Große Serie zur Stadtentwicklung Münster
2005: Ausbaupläne für den Dortmund-Ems-Kanal vorgestellt

Münster -

Im Jahr 2005 werden die Münsteraner mit einem Thema konfrontiert, bei dem die Bezeichnung „Jahrhundertprojekt“ eine unfreiwillige Komik erzeugt. Die Rede ist vom Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals.

Dienstag, 25.09.2018, 10:32 Uhr aktualisiert: 25.09.2018, 12:32 Uhr
Als 2017 die Behelfsbrücke, die während des Baus der neuen Schillerstraßen-Brücke erforderlich, wieder abtransportiert wird, liegt die erste öffentliche Präsentation der Ausbaupläne bereits zwölf Jahre zurück. Foto: Matthias Ahlke

Auf der 105 Kilometer langen Ausbaustrecke ist ausgerechnet Münster das Nadelöhr. Ob der künftig breitere und tiefere Kanal in verkehrspolitischer Hinsicht den Titel „Jahrhundertprojekt“ verdient, darüber kann man trefflich streiten. Der Zeitaufwand für Planung und Fertigstellung ist auf jeden Fall rekordverdächtig und wird vermutlich ein halbes Jahrhundert in Anspruch nehmen, vermutlich sogar noch mehr. 

1985, als Helmut Kohl gerade einmal drei Jahre in Deutschland regiert, stuft die Bundesregierung den Ausbau des Dortmund-Ems-Kanals als „vordringlichen Bedarf“ ein, womit die höchste Stufe der Förderungswürdigkeit erreicht ist. Nach der Wende erhält der Plan eines vergrößerten Dortmund-Ems-Kanals den Status eines Verkehrsprojektes zur Vollendung der Deutschen Einheit. Das Ziel: Ein florierender Schiffsverkehr zwischen Rotterdam und Berlin – über Duisburg, Münster, Hannover und Magdeburg. Er soll insbesondere das Lkw-Aufkommen auf der A2 minimieren. 

Diskussion über Gestaltung der Brücken

Die offizielle Information der Öffentlichkeit in Münster 2005 dient dem Zweck, das sogenannte Planfeststellungsverfahren durchzuführen. Konkret  geht es dabei um den Teilbereich zwischen dem Albersloher Weg im Süden und der Kanalschleuse im Norden. Auf diesem Stück sind acht neue Brücken und fünf neue Düker erforderlich. Düker sind Druckleitungen, um Bäche oder Abwasserleitungen unter dem Kanal hindurchzuführen. Sobald die Brücken und Düker fertig gestellt sind, folgt der Ausbau des Kanalbetts. 

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Mit dem Bau des Petershafen-Dükers am Albersloher Weg beginnen 2012 die Arbeiten. Ein Ende ist nicht ansatzweise abzusehen. Foto: Matthias Ahlke

Bei der Präsentation des Bauvorhabens gibt es in Münster keine Begeisterung, aber auch keinen heftigen Widerstand. Um die bei Münsteranern sehr beliebte Uferpromenade entlang des Kanals erhalten zu können, schlagen die Grünen eine Einbahnstraßenregelung auf der Stadtstrecke vor. Stundenweise sollen die Schiffe nur in Richtung Süden fahren dürfen, stundenweise in Richtung Norden. Diesen Vorschlag akzeptiert die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung nicht, er wird verworfen. 

Eine weitere Diskussion gibt es über die Gestaltung der Brücken. Nach Protesten von Architekten nimmt die Schifffahrtsbehörde in Rheine Abstand von ihrem Plan, alle Brücken einheitlich zu gestalten. Gerade weil die Brücken vielfach in Sichtweite von einander stehen, halten Kenner der Materie eine optische Vielfalt für zwingend erforderlich. 

Fertigstellung war für 2012 geplant

Baubeginn 2007 und Fertigstellung 2012 – so sieht seinerzeit der Zeitplan aus.  Als das Jahr 2012 kommt, haben die Bauarbeiten noch nicht einmal begonnen. Zugleich muss die Bevölkerung sich daran gewöhnen, dass es zehn statt fünf Jahre dauern soll. Später werden daraus 14 Jahre und mehr. Bei Kommunalpolitikern kommt der Verdacht auf, dass die frühere Zusicherung nur dazu dienen sollte, den Widerstand gering zu halten und das „gemeindliche Einvernehmen“, wie es offiziell heißt, zu bekommen. 

Das Wasser- und Schifffahrtsamt indes führt für die Verzögerung an, dass es vom Bund (zu) knapp mit Geld und Personal versorgt werde und das Projekt strecken müsse. Im Verteilungskampf zwischen Straße, Schiene und Wasserweg hat das Wasser ganz offenbar das Nachsehen. Das ist zum Nachteil der Anwohner in Münsters Osten, die gleich mit zwei Großbaustellen leben müssen: dem Kanalausbau an der einen Seite, dem vierspurigen Ausbau der Umgehungsstraße an der anderen Seite. Insbesondere die Brückenbauarbeiten schränken die Mobilität deutlich ein. Nacheinander werden die Brücke an der Schillerstraße, an der Manfred-von-Richthofen-Straße sowie an der Straße zum Guten Hirten für jeweils rund zwei Jahre für den Autoverkehr gesperrt.

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Günter Nogatz, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes Rheines, prognostiziert bei der Vorstellung der Pläne 2005 eine Bauzeit von fünf Jahren. Die aktuelle Prognose liegt bei 14 Jahren, realistisch sind 20 und mehr. Foto: Archiv

Für die großen Achsen Wolbecker Straße und Warendorfer Straße, die man sich wohlweislich für das Ende aufgespart hat, sind provisorische Ausweichbrücken geplant, ebenso für die Bahnstrecke Münster-Warendorf. 

Unterdessen findet man auch in der Schifffahrtsbranche niemanden, der sich öffentlich und lautstark zum Anwalt eines zügigen Kanalausbaus macht. Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt, sozusagen die Lobby der Reedereien auf den Flüssen und Kanälen, kritisiert die anhaltenden Verzögerungen. Eine Prognose zum erwarteten Nutzen des Kanalausbaus gibt aber auch er nicht. 

Zum Thema

Die komplette Serie wird Anfang 2019 als Taschenbuch erscheinen.

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