1996 wird die geplante Gesamtschule im Ostviertel gestoppt
Aufstand gegen Veränderung

Münster -

Rot-Grün wollte 1996 eine städtische Gesamtschule einrichten, scheiterte damit aber per Bürgerentscheid. Inzwischen ist an gleicher Stelle doch eine Gesamtschule an den Start gegangen.

Dienstag, 24.07.2018, 14:48 Uhr aktualisiert: 24.07.2018, 15:55 Uhr
Ausgiebig feiern der CDU-Fraktionschef Werner Stolz (vorne, v.l.) sowie die Elternvertreter Eleonore Heyne, Thomas Gruschka und Renate Spitzner ihren Sieg beim Bürgerentscheid. Die Haupt- und die Realschule im Ostviertel bleiben bestehen. Foto: Matthias Ahlke

Die Mathilde-Anneke-Gesamtschule, die sich derzeit im Aufbau befindet, genießt im Rathaus höchste Priorität. Sie ist „Chefsache“, wie es so schön heißt. Der Zeitplan sieht vor, dass die neue Schule das Gebäude der früheren Fürstenberg-Hauptschule im Ostviertel nutzt. Dann kommt das benachbarte Gebäude der Fürstin-von-Gallitzin-Realschule hinzu, bevor die Gesamtschule in einigen Jahren in einen Neubau umzieht, der auf dem Gelände der früheren Oberfinanzdirektion entsteht. 

1996 wird kein vergleichbarer Aufwand betrieben. Im Gegenteil: Die an diesem Standort geplante Gesamtschule wird mit größtmöglichem Nachdruck abgelehnt, und zwar per Bürgerentscheid. 

Juristisches Tauziehen, Sondersitzung des Rates

Die 1994 an die Macht gekommene rot-grüne Rathauskoalition hat die Gesamtschule zu einem Kernpunkt ihrer Schulpolitik gemacht. Bis dahin gibt es keine städtische Gesamtschule, nur eine kirchliche. Sie muss Jahr für Jahr Schüler abweisen, weil die Zahl der Anmeldungen die der Plätze deutlich übersteigt. 

Was Münster im vergangenen Vierteljahrhundert bewegte

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  • 1993

    1993: 1200-Jahr-Feier. Ob sich diese Schüler des Hittorf-Gymnasiums wieder erkennen? Auf diesem Foto aus dem Jahr 1993 werben sie für den Schülerfotowettbewerb. In der Hand halten sie das offizielle Logo des Stadtjubiläums, der zugleich auch das Thema des Wettbewerbs darstellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1994: Marion Tüns wird Oberbürgermeisterin. Der frühere Oberbürgermeister Jörg Twenhöven (vorne, v.r.) und Oberstadtdirektor Tilman Pünder blicken nicht gerade begeistert, als Marion Tüns erstmals die Oberbürgermeister-Kette trägt. Jubeln indes kann die grüne Bürgermeisterin Barbara Schlemann (vorne, l.), neben ihr die CDU-Politikerin Hildegard Graf.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1995: Streit um Madonna im Südpark. Die Künstlerin Emmy Feldmann hat jene Schutzmantelmadonna, deren Aufstellung in Münster zum Politikum wir, geschaffen

    Foto: Ahlke
  • 1996: Bürgerentscheid stoppt Gesamtschule. Ausgiebig feiern der CDU-Fraktionschef Werner Stolz (vorne, v.l.) sowie die Elternvertreter Eleonore Heyne, Thomas Gruschka und Renate Spitzner ihren Sieg beim Bürgerentscheid. Die Haupt- und die Realschule im Ostviertel bleiben bestehen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1997: Skulptur-Projekte erleben Durchbruch. Nicht kleckern, sondern klotzen, heißt bei den Skulptur-Projekten 1997 die Devise. Die gut besuchte Eröffnungsveranstaltung vermittelt  einen ersten Vorgeschmack auf die gewachsene Bedeutung der Ausstellung.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • 1998: 350 Jahre Westfälischer Friede. Die Jubiläumsfeier in Osnabrück und Münster beschert den beiden Städten eine sicherlich einmalige Dichte an politischer Prominenz. Nie zuvor und nie danach gab es in der jüngeren Geschichte der Stadt Münster einen solchen Auflauf von europäischen Staatsoberhäuptern wie bei der Eröffnung der Europaratsausstellung zum Westfälischen Frieden im Landesmuseum am Domplatz.

