Leiterin der Stadtbücherei geht in Ruhestand
Das Buch bleibt

Münster -

Nach 30 Jahren als Leiterin von Münsters Stadtbücherei geht Monika Rasche in den Ruhestand. Sie spricht über den Wandel der Funktion der Bücherei und über persönliche Vorlieben.

Samstag, 20.05.2017, 19:05 Uhr

Die Stadtbücherei von 1993 ist für Monika Rasche und ihr Team immer noch „der Neubau“. Ende des Monats verabschiedet sich die Büchereileiterin in den Ruhestand.
Die Stadtbücherei von 1993 ist für Monika Rasche und ihr Team immer noch „der Neubau“. Ende des Monats verabschiedet sich die Büchereileiterin in den Ruhestand. Foto: Oliver Werner

Im Oktober 1986 übernahm eine junge Bibliothekarin aus Bielefeld die Leitung der Stadtbücherei Münster. Ob Monika Rasche damals ahnte, dass aus diesem Wechsel gleich eine Lebensstellung werden sollte? 30 Jahre und fast acht Monate später zieht sie im Gespräch mit Redakteur Lukas Speckmann Bilanz – denn Ende Mai geht die langjährige Büchereileiterin in den Ruhestand.

Frei heraus: Was ist Ihr Lieblingsbuch?

Rasche: Schwierig – ich müsste lange überlegen. Vor ein paar Jahren hätte ich gesagt: „Das Wüten der ganzen Welt“ von Maarten t‘Hart  . . .

Und das haben Sie sich selbst ausgeliehen?

Rasche: Nein das habe ich gekauft. Ich lese gerne Neuerscheinungen, und da möchte ich nicht in Ausleih-Konkurrenz zu unseren Kunden treten. Aber wenn ich mal einen Schmöker oder Fachliteratur suche, greife ich zu dem, was die Bücherei bietet.

Das Ausleihen ist nicht mehr so wichtig?

Rasche: Das kann man sagen. Früher war das Maß der Dinge die Ausleihzahl. Derzeit sind es 1,8 Millionen Medien jährlich, in der Hoch-Zeit war es deutlich mehr. Heute geht es darum, den Zugang zu Informationen zu ermöglichen und unseren Kunden einen Aufenthaltsort zum Lernen und Arbeiten anzubieten.

Wer lernt denn in der Bücherei?

Rasche: Alle Generationen und alle Bildungsgruppen. Aber nicht zuletzt Schüler: Zur Abi-Zeit sitzen die Leute auf unseren Fensterbänken und pauken, wir mussten in diesem Jahr zum ersten Mal zusätzliche Tische aufstellen. Sehr häufig findet hier auch im Dialog Sprachunterricht für Flüchtlinge statt.

Ist in einer Bücherei nicht Ruhe die erste Bürgerpflicht?

Rasche: Das können wir nicht mehr durchhalten. Wir definieren uns als Lernort, da muss man sprechen können. Das kann zu Konflikten führen, deshalb haben wir auch in der ersten Etage, unserer „Kulturetage“, einen Stillebereich eingerichtet.

Im Zeitungssaal herrscht doch auch Ruhe?

Rasche: Dafür sorgen die Zeitungsleser schon selbst.

Die „neue“ Stadtbücherei ist nun fast 25 Jahre alt. Macht das Bolles-und-Wilson-Gebäude die Veränderungen mit?

Rasche: Das Gebäude ist nicht gealtert, es ist immer noch supermoderne Architektur. Aber es gibt Veränderungen, etwa die Verkabelung der Arbeitsplätze: Als wir das Haus einrichteten, dachte niemand daran, dass man zum Lesen außer fürs Leselicht noch Strom brauchen würde. Heute würden wir auch von vornherein mehr Gruppenräume einplanen. In der alten Bücherei im Krameramtshaus hätten wir aber gar nichts machen können, da war es viel zu eng.

Diese moderne Architektur und ihre Atmosphäre haben an Bedeutung eher noch gewonnen?

Rasche: Auf jeden Fall! Die Bibliothek ist der dritte Ort zwischen Arbeitsplatz und Zuhause – nicht als Freizeit-Ort, sondern zum Lernen, Lesen und Kommunizieren. Das hat Aspekte, die für unsere Gesellschaft wichtig sind: Hier treffen ganz unterschiedliche Leute aufeinander, das kann der Spaltung unserer Gesellschaft entgegenwirken.

Die Eröffnung dieses Hauses 1993  . . .

Rasche : . . .  war sicher der Höhepunkt meiner über 30-jährigen Tätigkeit in Münster. Am Realisierungswettbewerb 1987 habe ich bereits teilgenommen und habe mich nach erster Zurückhaltung sehr für diesen Entwurf eingesetzt. Ich war sozusagen von der ersten Baggerschaufel an dabei.

Und die schwierigste Situation in 30 Jahren?

Rasche: Als uns die erste Spar-Runde erreichte – Stichwort: Rödl-Gutachten –, musste ich hoch qualifizierten Kräften sagen, dass ihre Verträge nicht verlängert werden. Das war schon schwierig. Schließlich sind wir eine Einrichtung, die von der Qualität des Personals getragen wird. 18 Prozent unserer Stellen mussten wir einsparen.

Weniger geht nicht?

Rasche: Nicht ohne Qualitätsverlust. Das sieht man etwa montags, wenn wir keinen Service mehr anbieten. Sobald einer von uns auftaucht, ist er von fragenden Kunden umringt, selbst der IT-Koordinator, wenn er die Hardware wartet. Wir haben in den vergangenen Jahren viel automatisiert, aber die Grenzen sind erreicht.

Geht es denn nicht immer weiter mit der Digitalisierung?

Rasche: Wir hatten eine Zeit lang das Gefühl, alle sind online. Aber die Tendenz ist eine andere. Gaming ist zwar sehr attraktiv, aber zurzeit erleben wir auch eine Renaissance des Gesellschaftsspiels. Und unser E-Book-Angebot spricht vor allem ältere Leser an, die finden das geringe Gewicht und die großen Buchstaben attraktiv. Die Jüngeren möchten lieber ein Buch in die Hand nehmen.

Deshalb bleibt auch der Name „Bücherei“?

Rasche: In Frankreich heißt eine Bücherei wie unsere längst „Mediathek“. Aber Trends bei Medien gibt es immer, manche sind längst verschwunden – das Kontinuierliche ist das Buch. Das bleibt.

Der 23. Mai ist Ihr letzter Arbeitstag. Wird Ihnen etwas fehlen?

Rasche: Mit Sicherheit die Kolleginnen und Kollegen sowie die morgendliche Radfahrt zum Dienst. Im Übrigen weiß ich ja gar nicht, wie das ist: ein Leben ohne Bücherei . . .

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