„Nachtgestümper“ als Vermächtnis der Florence Foster Jenkins
Selbstermächtigung zum Singen

Münster -

-wam-Schwankender Rhythmus, haarsträubende Intonation, überkandidelte Gesten: Florence Foster Jenkins (1866-1944) hatte sich das Prädikat „Schlechteste Opernsängerin der Welt“ redlich verdient. Böse Zungen behaupten gar, amerikanische GIs gingen derzeit auf ihre berühmt-berüchtigten Konzerte, um sich gegen den auf den Schlachtfeldern lauernden Terror abzuhärten.

Sonntag, 13.10.2019, 16:00 Uhr aktualisiert: 15.10.2019, 17:18 Uhr
Kathrin Filip (l.) und Philine Bamberger Foto: Wolfgang A. Müller

Dass im Mythos des „Superstars der falschen Töne“ mehr steckt als nur eine bisweilen hämische Freude am Scheitern, förderte das von Jan Holtappels dirigierte 15. „Nachtgestümper“ des Theaters zu Tage. Eigentlich soll nach einer von Kathrin Filip , Regine Andratschke und Rose Lohmann in Schuluniformen naiv gestammelten Biografie ein politisch-kritisches Schauspiel erarbeitet werden. Wäre da nicht der Kollege vom Musiktheater (Pascal He­ringt on), der sich im Katzenkostüm mit schnulzigen Musical-Schnurren einmischt und wiederholt von der Bühne gefuchtelt wird: „Nee, komm. Gehn Sie mal zu ‚Voice Of Germany‘ oder so!“

Über die vermeintlich kritische Frage, warum Josef Ackermann unter der Dusche Opern singt und keine Schauspiele rezitiert, einem Violinen-Intermezzo von Kathrin Filip und Philine Bamberger sowie grotesken kulinarischen Fantasien eines Bühnenbildners gerät der Aufhänger des Abends in den Hintergrund. Doch die Diva fordert ihren Teil ein: „Whatever Happened To My Part?“ (aus Monty Pythons Musical „Spamalot“) schmettert Lohmann im Lamee-Kleid. Und dann erschüttert, von Fabian Liesenfeld am Klavier angetrieben, Jenkins’ Paradenummer „Der Hölle Rache“ die Trommel- und Zwerchfelle. Jenkins war eine Überzeugungstäterin, die – der eigenen Grenzen nicht bewusst – sich einen Lebenswunsch erfüllte: Ihr Freude am Singen einem Publikum mitzuteilen. Ein Akt der Selbstermächtigung. Als Regine Andratschke „Send In the Clowns“ singt und ein „immer in der Musik leben“ hinterherschmachtet, schließlich auch Herington „Memory“ auf einer weichen, gehaltenen Note beendet, schwebt die Flüchtigkeit glücklicher Momente im Raum. Sie gilt es zu ergreifen. So wie bei Florence Foster Jenkins, deren Grabstein ihr Ausspruch ziert: „Die Leute mögen behaupten, dass ich nicht singen kann. Aber niemand kann behaupten, ich hätte nicht gesungen.“

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