    Foto: Presseamt Stadt Münster
  • 1999: Berthold Tillmann wird Oberbürgermeister. Berthold Tillmanns Erfolg am Wahlabend 1999 ist so überwältigend, dass ihm seine Frau Cornelia Bergmann überschwänglich in die Arme fällt. Deutlich lässt der Herausforderer die Amtsinhaberin Marion Tüns hinter sich.

    Foto: Ahlke
  • 2000: Gericht kippt Preußen-Park. Im Modell gab es das ECE-Einkaufszentrum und das neue Stadion bereits. Doch daraus wurde nichts. Zur Orientierung: Im Vordergrund verläuft die Hammer Straße, im Hintergrund sind die Hochhäuser von Berg Fidel zu sehen

    Foto: Ahlke
  • 2001: Konzept für dezentrale Flüchtlingsunterbringung. 2008, also sieben Jahre nach dem Beginn des Konzepts, zeichnet der damalige NRW-Integrationsminister Armin Laschet (v.l.) das münsterische Flüchtlingskonzept aus. Projektleiter Jochen Köhnke und Sypros Marinos, Vorsitzender des Ausländerbeirates, nehmen die Urkunde entgegen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2002: Nein zur Stadtwerke-Teilprivatisierung. Otto Meyer und Marion Tüns (vorne, v.l.) werden nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid bejubelt. 2002 werden die Münsteraner an die Urnen gerufen, um die Frage zu beantworten, ob die Stadt Münster die alleinige Eigentümerin der Stadtwerke Münster bleiben soll. Die Antwort beim Bürgerentscheid ist eindeutig: 65,4 Prozent der Wähler stimmen dem zu, nur 34,6 Prozent sind für die von der CDU-Alleinregierung geplante Teilprivatisierung des Versorgungsunternehmens. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2003: Müllaufbereitungsanlage am Start. In Coerde wird die MBRA eröffnet. Die vier Buchstaben stehen für Mechanisch-Biologische Restmüll-Aufbereitungsanlage. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Landesregierung in Düsseldorf setzt die Stadt Münster ein Abfallkonzept um, das ohne eine Müllverbrennungsanlage auskommt. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2004: Tiefgarage Ludgeriplatz scheitert. Der Ludgeriplatz, hier ein Foto aus dem Jahr 2001, ist ein kompliziertes Gebilde. Wo soll man hier eine Tiefgarage bauen, fragen sich 2004 viele Münsteraner. Am Ende scheitert das Projekt.

    Foto: Oliver Werner
  • 2005: Pläne für Kanalausbau werden vorgestellt. Als 2017 die Behelfsbrücke, die während des Baus der neuen Schillerstraßen-Brücke erforderlich, wieder abtransportiert wird, liegt die erste öffentliche Präsentation der Ausbaupläne bereits zwölf Jahre zurück.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2006: Münster-Arkaden eröffnet. Von der Rothenburg bis zur Ludgeristraße führt ein Verbindungsweg lang durch die Münster-Arkaden. Seit der Eröffnung 2006 ist das Einkaufszentrum aus der Innenstadt nicht mehr wegzudenken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 2007: Südbad schließt. Die Adresse Inselbogen 36 ist derzeit eine Brachfläche. Bis 2007 hat hier das Südbad gestanden. Zwischenzeitlich ist geplant, das Grundstück mit Wohnungen zu bebauen, wozu sich die Kommunalpolitiker aber nicht durchringen können. Zugleich aber werden die verschiedenen, bislang ins Auge gefassten Pläne zum Bau eines neuen Südbades nicht umgesetzt, so dass der Inselbogen 36 seit gut einem Jahrzehnt irgendwo zwischen Baum und Borke vor sich hin dümpelt.

