Gebärden- und Gospelchor singen gemeinsam
Mehr als nur ein Schallereignis

Münster -

Eine lebhafte Diskussion ist bei der Chorprobe im Gange. Und doch herrscht in der Epiphaniaskirche beinahe Stille. Die Mitglieder des Ensembles „Sing a Sign“ formulieren ihre Manöverkritik zum Arrangement von Stings getragener Hymne „Fragile“ auf ihre Weise: durch Gesten und Mimik.

Dienstag, 18.06.2019, 17:02 Uhr
Münsters Gospelchor „EpiFUNias“ (hinten) und der Gebärdensprachenchor „Sing a Sign“ haben sich für den evangelischen Kirchentag zusammengetan. Foto: Wolfgang A- Müller

Für drei Auftritte beim evangelischen Kirchentag in Dortmund haben sich der vom Caritasverband Emsdetten-Greven 2014 ins Leben gerufene, inklusive Gebärdenchor aus Menschen mit und ohne Gehör und der Gospelchor „EpiFUNias“ verbündet. „Ich habe sie auf dem Chortreffen in Ibbenbüren gesehen“, erzählt dessen Leiter, Winne Voget. „Das hat mich total umgehauen.“ Gemeinsam schaffen sie nun ein musikalisches Erlebnis, das weit mehr als nur ein Schallereignis ist. Nämlich die totale barrierefreie musikalische Inklusion.

Gleich drei Personen dirigieren hier simultan: Voget lenkt seinen vielköpfigen Klangkörper, der in weit geschwungenem Halbkreis die Emsdettener Gäste sonor umrahmt. Letzteren wiederum signalisieren die gehörlose Inga Stecknitz und die hörende Anja Nienhaus ihre Einsätze und Rollen in Gebärdensprache.

Sing a Sign, die sonst zu Playbacks performen, übersetzen dabei nicht bloß die Textanteile der Lieder. In die geschmeidigen, oft tänzerisch anmutenden Gesten fließen gleichermaßen Emotion und Tempo der Stücke ein. Während EpiFUNias zu John Lennons „Imagine“ einen Klangteppich ausbreitet, erzählen Sing a Sign mit Händen, Armen, Kopf, Oberkörper und Mund von der darin transportierten Botschaft, die der Autor unbedingt universell verstanden haben wollte. Ist die Interpretation fremdsprachlicher Texte für sie eine besondere Herausforderung? Wohl nicht mehr, als für den EpiFUNias-Chor, entgegnet Inga Stecknitz lächelnd: „Meine Muttersprache ist die Gebärdensprache.“

Zu Michel Sardous „Je vole“ (aus dem Film „Kennen Sie die Béliers?“ über eine taubstumme Familie mit hörender und singender Tochter) bringen beide Chöre geradezu im Fluge parallele Welten zusammen. Wie sein klingendes Pendant setzt auch der Gebärdenchor Mehrstimmigkeit und Soli ein. Was gut dosiert sein will, erklärt Stecknitz, denn zu viele Gebärden führten zu verwirrender visueller Überreizung.

Der ganze Körper fungiert hier indes nicht nur als Ausdrucksmittel, sondern auch als Resonanzboden. Musik kann man fühlen und imaginieren, wie nicht nur die gehörlose britische Weltklasse-Perkussionistin Evelyn Glennie beweist. Beethoven komponierte noch als vollständig Ertaubter ein Werk, das damit gar als Hymne auf die Inklusion gelesen werden könnte: „Alle Menschen werden Brüder.“

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