschlange vor einem Kelly-Konzert kennengelernt haben und seitdem dicke Freunde sind.

Ich bin auch erst durch eine Kollegin aufmerksam geworden, die Sie in „Sing My Song“ gehört hat und begeistert war.

Kelly: Es ist schön, wenn der Erfolg und die Anerkennung aufgrund der Musik erfolgt und nicht wegen einer Tanz- oder Kochsendung. Denn ich kann weder tanzen noch kochen, aber ich kann singen (lacht). Und dann ist die Sendung eine wirklich gute Plattform. Dafür bin ich wirklich dankbar.

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