Rezitationstheater in der Studiobühne
Dämonen lauern in der Dorfkneipe

Münster -

WLAN-Empfang, so muss die bunt zusammengewürfelte, in einer mittelfränkischen Dorfkneipe gestrandete Reisegesellschaft vom dampfplaudernden Wirt lernen, gibt es nur im „Herrgottswinkel“. Dort schwebt ein mit „Wifi“ markiertes Kreuz über der rustikalen Eckbank. Doch der erzwungene Aufenthalt im Gasthof „Zum röhrenden Eichhörnchen“ hält für die vier jungen Städter noch andere, wesentlichere Prüfungen bereit.

Freitag, 19.07.2019, 17:08 Uhr
Im Kollektiv haben die Akteure des Rezitationstheaters ihr Stück „Hertha, mach das WLAN an!“ verfasst, das jetzt erneut in der Studiobühne aufgeführt wurde. Foto: wam

Denn dort, wo die Zeit gemächlicher vergeht, sind sie zunehmend mit sich selbst, ihren Ambitionen und den Rollen, die sie im Leben eingenommen haben, konfrontiert: Ralf, ein großkotziger Yuppie auf dem Weg zu einem Bewerbungsgespräch, die blasierte Philosophiedoktorandin Jean-Jacqueline, der maximalentspannte, substanzbefeuerter Bedröhnung zugeneigte Hedonist Max. Schließlich Manon, eine gutmütige Studentin der Kulturanthropologie, die zu einer Familienfeier reist.

In pointierten, Gag-reichen Dialogen reiben sie sich nicht nur aneinander, sondern treffen auf bäuerliche Ortsbewohner, den Bürgermeister, der sich mit kruden Anglizismen und Marketingfloskeln bei ihnen einschleimen will, und den xenophoben Dorfpolizisten. Nur die vom lebhaften Wirt wiederholt „Herda!“ gerufene Gattin bleibt unsichtbar.

Mit ihrem im Kollektiv geschriebenen Stück „Hertha, mach das WLAN an!“, das parodistisch aufgeladen, heiter, mitunter aber auch grimmig Selbstbilder, kulturelle Identitäten und Mentalitäten umkreist, begeisterte das Rezitationstheater ein volles Haus zur Dernière. Ideenreich wurden dabei auch Merkmale theatralischer Inszenierungen thematisiert. Der gewitzte, bodenständige Wirt mit makellos authentisch fränkischem Akzent, der dem Publikum die handelnden Figuren vorstellt, outet sich explizit als Türsteher der „vierten Wand“, also der ideellen Barriere zwischen Zuschauern und Schauspielern. In einem geradezu klassisch angelegten Spannungsbogen spielte das Ensemble vergnüglich mit Darstellungsformen: Eine Folge von Rezitationen, Aphorismen, Gedichten wirkt wie ein absurder Poe-try-Slam. In einem starken Solo von shakespearescher Wucht begegnet Ralf dem Geist seines verstorbenen Vaters, der ihn unerbittlich zur Härte trieb. „Weakness is the toughest thing to show“, singen die Darsteller und lassen ihre inneren Dämonen auf einer rührenden Note entflattern.

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