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Textiler Verräter

Mittwoch, 21.03.2007, 00:03 Uhr

Wie kleiden Sie sich an Tagen, an denen Sie das Gefühl haben, nur noch aus linken Beinen und Armen zu bestehen, an denen Sie Ihrem Spiegelbild missmutig die Zunge entgegenstrecken und sich absolut hässlich finden? Ziehen Sie Ihre Lieblingskleidung an oder die, bei der Sie an einem besseren Tag erkannt haben, dass sie Ihnen überhaupt nicht steht?

Mit großer Wahrscheinlichkeit greifen Sie nach diesen graumausigen Kleidungsstücken.

Haben Sie den Eindruck, dass sich Ehepaare, je länger sie zusammen sind, immer ähnlicher werden? Manchmal tragen sie sogar die gleichen Regenjacken. Unwahrscheinlich, dass sie dies tun, weil sie zwei Jacken zum Preis von einer bekommen haben. Sie entscheiden sich freiwillig für den Zwillingsauftritt. Erstaunlich.

Kleidung – vermutlich wird das niemanden überraschen – ist geschwätzig. Sie verrät, wie wir uns sehen, wie wir gesehen werden wollen. Sie gibt Details über ihren Träger preis, die ihn selbst verblüffen würden, wenn er sich ihrer bewusst wäre. „Es gibt viele Arten, sich anzuziehen“, stellen die beiden französischen Psychologinnen Catherine Joubert und Sarah Stern fest. „Die jeweilige persönliche Geschichte spielt dabei immer eine entscheidende Rolle.“

Insofern dürfte es kein Zufall sein, dass viele Männer ihre persönlichen Kleidungseinkäufe immer noch mit einer Beraterin an ihrer Seite erledigen. Ihrer Partnerin zumeist, deren Urteil den Ausschlag über Mitnehmen oder Liegenlassen gibt und die manchmal auch ohne ihn durch die Kaufhauswelt zieht, um hier ein Oberhemd und da einen wollenen Schlafanzug zu kaufen. „Viele Männer wissen noch nicht einmal, welche Größe sie bei Jacken, Hosen und selbst bei der Unterwäsche tragen. Frauen hingegen wählen ihre Leibwäsche in der Regel selbst, während Männer diese Aufgabe delegieren, weil für Textilien ja die Frauen zuständig sind“, schreiben die beiden Psychologinnen in ihrem bei DVA erschienenen Buch „Zieh mich aus. Was Kleidung über uns verrät“. Von der Obhut der Hosen und Hemden auswählenden Mutter in die der Partnerin – keine eherne Regel, aber auch keine Ausnahme.

Die beiden Frauen sind es als Psychologinnen gewohnt, Verhaltensfragen zu hinterfragen und waren vermutlich deshalb so überrascht, als sie bei einem Besuch in Florenz in einen Schlussverkaufsrausch gerieten, der ein unbestimmtes Schuldgefühl hinterließ: „Was war die Ursache dieses Kleiderfimmels?“, stellen die beiden Fragen, die Frauen wie Ex-Spice-Girl Victoria Beckham oder Hotelerbin Paris Hilton vermutlich seit Jahren nicht mehr beschäftigen. Für sie ist Mode Theater. Der Kleiderschrank muss voll für die tägliche neue Selbstinszenierung sein.

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sein Fellkleid täglich erneuert. Das geschieht bewusst und überlegt auch bei jenen Menschen, die von sich behaupten, Kleidung sei für sie so nebensächlich wie eine Eintagsfliege. Männer und Frauen, die keine andere Kleiderfarbe als Schwarz an sich zulassen, mögen noch so oft von sich behaupten, sie seien zu bequem, täglich aufs Neue komplizierte Kleidungsfragen zu beantworten. Glauben sollte man ihnen das nicht. „Schwarze Kleidung zieht den Blick des anderen auf sich, sie stellt eine Frage und lässt sie unbeantwortet“, meinen die beiden Psychologinnen. „Der Mann oder die Frau in Schwarz verleiht seiner äußeren Erscheinung eine Kontinuität.“ Schwarz vereinheitlicht verschiedene Selbstbilder und lässt sie fortbestehen. Männer wie Modeschöpfer Karl Lagerfeld sind Sinnbilder dieser Kleidungsauffassung. Schwarz ist ihr Mysterium. Wer wie sie ausschließlich Schwarz trägt, weiß, dass seine Kleiderfrage im Ruf von Opposition und Rebellion steht, eine intellektuelle Farbe, eine Farbe der Melancholie.

Eine Farbe, die auch im Kleiderschrank von Paradiesvögeln wie Thomas Gottschalk nicht fehlt. Kleidung ist ihr Vehikel, das Manifest ihrer Einzigartigkeit. Das trifft auch auf einen Moderator wie Jürgen von der Lippe zu. Seine Hawaii-Hemden sind wie sein Image: zwanglos, ein Hauch Abenteuerferien. Nichts zwickt.

Kleidung ist tatsächlich geschwätzig. Wer es nicht glaubt, sollte sich bei Vivienne Westwood, der Modeschöpferin des Punks, einkleiden. Die Reaktionen auf der Straße dürften eindeutig ausfallen: Boh, ist der/die schräg...

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