Kommentar
Sexuelle Gewalt und Kirchenkrise: Wer löscht den Brand?

Die Debatte um sexuelle Gewalt in der Kirche hinterlässt tiefe Ratlosigkeit. Der münstersche Kirchenhistoriker Hubert Wolf spricht zutreffend von einer Krise, die noch ärger ausfällt als zur Zeit der Reformation. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Institution Kirche insgesamt. Mit anderen Worten: Das Haus brennt.

Donnerstag, 14.03.2019, 22:05 Uhr
Lingen: Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, ist bei seiner Rede während der Abschlussveranstaltung der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in einem Kamerabildschirm zu sehen. Foto: dpa

Dies spüren auch die deutschen Bischöfe, die in Lingen erneut um konkrete Schritte gerungen haben, den Brand in allen Stockwerken zu löschen. Manches wirkt dabei zögerlich, manches zielführend. Zugleich scheint es so, als wirke die gegenwärtig Krise wie ein Katalysator für all das, was lange verschüttet und an Reformen versäumt wurde.

Die Frage der Frauen und ihrer Ämter in der Kirche bricht mit voller Wucht auf, das gesamte Tableau einer von Klerikern dominierten, hermetischen Hierarchie beginnt zu bröseln. Bischöfe und Priester wirken wie gehetzte Handwerker, die überall den Schraubenschlüssel ansetzen wollen. Doch Patentrezepte gibt es nicht. Der Weg aus der Krise wird lang und dornig. Erstes Zwischenziel: höchstmögliche Transparenz.

Der Theologe Ulrich Lüke aus Münster hat kürzlich angemerkt, dass es sich die Gesellschaft leicht macht, mit dem Finger auf die Kirche zu zeigen und sich dabei zugleich selber zu exkulpieren, als ginge sie das eigentlich alles gar nichts an. Seine Worte stimmen nachdenklich. Unschuldswahn ist eine weit verbreitete Fehlsichtigkeit unserer Tage.

Zugleich tut sich ja schon einiges: In vielen Diözesen laufen gute Präventionsprogramme. Hilfreich wäre es, wenn sich alle Institutionen von den Parteien bis zu Verbänden und Vereinen in solche Programme einklinken würden. Denn täglich überfluten uns Alarmmeldungen: Chat-Räume für Perverse, Campingplatz-Täter, Reforminternate, DDR-Heime, blühender Sex-Tourismus – von den Familien als Haupttatort mal ganz zu schweigen!

Sexueller Gewalt wird man weder durch Dämonisierung noch durch Rufe nach dem Scheiterhaufen Herr. Papst Franziskus, der in diesem Kontext häufig den „Satan“ ins Spiel bringt, greift damit leider intellektuell viel zu kurz. Es braucht den Sachverstand vieler Disziplinen – von der Sozialpädagogik bis hin zu Justiz, Medizin und Psychotherapie, um Missbrauch zu bekämpfen und seine Folgen für Opfer und Täter aufzuarbeiten.

Die Parole „Kirchen­austritt“ liegt vielen auf der Zunge. Doch sie ist ­ ein Schlag ins Gesicht jener, die Kirche eben nicht als klerikalen Club, sondern als Gemeinschaft aller Gläubigen begreifen. Es geht um die Gottes­frage, um Liturgie als Feier des Glaubens, um Diakonie als gelebte Nächsten liebe. Um all das, was unsere Gesellschaft humanisiert. Eine Gesellschaft ohne eine Gemeinschaft von Christen, die sich Kirche nennt? ­Unvorstellbar!

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6471252?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F981843%2F
WWU Baskets flambieren auch die Bayern-Talente
Wild entschlossen: Münsters Kai Hänig
Nachrichten-Ticker