Große Serie zur Stadtentwicklung:
Beim Publikum durchgefallen: 2008 scheitert die Musikhalle

Münster -

Kaum eine Projekt wurde in Münster so kontrovers diskutiert wie der geplante Bau einer Musikhalle auf dem Hindenburgplatz (heute Schlossplatz). Klaus Baumeister erinnert an die turbulenten Ereignisse des Jahres 2008.

Montag, 15.10.2018, 16:00 Uhr
Foto: Jürgen Peperhowe

Um es mit Mozart zu sagen: Die Musikhalle Münster beginnt mit der Jupiter-Sinfonie und endet mit dem Requiem. Am Anfang steht im Jahr 2000 die Offerte des SPD-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement , auf dem Hindenburgplatz ein Westfälisches Kulturforum zu errichten, bestehend aus einem Museum für Gegenwartskunst und einer Konzerthalle samt spektakulärer Architektur. Den Schlusspunkt setzt ein Bürgerentscheid 2008, bei dem sich 70,9 Prozent der Münsteraner gegen eine städtische Beteiligung an der Musikhalle aussprechen. 

Der Bürgerentscheid kommt daher wie ein finale furioso. Mit aller Deutlichkeit bekunden die Münsteraner, dass es nicht statthaft ist, gleichzeitig Bäder zu schließen und eine Musikhalle zu bauen. Darüber hinaus zeigt sich ein Bedürfnis nach einer städtebaulichen Unveränderbarkeit des Hindenburgplatzes. Auch wenn der schlecht gepflegte Parkplatz nun keine Augenweide ist, so bedarf ganz offensichtlich jede bauliche Veränderung einer besonderen Rechtfertigung. Die Prüfung, das dokumentiert der Bürgerentscheid, haben die Musikhallen-Befürworter nicht bestanden. 

Architekturwettbewerb stößt auf gewaltige Resonanz

Die Musikhallen-Debatte beginnt nicht erst im Jahr 2000. Schon Jahre zuvor bemängeln Kulturfreunde, dass das städtische Sinfonieorchester keine angemessene, eigene Spielstätte habe und der Not gehorchend im Theater auftreten müsse. 

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Mit einer Aufführung der Carmina Burana vor dem Schloss werben die Musikhallenfreunde für ein „Nein“ – vergeblich. Foto: pia

Doch die Clement-Offerte gibt der Musikhallen-Idee quasi eine landespolitische Bedeutung. Wenn also die rot-grüne Landesregierung in Düsseldorf und die CDU-geführte Stadt Münster an einem Strang ziehen, dann muss es doch klappen. Das Museum für Gegenwartskunst soll Münsters Status als Stadt der Skulptur-Projekte festigen, mit der Musikhalle soll die kulturelle Infrastruktur der Stadt – mehr als fünf Jahrzehnte nach der Bombardierung des alten Konzertsaals – vervollständigen. Clement möchte seinen Beitrag dazu leisten, indem er den Hindenburgplatz, eine Landesimmobilie, kostenlos zur Verfügung stellen möchte. 

Es wird ein Architekturwettbewerb ausgelobt, der die Fantasie vieler Planer beflügelt und auf eine gewaltige Resonanz stößt. Um alle eingereichten Modelle und Pläne zeigen zu können, muss sogar eine Messehalle in der Halle Münsterland angemietet werden. 

Solidarität der Westfalen trägt nicht

Gleichwohl zeigen sich schnell erste Risse. Wolfgang Clement, der Initiator des Kulturforums, wechselt 2002 als „Superminister“ in die rot-grüne Bundesregierung in Berlin. Parallel dazu scheitern auch die Pläne, die vierspurige Straße, die den Hindenburgplatz von der benachbarten Altstadtbebauung trennt, in einen Tunnel zu verlegen und so Universitäts-Schloss und Altstadt „barrierefrei“ zu verbinden. Der Tunnel ist einfach zu teuer. 

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So soll die 30 Millionen Euro teure Musikhalle auf dem Hindenburgplatz aussehen. Doch sie fällt beim Bürgerentscheid durch. Foto: Bock-Partner A.I.C.

Einen heftigen Rückschlag, den man auch als Anfang vom Ende bezeichnen könnte, erlebt das Bauvorhaben im Jahr 2006. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der im Clement-Konzept für den Museums-Part die Verantwortung übernehmen soll, steigt aus. Landesdirektor Wolfgang Kirsch verkündet, dass sich der LWL auf den Neubau des Landesmuseums am Domplatz konzentrieren und diesen finanziell absichern wolle. Weitergehende Ambitionen gebe es nicht. Damit schrumpft das Westfälische Kulturforum über Nacht um 50 Prozent. Die Solidarität der Westfalen zu ihrer „Hauptstadt“ Münster, die in dem Westfälischen Kulturforum ihren Ausdruck bekommen soll, trägt nicht. Münsters Oberbürgermeister Berthold Tillmann, der eben diese Karte jahrelang gespielt hat und in dessen Vorstellung Münster sehr wohl ein kulturelles Aushängeschild der Region sein soll, ist schwer geschockt.  