    Foto: Ahlke
  • 2008: Münsteraner erteilen dem Bau einer Musikhalle per Bürgerentscheid eine Absage. Mit einer Aufführung der Carmina Burana vor dem Schloss hatten die Musikhallenfreunde noch für ein „Nein“ geworben – vergeblich. 

    Foto: pia
  • 2009: Markus Lewe wird Oberbürgermeister. Der SPD-Kandidat Wolfgang Heuer (2.v.r.) gratuliert Markus Lewe nach der Oberbürgermeisterwahl zum Sieg. Später macht Heuer als Ordnungs- und Personaldezernent Karriere unter Lewe.

    Foto: Ahlke
  • 2010: Städtebaupreis für die Stubengasse. Unter den vielen Preisen, die Münster schon gewonnen hat, fällt der Deutsche Städtebaupreis im Jahr 2010 kaum auf. Auch wenn der Preis allenfalls in Fachkreisen bekannt ist, so wird mit ihm ein städtebaulicher Wandel dokumentiert, der in Münster sehr wohl eine breite Wirkung erzielt hat. 

    Foto: Oliver Werner
  • 2011: Forensische Klinik geht in Betrieb. Nur selten ist das Tor der forensischen Klinik in Amelsbüren so seit offen wie am Tag der Offenen Tür 2011. Kurze Zeit später kommen die ersten Patienten.

    Foto: Oliver Werner
  • 2012: Abschied vom Namen Hindenburg. Beim Bürgerentscheid 2012, dem vierten überhaupt, setzen sich nicht die Ja-Stimmen durch, sondern die Nein-Stimmen. Und das auch ziemlich deutlich: 59,4 Prozent der Münsteraner entscheiden sich dafür, dass der frühere Hindenburgplatz seinen neuen Namen Schlossplatz behalten und nicht zum alten Namen zurückkehren soll.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2013: Abzug der letzten britischen Soldaten. Über Jahrzehnte hinweg sind britische Soldaten in Münster, hier eine Parade auf dem Domplatz, ein vertrauter Anblick. 2013 aber verlassen die letzten Truppenteile die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • 2014: Münster wäscht auf 300.000 Einwohner. Stefanie Luik über den Dächern von Münster. Im November 2014 wird die Studentin als 300 000. Münsteranerin begrüßt. Die junge Frau aus Reutlingen ist das Gesicht eines anhaltenden Bevölkerungswachstums in Münster.

    Foto: Oliver Werner
  • 2015: Hängepartie an der Umgehungsstraße endet. 2015 passiert das, womit niemand mehr gerechnet hat: Es erfolgt der erste Spatenstich für den vierspurigen Ausbau der Umgehungsstraße, dritter Bauabschnitt. Der jahrzehntelange Vorlauf für diesen umstrittenen Straßenbau beschert Münster einen außergewöhnlichen Superlativ: 31 Jahre lang, von 1986 ist 2017, ist die Bürgerinitiative St. Mauritz aktiv, um eben diesen Ausbau zu verhindern.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2016: Das Aus für verkaufsoffene Sonntage. Auf diesen Moment haben sie hingearbeitet (vorne, v.l.): Die Pfarrer Martin Mustroph und Jens Dechow, Bernd Bajohr von der Gewerkschaft Verdi und Jochen Lüken, Personalratsvorsitzende der Stadt Münster, feiern den erfolgreichen Bürgerentscheid.

    Foto: Oliver Werner
  • 2017: Hauptbahnhof wird neu eröffnet. Riesig ist der Andrang als der neue Hauptbahnhof im Juni 2017 feierlich eröffnet wird. Das Gebäude kommt gut an. 

    Foto: Oliver Werner

Da die Stadt aber keine steigenden Schülerzahlen erwartet, kann eine neue Gesamtschule nur an den Start gehen, wenn ein oder zwei andere Schulen geschlossen werden. Die Wahl fällt auf die Fürstenberg-Hauptschule und die Fürstin-von-Gallitzin-Realschule. Doch in den dortigen Elternschaften regt sich Widerstand. 

