Thomas und Arthur Thieme stellten „Brecht.Laotse.Flucht“ vor
Abgesang auf die Vernunft und Mahnung zugleich

Münster -

Seine Stimme scheint auf dem Sprung zu noch Bedeutsamerem, taucht ab in den Untergrund der Sprache, als wollte sie deren Tragfähigkeit für tiefsten Tiefsinn demonstrieren. Thomas Thieme ist eine markante Erscheinung in Theater, Film und Fernsehen, ein Zeus-Charakter fürs Überdimensionale im Alltäglichen. Im „Rieselwärterhäuschen“-Mikrokulturfestival „Alles im L(a)ot(se), Herr Brecht?“ modulierte sein Bass mühelos den drohenden Tonfall des erzürnten Propheten über die sündige Menschheit.

Dienstag, 20.08.2019, 11:08 Uhr
Thomas und Arthur Thieme stellten beim Gloster-Mikrokulturfestival „Brecht.Laotse.Flucht“ vor. Foto: Günter Moseler

In der konzertanten Aufführungspremiere „Brecht. Laotse.Flucht“ rezitierte Thieme nicht nur Brechts Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“, sondern kombinierte sie mit Aphorismen aus jenem Taoteking (ca. 6. Jh. v. Chr.), während Sohn Arthur auf der E-Gitarre als Soundtrack eigene Vertonungen diverser Brecht-Gedichte beisteuerte.

Unter robusten Deckenbalken, zwischen und auf Holzgestühl im Rieselfeldhof war es, als konzentrierten sich aktuelle Fluchtlinien auf einen Punkt: den zeitlosen Irrsinn missbrauchter Macht. Das von Arthur Thieme intonierte „Lied des Wasserverkäufers im Regen“ über Not und Pech kleiner Leute lenkte kontrapunktisch den Blick auf deren Opfer. Danach hob Thomas Thieme schicksalsschwer an: „Die Tüchtigen nicht bevorzugen, Kostbarkeiten nicht schätzen, nichts Begehrenswertes zeigen, macht, dass das Volk nicht streitet, stiehlt oder wirr wird“. Arthur Thieme interpunktierte dazu mittels Plektron-Tupfer die Lakonie radikaler Uralt-Weisheiten.

Dann Brechts Laotse-Text: „Als er siebzig war und war gebrechlich / drängte es den Lehrer doch nach Ruh / denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich / und die Bosheit nahm an Kräften zu“. Kaum waren Original und (Ver-)Dichtung präsent, fiel auf die (Menschheits-)Geschichte der Schatten von Willkür und Herrschaft, neigte sich Thiemes Diktion einem Abgesang auf Vernunft hin und zugleich der Mahnung zu. Die Dringlichkeit Laotses humanistischer Entsagungsphilosophie gewann durch fast zu Wehmut tendierende, stimmliche Nuancen unabweisbare Authentizität, zumal der Schauspieler eine bitter-ernste Miene übers Publikum schweifen ließ.

Gerade Thomas Thiemes sprachlicher wie gestischer Minimalismus verlieh ihm die Autorität eines poetischen „elder statesman“, der ohne dramatische Attitüde Laotses Deutung vom Drama der sich selbst verkennenden Macht als Tragödie des Volkes vor Augen und Ohren führte: „Denn das Volk ist schwer zu leiten – das liegt daran, dass es viel weiß“. Sprachlos ließen Thieme, Brecht und Laotse das Publikum zurück: Wir wissen alles – aber es hilft uns nichts.

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