Senthuran Varatharanjah und die Band Rán auf Burg Hülshoff
Kein Haus, keine Rückkehr, nur die Sprache

Münster/Havixbeck -

Es geht um Sprache, um Kolonialismus, um Flucht und die Suche nach Identität. Senthuran Varatharanjah und die Band Rán geben auf der Burg Hülshoff ein literarisch-rockiges Konzert.

Dienstag, 21.05.2019, 01:07 Uhr aktualisiert: 23.05.2019, 10:13 Uhr
Der Autor Senthuran Varatharanjah mit Band in der Scheune von Burg Hülshoff. Foto: Günter Benning

Die Mutter ist Hindu, der Vater Zeuge Jehovas , sie flohen als Tamilen aus Sri Lanka. Mit vier Monaten kam Senthuran Varatharajah nach Bayern, wurde katholisch sozialisiert, studierte evangelische Theologie und Philosophie: Kant, Hegel, Wittgenstein. Am Ende nennt er sich einen Neo-Marxisten aus Berlin.

Was für ein Cocktail?

Varatharajah ist Flüchtling. Einer, der das Haus seiner Familie nicht kennt, der im Modus des Verlustes existiert.  Und der dieses Lebensgefühl so wunderbar rhythmisch in der Sprache vortragen kann, mit der er aufwuchs, die sein Denken prägt: Deutsch. Deutsch in der Dauer-Reflektionsschleife. "Man sagt, es heißt", sagt er öfter. Sprache gibt es nicht isoliert vom Sprecher.

Rockige Dynamik

Er steht auf dem sandigen Grund der Scheune von Burg Hülshoff und spricht seinen Talking Blues, einen Singsang über "Sechs Linien", den er so schön befremdlich untertitelt: „Im Schlaf, wie man sagt.“ An drei Abenden im Center for Literature geht der Autor eine musikalische Symbiose mit fünf Musikern ein. Die Band Rán hat „die Temperatur“ seines Scriptes aufgenommen. Yair Karelic und Laura Landergott (Gitarre), Heike Rädeker (Bass), Can Winter (Syntheziser) und Sarah Neidorf (Drums) treiben die Sätze vor sich her, geben den assoziativen Worten rockige Dynamik. Das geht unter die Haut.

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Foto: Günter Benning

Worum geht’s? Zunächst mal um das Flüchtlingsschicksal Varatharajahs, um das Asylheim, die Schlichtwohnung der Eltern, sein Ausgegrenztsein in Deutschland, wo man ihm sagt, man habe nur eine Mutter und eine Muttersprache.

Der Autor trägt das sehr existentialistisch vor, Zigarettenrauch wirbelt um sein Gesicht, kein Lächeln verzieht sich hier hin: Es geht um die Verlustklage seiner Mutter, die Unfähigkeit bei einem späten Besuch Sri Lankas, in Jaffna das Haus der Familie gedanklich zurückzugewinnen. Die Frage der Staatsangehörigkeit, ius soli und ius sanguini, Boden und Blut. Und um das Unglück, dass Jaffna in seinem Pass Jaffa heißt und man ihn immer falsch eintütet. Nach Israel. Um all die Versuche, sich da zu verorten, wo man ist. Am Ende geht es doch immer nur um die eigene Identität.

Heimat und Ablehnung

Wer die Nachkriegsgeschichte kennt, weiß um dieses allgegenwärtige Thema. Heimat und Haltlosigkeit, Aufnahme und Ausgrenzung, Flucht, Vertreibung, Wiederkehr, Ankunft - Deutschland nach dem Krieg hat sich 70 Jahre an seinen Flüchtlingen, Migranten, Aussiedlern, Heimkehrern gerieben und ist damit groß geworden und liberaler als man gemeinhin denkt.  Aber jeder Einzelne steht mit seinem Flüchtlings-Schicksal doch wieder ganz allein da.

Ecotopia ist die Veranstaltung überschrieben. Der Text arbeitet sich am Zusammenspiel von Ökologie und Kolonialismus ab. Der Ökologe und Botaniker Arthur Georg Tansley  hat auf seinen Forschungsreisen die Welt katalogisiert und kategorisiert, auch Cheylon, das heute Sri Lanka heißt. Auf ihn bezieht sich Varatharajah. Diese Wissenschaft zieht Grenzen, schließt ein, schließt aus, definiert Wert und Unwert, oben und unten, Herrschaft und Ohnmacht.

Die Kolonisation

Die Geschichte der Kolonisation fängt mit den Schmetterlingssammlungen der Forschungsreisenden an. Wie Varatharajah es sagt, mit „der systemischen Ordnung einer empirisch fundierten Administration.“ Später in der Diskussion wird eine Studentin fragen, inwieweit die Sprache des modernen Naturschutzes nicht koloniale Züge trage. Man spreche von fremden Arten, von Eindringlingen, von gestörten Biotopen, von Abwehr und Ausrottung. Das sei die Sprache der Rechten.

Die Sprache, das ist die Heimat Varatharajahs. Er fragt, ob die Dinge sich ändern, wenn sich die Worte ändern. Und die Worte, wenn sich die Dinge ändern. Oder stehen Dinge und Wörter überhaupt nicht in einem Bezug? Ist nicht alles Metapher, ein Bild für das, was der Fall ist, das wir aber nicht erfassen? Können wir ahnen, wie es ist, ins Meer zu laufen, in eine Decke gewickelt zu fliehen, in einem Schlauchboot auf dem Meer? Sprache, sagt der Autor, ist und bleibt eine Grenze.

Wie viele Autoren, die noch eine andere Sprache im Hinterkopf haben (Jurek Becker, Wladimir Kaminer) besitzt Senthuran Varatharajah die Fähigkeit, die Schönheit der Worte mit dem Außenblick zu erfassen. Und auch auf sie hereinzufallen. Im Gespräch mit den Lesebürgerinnen nach dem Konzert im Burgkeller berichtet er davon, wie er mal zwei Wochen lang in Frankfurt, als er dort bei einer Investmentbank arbeitete, an dem Plakat „Frankfurt wird modern“ vorbeiging. Dann erst bemerkte er, dass dies nicht heiße, „dass Frankfurt vermodern wird“.

Am Ende eines rockigen „Requiems“, wie es der Autor selbst bezeichnet, bleibt ein Moment der stillen Atemlosigkeit.

Senthuran Varatharajah im Center for Literature

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