Münsters wichtigste Themen der letzten 25 Jahre

►  1993 : 1200 Jahre Stadtgeschichte – Münster feiert Jubiläum (erscheint am 3. Juli)

►  1994 : Marion Tüns wird Oberbürgermeisterin (10. Juli)

►  1995 : Streit um die Aufstellung der Madonna im Südpark (17. Juli)

►  1996 : Bürgerentscheid stoppt geplante Gesamtschule im Ostviertel (24. Juli)

►  1997 : Skulptur-Projekte erleben ihren Durchbruch (31. Juli)

►  1998 : Münster feiert 350 Jahre Westfälischer Friede (7. August)

►  1999 :  Berthold Tillmann wird Oberbürgermeister (14. August)

►  2000 : Oberverwaltungsgericht Münster kippt den Preußen-Park (21. August)

►  2001 : Stadtverwaltung erarbeitet Konzept für dezentrale Flüchtlingsunterbringung (28. August)

► 2002 : Münsteraner sagen bei Bürgerentscheid „Nein“ zur Stadtwerke-Teilprivatisierung (4. September)

►  2003 : Müllaufbereitungsanlage in Coerde nimmt ihren Betrieb auf (11. September)

►  2004 : Oberbürgermeister Tillmann lässt Tiefgarage Ludgeriplatz fallen (18. September)

►  2005 : Schifffahrtsverwaltung stellt Pläne für Kanalausbau vor (25. September)

►  2006 : Münster-Arkaden öffnen ihre Tore (2. Oktober)

►  2007 : Stadt schließt das Südbad (9. Oktober)

►  2008 : Musikhalle erhält bei Bürgerentscheid eine Abfuhr (16. Oktober)

►  2009 : Markus Lewe wird Oberbürgermeister (23. Oktober)

►  2010 : Münster wird mit dem Städtebaupreis für die Stubengassen-Bebauung ausgezeichnet (30. Oktober)

►  2011 : Forensische Klinik in Amelsbüren geht an den Start (6. November)

►  2012 : Abschied vom Namen Hindenburgplatz (13. November)

►  2013 : Die letzten britischen Soldaten verlassen Münster (20. November)

►  2014 : Münster wächst auf 300 000 Einwohner (27. November)

►  2015 : Hängepartie beim Ausbau der Umgehungsstraße endet (4. Dezember)

►  2016 : Erfolgreicher Bürgerentscheid gegen verkaufsoffene Sonntage (11. Dezember)

►  2017 : Münsters Hauptbahnhof wird neu eröffnet (18. Dezember)

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Auch städtebaulich offenbart sich nach dem LWL-Rückzieher ein Dilemma. Der Hindenburgplatz ist so groß, dass ein singulärer Bauwerk darauf wie verloren wirkt. Gleichwohl ist der Point of no Return überschritten, weil sich inzwischen eine Musikhallen-Stiftung gegründet hat, die einen zweistelligen Millionenbetrag beisteuern möchte. Ein weiterer Rückzieher, das ist klar, würde unweigerlich die privaten Geldgeber verprellen. 

Hat sich das Thema erledigt?

Gleichwohl haben auch die Kritiker zusätzliches Futter gefunden. Nicht nur die Frage, was mit dem Send im Falle einer Bebauung passiert, schwelt weiter im Hintergrund. Im Rat ist eine heftige Spardebatte entbrannt, bei der insbesondere die Grünen die Gerechtigkeitsfrage aufwerfen. Dessen ungeachtet haben auch die Preußen-Fans noch eine Rechnung offen. Nach dem endgültigen Scheitern eines Stadionneubaus betrachten sie argwöhnisch alle Kulturinvestitionen, frei nach dem Motto: Warum die und nicht wir?

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Alle bereits erschienenen Texte finden Sie in unserem Themen-Special

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So kommt es, wie es kommen. Gegen den Ratsbeschluss, den Bau einer Musikhalle mit zwölf Millionen Euro städtischem Geld zu bezuschussen, wird ein Bürgerbegehren gestartet, unter Leitung von Hannelore Wiesenack-Hauß (UWG), Peter Mai (Deutscher Gewerkschaftsbund) und Rainer Bode (Grüne). Nach dem Bürgerbegehren ist auch der Bürgerentscheid mehr als erfolgreich. Gerade einmal 29,1 Prozent der Münsteraner votieren pro Musikhalle. Das Thema hat sich erledigt. 

Ob Münster noch mal eine Musikhalle erhält? Vielleicht hilft da ein Blick in die Geschichte der Bürgerentscheide. 1996 stoppen die Münsteraner die Gründung einer Gesamtschule im Ostviertel. 20 Jahre später geht dort eine Gesamtschule an den Start. Übertragen auf eine Musikhalle bedeutet dies: Ab 2028 kann es was werden.

Zum Thema

Die komplette Serie wird Anfang 2019 als Taschenbuch erscheinen.

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