Die Teegedichtschale des chinesischen Kaisers Chien-lung
Und summt unendlich beschwingt

Münster -

Frankreich kennt „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. und Deutschland „August den Starken“. Aber was sind solche Herrscher gegen Chien-lung.

Freitag, 28.12.2018, 23:19 Uhr
Diese Schale erinnert an einen meditativ heiteren Moment im Leben des berühmten chinesischen Kaisers Chien-lung, den er in seiner Filz-Hütte erleben durfte. Foto: Museum für Lackkunst

Frankreich kennt „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. und Deutschland „August den Starken“. Aber was sind solche Herrscher gegen Chien-lung – einen Kunstsammler und Dichter. Während sich europäische Potentaten in der Kultur weniger durch feinsinnige Sensibilität verewigt haben und die Nachwelt mit ihrem imposanten Protz eher auf Distanz halten, können Besucher des Museums für Lackkunst noch heute dem legendären Kaiser fast zärtlich nahekommen.

Zwar steht die Teegedichtschale von Chien-lung (Qiánlóng) gesichert in der Vitrine, eine haptische Berührung ist mithin ausgeschlossen, aber das vor über 270 Jahren empfundene Gefühl des Kaisers in einer Winternacht kann spürbar werden. Durch ein Gedicht. Dessen malerische Schriftzeichen haben kunstfertige Chinesen seinerzeit aus Lack herausgeschnitzt – rot auf dunkelgrünem Grund. Die Verse erzählen von einem berührend heiteren Moment dieses mächtigen Mannes.

Als in Münster der Westfälische Frieden ausgehandelt wurde, eroberten die Mongolen das Kaiserreich China und lösten die Ming-Dynastie ab. Die Quing-Dynastie dauerte lang (bis 1911), auch weil sich diese mongolischen Fremdherrscher in die alte Hochkultur assimilierten. Chien-lung (1711-1799) war ein solcher Mandschu. Das Nomadische dieses Reitervolkes steckte in ihm. Also zog es den Edlen immer wieder hinaus in die Natur. Auch im Jahr 1749 (das Jahr ist durch den Jesuitenpater Joseph-Marie Amiot überliefert) unternahm der Kaiser einen Jagdausflug in den Norden, jenseits der großen Mauer. Es war kalt. Es war ungemütlich. Und der Kaiser kochte sich in seiner mongolischen Jurte Tee. Höchst-selbst und eigenhändig, wie sein Gedicht erzählt. Denn der vierte chinesische Kaiser der Qing-Dynastie schildert darin, wie er in einer „Filz-Hütte“ einen Korb Schnee schmilzt, den „Tee der dreifachen Reinheit“ zubereitet und sich zu „heiterer Meditation“ einlädt; es endet: „In kalter Nacht hört man die Wasseruhr; / Den alten Mond sieht man wie ein schwebendes Chüeh-Juwel. / Mild gesättigt nimmt man die Gelegenheit wahr / Und summt skandierend, unendlich beschwingt.“ Der Leser kann bis heute glauben, er sei dabei gewesen, derart lebendig und versiert dichtet Chien-lung. Kein Wunder, schrieb der mächtige Mann doch täglich Gedichte. Davon sind 42 000 überliefert.

Weil der Kaiser sein Poem auch nach der Rückkehr für würdig befand, auf Porzellan und eben in teurem Lack verewigt zu werden, ist es erhalten. Neben dem kostbaren Exemplar in Münsters Lackkunstmuseum befindet sich eine weitere solche Schale im Victoria and Albert Museum London. Solche Kostbarkeiten wurden vom chinesischen Kaiser verdienten Höflingen geschenkt. Auf diese Weise konnten sie beim Tee-Trinken aus einer solchen Schale ihrem Kaiser nahe sein – mit den Händen und in Gedanken. Fast so, wie die Besucher heute.

Mit dem weltoffenen Kaiser (ein Erzieher war Jesuit) verbindet Museumsdirektorin Monika Kopplin eine weitere anrührende Anekdote: Aus Respekt vor dem verehrten Großvater Kangxi dankte Chien-lung im 59. Jahr seiner Regentschaft offiziell ab. 60 Jahre hatte sein Großvater regiert. Den wollte der Enkel aus Respekt nicht übertrumpfen. Das ist Konfuzianismus, Ahnenverehrung pur.

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Nach über 20 Jahren verlässt Prof. Dr. Monika Kopplin das Museum für Lackkunst. Diese Zeitung hat sich aus diesem Anlass von ihr anhand ausgewählter Objekte aus der Sammlung einige der spannendsten Geschichten erzählen lassen.

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