Es bildet sich eine Bürgerinitiative, deren Sprecher Eleonore Heyne, Thomas Gruschka und Renate Spitzner sind. Rasch stellt sich Münsters CDU an ihre Seite und trommelt heftig gegen die Gesamtschule, die seinerzeit ohnehin kein Lieblingskind der CDU-Schulpolitik ist. Es kommt zum Bürgerbegehren und dann zum Bürgerentscheid, der ein mehr als klares Meinungsbild ergibt: 82,2 Prozent der Münsteraner plädieren für den Erhalt der beiden Schulen, nur 16,8 Prozent wollen stattdessen die neue Gesamtschule. 

Rot-grüne NRW-Landesregierung schaltet sich ein

Parallel zu der politischen Auseinandersetzung gibt es ein juristisches Tauziehen, das sogar eine Sondersitzung des Rates erforderlich macht. SPD , Grüne sowie die Befürworter der neuen Gesamtschule stören sich ab dem ersten Tag daran, dass ein Bürgerentscheid in dieser Frage überhaupt erlaubt sein soll. Für die Gründung einer Gesamtschule gebe es ein klar geregeltes gesetzliches Verfahren, das eingehalten worden sei, so ihre Argumentation.

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2017 wird die alte Oberfinanzdirektion abgerissen. Hier entsteht – mit 21 Jahren Verspätung – die Gesamtschule im Ostviertel. Foto: Oliver Werner

Die CDU und die Bürgerinitiative sehen das anders. Das Begehren richte sich, formal betrachtet, nicht gegen die Gesamtschule, sondern gegen die Schließung der Haupt- sowie der Realschule. In dieser Frage sei ein Bürgerentscheid erlaubt. 

Im weiteren Verlauf schaltet sich die rot-grüne NRW-Landesregierung ein. Als Oberstadtdirektor Tilman Pünder das Verfahren in Richtung Bürgerentscheid laufen lassen möchte, interveniert der Düsseldorfer Innenminister Franz-Josef Kniola und hebt den Beschluss auf. Jetzt werden die Gerichte bemüht. Erst ist das Verwaltungsgericht am Zuge, dann das Oberverwaltungsgericht. Es bestätigt zwei Tage vor dem Bürgerentscheid dessen Rechtmäßigkeit. 

Schleichender Tod wegen fehlender Nachfrage

Der unbedingte Wille von SPD und Grünen, den Urnengang erst administrativ und dann gerichtlich zu stoppen, dürfte wie Wasser auf die Mühlen der Gegner gewirkt und zu dem klaren Ergebnis beigetragen haben. 

16 Jahre nach dem Bürgerentscheid geht 2012 in Münster die erste städtische Gesamtschule an den Start, die Gesamtschule Mitte. Wichtige Rahmenbedingungen haben sich in der Zwischenzeit verändert. Der Schulfrieden im Düsseldorfer Landtag 2011 hat dafür gesorgt, dass Gesamtschulen ebenso wie das gegliederte Schulsystem nicht länger als politischer Zankapfel herhalten müssen. Der Elternwille rückt an die oberste Stelle. 

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16 Jahre nach dem Bürgerentscheid wird in Münster-Mitte die erste städtische Gesamtschule eröffnet. Foto: Matthias Ahlke

Darüber hinaus registriert die münsterische Schulverwaltung wieder steigende Schülerzahlen, womit sich die sehr unbeliebte Debatte über Schulschließungen erübrigt. Prominentes Beispiel hierfür ist das Schlaun-Gymnasium, das die Schuldezernentin Andrea Hanke 2005 auf die Liste der auslaufenden Schulen setzen möchte. Heute spricht darüber niemand mehr. 

Alle Folgen

Das Special mit allen bereits erschienenen Folgen unserer Serie "Münsters Entwicklung seit dem Stadtjubiläum 1993" finden Sie hier.

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Zu guter Letzt zeigt sich, dass man langfristige Trends bei der Schulwahl nicht stoppen kann. Die spektakuläre Rettung per Bürgerentscheid 1996 hat die Fürstenberg-Hauptschule nicht davor bewahrt, anschließend einen schleichenden Tod wegen fehlender Nachfrage zu erleben. Auch für die Fürstin-von-Gallitzin-Realschule ist das Ende nur noch eine Frage der Zeit. Anders als 1996 ist ihr Sterben heute kein Aufreger mehr.

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