Als träumten Kabel und Rohre
Tobias Rehberger verwandelt öde Schaltkästen zum „Moon in Alabama“

Münster -

Als das Centre Georges Pompidou 1977 eröffnet wurde, waren die Pariser geschockt: Die ganzen Installationen befanden sich außen! Jetzt hat Tobias Rehberger in Münsters Bahnhofsviertel die unterirdische Kabelage ans Licht geholt: statt Schock Erleichterung und Freude überall. Denn sein Projekt „The Moon in Alabama“ ist nach den Skulptur-Projekten das größte Kunstvorhaben in Münster. Und es hat mindestens zwei Besonderheiten: Es ist aus privater Initiative heraus entstanden. Und es stellt Stiefkinder der Stadtplaner in den Mittelpunkt: Schaltkästen.

Donnerstag, 26.09.2013, 15:15 Uhr

Auf die Idee mit den grauen Existenzen kam Peter Cremer , Vorsitzender der Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) der Geschäftsleute im Bahnhofsviertel. Die erste Reaktion auf die Idee war bei allen gleich eine „Schrecksekunde“. So habe auch er reagiert, bekennt Tobias Rehberger : „Doch ich mag schwierige Projekte.“ Der Gewinner des Goldenen Löwen auf der 53. Biennale von Venedig schaute sich in Münster 69 Kästen an 30 Standorten vor dem Hauptbahnhof an und wählte elf Orte aus. Bis Ende des Jahres soll das gesamte Projekt umgesetzt sein, das rund 500 000 Euro kostet (je zur Hälfte von privaten Investoren sowie Stadt und Land finanziert) – und seine Wirkung entfalten.

Denn die Schaltkästen sind technische Möbel im öffentlichen Raum, die zu „schwierigen, komischen Orten, zu blinden Flecken“ werden, so Rehberger. An diesen „Unorten“ holt der Teilnehmer der Skulptur-Projekte von 1997 die Kabel und Rohre aus dem Untergrund. Als träumten die Leitungen, werden sie schrill in Farbe und Form, biegen und krümmen, winden sich und wuchern mit Streifen und mit Punkten. „Surreal“ nennt Rehberger diese Bewegung: „Als wäre die Technik wild geworden.“ Und eine jede Stelle hat einen „Mond“ mit einer geheimnisvollen Besonderheit.

Die Lampen sind gleichsam magisch mit einem anderen Ort auf der Welt verbunden. Immer, wenn dort der Mond aufgeht, geht in Münster die entsprechende Latüchte an. Das erste Objekt auf einer Verkehrsinsel am Hotel Kaiserhof leuchtet zusammen mit dem Mond von Alabama (USA). Der zweite schon fertiggestellte Schaltkasten wird zur selben Zeit aufleuchten wie der Mond von Wanne-Eickel. Und weil der Trabant der Erde für Romantik steht, hat Rehberger jede Schaltkasten-Installation derart gestaltet, dass sich Sitzplätze ergeben – für Liebende oder solche, die es werden wollen. Schließlich will der Künstler auch das „emotionale Potenzial“ der Schaltkästen herauskitzeln.

Für die Stadt Münster sowie den Schmiedemeister und Künstler Werner Paß aus Havixbeck, der die Modelle umgesetzt hat, sind die einzigartigen Kunst-Installationen auch eine technische Herausforderung. Aber der Künstler Rehberger ist bei der ersten Besichtigung zufrieden: „Es ist sehr schön geworden.“ Und so hat Kasper König (Gründer der Skulptur-Projekte und international gefragter Kurator) am Ende recht behalten. Denn als König von der schrägen Schaltkasten-Idee der Münsteraner erfuhr, hatte er sofort gesagt: „Rehberger ist der einzige, der mit einer solch bekloppten Idee was anfangen kann.“

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