Münster-Serie: 2018 wird das Pendel in der Dominikanerkirche eingeweiht
Hier schlägt Münsters Herz

Münster -

Die Serie unseres Autors Klaus Baumeister zu den vergangenen 25 Jahren in Münster hat die Gegenwart erreicht, das Jahr 2018. Dazu hat sich Baumeister in die Dominikanerkirche begeben.

Dienstag, 25.12.2018, 08:00 Uhr
Ein absoluter Hingucker ist das Foucaultsche Pendel in der münsterischen Dominikanerkirche – sehr ästhetisch und zugleich voller Symbolik.  Foto: Oliver Werner

 Das Bild drängt sich geradezu auf: Münsters Herz schlägt in der Dominikanerkirche. Es schlägt dort seit dem 17. Juni, jenem Tag, der früher einmal den Namen „ Tag der Deutschen Einheit “ trug. Ob das mit faszinierender Gleichmäßigkeit schlagende Pendel in der Dominikanerkirche die Einheit der Münsteraner symbolisiert oder künftig gar zur Einheit unseres um Einheit ringenden Landes beiträgt, sei dahin gestellt. Es hat auf jeden Fall das Zeug dazu. 

Zunächst einmal fällt auf, dass seit der Einweihung des Pendels bereits 220 000 Menschen in die Dominikanerkirche geströmt sind, obwohl das Gebäude in seiner historischen Bedeutsamkeit weit hinter dem Dom und der Lambertikirche rangiert. Die Kirche ist auch seiner kompletten Innenrichtung beraubt, überdies profaniert. Was bleibt, ist ein barocker, großer Raum, in dem ein Pendel schlägt. 

Die spirituelle Kraft, die von der Dominikanerkirche ausgeht, ist nicht zu leugnen, obwohl sie keinerlei sakrale Aufgabe mehr hat und in ihrer Mitte auch kein Altar steht, sondern ein Kunstwerk. Nein, es ist auch kein „richtiges“ Kunstwerk, sondern eher die viel zu groß geratene Ausführung eines Gegenstandes, der unwillkürlich Erinnerungen an den Physikunterricht weckt. Die Rede ist von einem Foucaultschen Pendel. Der Künstler Gerhard Richter , der dafür sorgte, dass eben dieses Pendel in dieser Kirche schlägt, bezeichnet es in einem Moment der Unachtsamkeit, an den er sich später nicht mehr erinnern kann, als den „Sieg der Wissenschaft über die Religion“. 

Das Interessante dabei: Das Gefühl von Sieg und Niederlage stellt sich in der Dominikanerkirche gar nicht ein. Es ist eher so, als ob sich Religion und Wissenschaft im Namen der Kunst verbünden. Zu der kontemplativen Wirkung des Raumes gesellt sich die Neugierde, was da in der Mitte passiert. Geradezu ehrfürchtig blicken die Besucher auf das Pendel, zugleich ergeben sich spannende Debatten über Gott und die Welt. Ja, das scheinbar gottlose Pendel hat etwas Göttliches, weil es sich in seiner vermeintlichen Unbeweglichkeit doch bewegt und sich die Welt unter dem Pendel hinwegdreht. Doch diese Erkenntnis offenbart sich nur dem Geduldigen, der flüchtige Blick genügt nicht. Die Dominikanerkirche zwingt die Besucher zu bleiben oder immer wieder zurückzukehren, weil sie dann das Pendel in verschiedenen Stellungen sehen. 

Über Jahrhunderte hinweg waren die Kirchen die geistigen Kraftzentren in unseren Städten. Es ist bezeichnend, dass sich die Kirche als Institution und die Kirche als Gebäude in einem Wort vereinen. Die Emanzipation des Geistes gegenüber dem Geistlichen hat das Foucaultsche Pendel erst möglich gemacht, und jetzt schlägt es in Münster in einer Kirche, für alle sichtbar. Da die Kirche als Institution gar nicht mehr die Kraft hat, die vielen vorhandenen Kirchengebäude mit Leben zu erfüllen, erfüllt Münsters Dominikanerkirche eine vom Künstler vielleicht gar nicht beabsichtige Mission: Kunst und Wissenschaft haben das Potenzial, in Zeiten der Säkularisierung jene Kontemplation und Spiritualität in den Städten zu erhalten, die wegen des Rückzugs der Kirche verloren zu gehen droht. In Münsters Dominikanerkirche ist etwas entstanden, dessen Bedeutung für die Entwicklung europäischer Städte im 21. Jahrhundert noch gar nicht abzusehen ist. 

Erleichtert wird dieser Vorgang dadurch, dass Gerhard Richter, von dem die britische Zeitung „The Guardian“ meint, er sei der „Picasso des 21. Jahrhunderts“, hinter das von ihm geschaffene Kunstwerk zurücktritt. Foucaultsche Pendel gehören nicht zur Kernkompetenz des weltberühmten Malers, ganz abgesehen davon, dass Richter auch nie einen Hehl daraus gemacht hat, ein solches Pendel gar nicht bauen zu können. 

Auch wenn die Stadt aus Marketing-Gründen nicht müde wird, darauf hinzuweisen, dass man an prominenter Stelle ein prominentes Richter-Kunstwerk präsentieren könne, so besteht eben dieses Werk letztlich doch „nur“ aus der Idee, ein Foucaultsches Pendel in einer Kirchenkuppel zu installieren und es durch den Raum schwingen zu lassen. 

Auch an dieser Stelle ist es nun wieder interessant, das Publikum zu beobachten: Gewiss betreten viele Besucher in Erwartung eines „echten" Richters die Kirche – und sehen dann ein Pendel. Selbst die grauen Spiegel, deren Bedeutung in sei tenlangen feuilletonistischen Abhandlungen beschrieben wird und von denen vermeintliche Kenner meinen, sie seien das eigentliche Kunstwerk, interessieren kaum. Und doch stellt sich nicht das Gefühl ein, Opfer eines Fakes in der glitzernden Kunstwelt geworden zu sein. Die Besuchermassen haben längt dafür gesorgt, dass sich das Kunstwerk vom Künstler  eman zipieren kann. Das Pendel spricht auch Menschen an, denen der Name Gerhard Richter kein Begriff ist. 

Münsteraner und Münster-Besucher haben das Pendel in ihr Herz geschlossen. Sie spüren, dass an genau diesem Ort Münsters Herz schlägt. Mehr noch: Sie erahnen, wie unendlich wichtig es in diesem zerrissenen Europa ist, dass in der Mitte jeder Stadt ein Herz schlägt.

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Die komplette Serie erscheint Anfang 2019 als Taschenbuch

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