Serie zu Münsters Entwicklung
2004 scheiterte die Tiefgarage unter dem Ludgeriplatz

Münster -

Die Serie zur Entwicklung Münsters seit dem Stadtjubiläum 1993 erreicht das Jahr 2004. Der Autor Klaus Baumeister beleuchtet das „Aus“ für die Tiefgarage unter dem Ludgeriplatz. Der Konflikt um das Bauvorhaben war das beherrschende Thema bei der Kommunalwahl 2004.

Dienstag, 18.09.2018, 10:06 Uhr aktualisiert: 18.09.2018, 13:50 Uhr
Dieses Foto besiegelt das „Aus“ für die Tiefgarage Ludgeriplatz. Bei der Oberbürgermeisterwahl am 26. September 2004 schafft es der Herausforderer Christoph Strässer (l.), den haushohen Favoriten Berthold Tillmann (r.) unter die 50-Prozent-Marke zu drücken, Tillmann lässt die ungeliebte tiefgarage fallen, um seine Wiederwahl in der Stichwhla abzusichern. Foto: Oliver Werner

Es sind dramatische Szenen, die sich in der Nacht nach der Kommunalwahl 2004 im Rathaus abspielen. Die CDU hat ihre absolute Mehrheit verloren. Selbst bei einem Bündnis mit der FDP reicht es nur noch für ein Patt. Alles hängt jetzt vom zweiten Wahlgang bei der Oberbürgermeisterwahl ab. Dem CDU-Oberbürgermeister Berthold Tillmann ist am Wahlabend das Entsetzen anzusehen, weil es der SPD-Herausforderer Christoph Strässer geschafft hat, Tillmann unter die 50-Prozent-Marke zu drücken und damit die Stichwahl zu erzwingen. Nur mit einem Oberbürgermeister Tillmann hat ein schwarz-gelbes Bündnis eine Mehrheit. 

Christoph Strässer, Bundestagsabgeordneter in Berlin, ist ein Verlegenheitskandidat der SPD-Opposition, weil sich niemand anderes traut, dem erfolgreichen Tillmann die Stirn zu bieten. Doch Strässer hat das populärste Wahlkampfthema auf seiner Seite, und zwar die in der Bevölkerung umstrittene Tiefgarage unter dem Ludgerikreisel. Strässer wohnt im Südviertel, kennt also die Ängste in der Bevölkerung, dass eine jahrelange Baustelle den Verkehrsknotenpunkt und die umliegenden Quartiere komplett lahmlegen könnte.

Die Tiefgarage ist tot

Strässer macht ein „Nein“ zur geplante Tiefgarage zum zentralen Punkt seines unerwartet erfolgreichen Wahlkampfes. In der CDU wächst die Panik, dass die Stichwahl zu einem Bürgerentscheid gegen die Tiefgarage ausartet. Das Ergebnis könnte sein, dass Tillmann als Kollateralschaden aus dem Amt vertrieben wird. 

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Das Parkhaus Engelenschanze wird zeitgleich mit der Tiefgarage Ludgeriplatz geplant. Es geht 2003 an den Start. Foto: Oliver Werner

Am Abend nach der Wahl platzt die Bombe: Die CDU verabschiedet sich von den Ludgeriplatz-Plänen, die Tiefgarage ist tot. Bei der Stichwahl treten folglich zwei Gegner des Bauvorhabens gegeneinander an, die Luft ist raus, Tillmann macht das Rennen und regiert weitere fünf Jahre. 

Bis zu diesem spektakulären Ende beherrscht der Ludgeriplatz jahrelang die politischen Debatten. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht dabei der ehrgeizige Planungsdezernent Hartwig Schultheiß. Er weiß, dass Münsters CDU ihren überragenden Erfolg bei der Kommunalwahl 1999 nicht zuletzt auf die Parkplatzmisere in der Innenstadt zurückführt. Er will seinen Einfluss in der Chefetage des Rathauses dadurch stärken, dass er „liefert“. 

Zusätzliches Chaos vorprogrammiert

2003 wird das Parkhaus Engelenschanze eröffnet, parallel dazu laufen die Planungen für die Tiefgarage Ludgeriplatz. Schultheiß hat erkannt, dass die größten Probleme am südlichen Rand der Innenstadt liegen. Zugunsten des Standortes Ludgerikreisel führt er immer wieder folgendes Argument an: 50 Prozent der Autofahrer, die den Parkplatz an der Stubengasse ansteuern, fahren zuvor durch den Ludgerikreisel. Wer sich vor Augen hält, welche Odyssee die Parkplatzsucher auf ihrem Weg vom Ludgerikreisel zur Stubengasse erleben, der muss laut Schultheiß zwingend zu der Erkenntnis kommen, dass es viel besser ist, die Autos bereits am Kreisel abzufangen. 

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Der Ludgeriplatz, hier ein Foto aus dem Jahr 2001, ist ein kompliziertes Gebilde. Wo soll man hier eine Tiefgarage bauen, fragen sich 2004 viele Münsteraner. Foto: Oliver Werner

Interessant ist, dass auch die Gegner der Tiefgarage nicht am Erfolg des Standortes zweifeln. Im Gegenteil: Sie halten den Standort für so günstig gelegen, dass sie um die eigentliche Funktion des Kreisels als dem wichtigsten Knotenpunkt in der Stadt fürchten. Will sagen: Wenn die ohnehin obligatorischen Staus im Kreisel künftig noch um die Staus vor den Tiefgarageneinfahrten ergänzt werden, dann geht gar nichts mehr. Ganz abgesehen davon weiß niemand so genau, wie man an diesem extrem verkehrsreichen Ort eine unterirdische Tiefgarage platzieren soll, ohne zusätzliches Chaos  zu verursachen. 

Abschied von der CDU-Alleinregierung

Erschwerend kommt für die Tiefgaragen-Befürworter aus den Reihen von CDU und FDP hinzu, dass ihnen eine Bevölkerungsgruppe die Gefolgschaft verweigert, von der sie Zustimmung erwartet haben. Die Rede ist von den Kaufleuten an der Hammer Straße. 

Das Konzept sieht vor, dass die Tiefgarage eine Zufahrt von der Moltkestraße und eine weitere von der Hafenstraße erhalten soll. Nicht aber eine Zufahrt von der Hammer Straße. Die Kaufleute befürchten nun, dass bei einem absehbaren Erfolg der Tiefgarage die Hammer Straße drastisch an Bedeutung verliert und der aus Richtung Süden kommende Autofahrer künftig nur noch über die Achsen Weseler Straße/Moltkestraße oder Albersloher Weg/Hafenstraße in die City rollt. 

Am zweiten Tag nach der Kommunalwahl 2004 sind Debatten wie diese nur noch Makulatur. Die Tiefgarage Ludgeriplatz ist tot, die CDU schmiedet ein Bündnis mit der FDP. Die FDP akzeptiert, dass in dem Koalitionsvertrag dieses geplante Bauwerk nicht mehr vorkommt. 

Zum Thema

Die komplette Serie wird Anfang 2019 als Taschenbuch erscheinen.

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Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die CDU bei der Kommunalwahl 11,3 Prozentpunkte verliert, während die FDP 2,8 Prozentpunkte zulegt. Und das, obwohl beide Parteien gleichermaßen energisch für die Tiefgarage kämpfen. Der Abschied von der Tiefgarage Ludgeriplatz ist somit für die Münsteraner auch ein Abschied von einer CDU-Alleinregierung.

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