Interview mit „Tier“-Manager in Münster
E-Scooter-Angebot wird auf Stadtteile ausgeweitet

Münster-West -

Elektro-Tretroller machen den Verkehr in den Innenstädten nach Einschätzung des Umweltbundesamts bisher kaum umweltfreundlicher - und wären in Außenbezirken besser aufgehoben. In Münster weitet Verleiher „Tier“ das Angebot schon aus.

Donnerstag, 05.09.2019, 11:45 Uhr
Im Schatten der Michaelkirche: Auch in Gievenbeck sind mittlerweile die E-Scooter zu finden. Foto: Kay Böckling

Mittlerweile gehören sie in Münster fast schon zum täglichen Stadtbild. 500 Exemplare sind täglich unterwegs. Nun sind die auch in einigen Stadtteilen zu finden. Die Rede ist von den sogenannten Leih-E-Scootern. Verleiher ist das Unternehmen „Tier“ mit Sitz in Berlin. Über die Nutzung der Elektroroller in den Stadtteilen sprach unser Redakteur Kay Böckling mit Johannes Junge-Wentrup , City-Manager Münster.

Herr Junge-Wentrup, Ihre E-Scooter stehen mittlerweile auch in diversen Stadtteilen Münsters, wie beispielsweise in Gievenbeck. Seit wann ist das so?

Junge-Wentrup: Seit Anfang Juli, im Zuge der Flottenvergrößerung, vergrößern wir stetig unser Geschäftsgebiet.

Das reicht wie weit?

Junge-Wentrup: Das ist variabel. In jede Richtung rund fünf bis zehn Kilometer.

Warum gehen Sie in die Stadtteile?

Junge Wentrup: Es gibt verschiedene Faktoren die die Vergrößerung in bestimmte Stadtgebiete beeinflussen. Auch stehen wir im Austausch mit den Stadtwerken, um das ÖPNV Angebot an bestimmten Standorten zu unterstützen. Ziel ist es, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen Geschäftsgebietsgröße und Anzahl der nutzbaren E-Scooter zu gewährleisten.

Gibt es eine Art „Sperr-Radius“?

Junge Wentrup: Das Geschäftsgebiet hat klare Grenzen und außerhalb dieses Geschäftsgebietes kann der E-Scooter nicht genutzt werden.

E-Tretroller: Neue Mobilität oder Sicherheitsrisiko?

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  • StauUbahnSchild

    E-TRETROLLER ALS ALTERNATIVE: Besonders staugeplagte Großstädter sollen mit «E-Scootern» eine neue Mobilitätsmöglichkeit bekommen. Per E-Roller könnte es zum Beispiel schneller von der U- und S-Bahn oder einer Bushaltestelle weiter nach Hause oder zur Arbeit gehen.

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  • UM DIESE FAHRZEUGE GEHT ES: Die Roller, die oft einige hundert Euro oder mehr kosten, dürfen bis zu 20 Kilometer pro Stunde (km/h) schnell sein. Sie dürfen höchstens 70 Zentimeter breit sein, 1,40 Meter hoch und zwei Meter lang. Maximalgewicht ohne Fahrer: 55 Kilogramm.

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  • WER E-TRETROLLER FAHREN DARF: E-Roller, die nur weniger als 12 km/h fahren können, sollen bereits für Jugendliche ab 12 Jahren erlaubt sein - schnellere Gefährte dann ab dem vollendeten 14. Lebensjahr. Eine Mofa-Prüfbescheinigung oder eine Helmpflicht sind nicht vorgesehen.

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  • WO SIE FAHREN DÜRFEN: Einfach überall herumbrausen dürfen die neuen E-Fahrzeuge, deren Akku nach Branchenangaben an Steckdosen geladen werden können, nicht. Bei weniger als 12 km/h dürfen die Gefährte innerorts nur auf Gehwegen und gemeinsamen Geh- und Radwegen fahren.

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  • WELCHE SICHERHEITS-ANFORDERUNGEN KOMMEN: Pflicht sind zwei unabhängig voneinander wirkende Bremsen und eine Beleuchtung, die auch abnehmbar sein darf. Ebenfalls vorgeschrieben werden seitliche Reflektoren und mindestens eine «helltönende Glocke».

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  • WIE SIE EINEN ZULASSUNGSFÄHIGEN ROLLER ERKENNEN: Nur Elektrokleinstfahrzeuge, die über eine Lenk- oder Haltestange verfügen, sowie E-Tretroller oder Segways ent­sprechen der Verordnung. Die gilt nur für Fahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 20 km/h. Elektrische Fahrzeuge ohne die Haltestange, etwa Hoverboards, Mono­wheels oder E-Skateboards dürfen nicht in den Straßen­verkehr. 

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  • WO GIBT ES DIE NEUEN ROLLER UND WAS KOSTEN SIE? Viele der bisher angebotenen oder verkauften Modelle für 200 bis 2400 Euro erfüllen nicht die Vorgaben und sind nicht im öffentlichen Verkehr zugelassen. Wer damit dort fährt, macht sich strafbar und hat keinen Versicherungsschutz. 

    Modelle wie etwa der Moover von Metz (circa 2000 Euro) und der X2City von Autohersteller BMW (circa 2400 Euro) waren mit Sondergenehmigung schon bisher zugelassen und sind im Fahrradfachhandel zu bekommen. Elektronikmärkte etwa bieten schon straßenzugelassene Modelle zu Preisen zwischen etwa 400 bis 600 Euro an.

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  • DARAUF SOLLTEN SIE VOR DER ERSTEN FAHRT ACHTEN: Bevor Sie sich ins Getümmel des Straßenverkehrs stürzen, raten Experten von ADAC und DVR, sich vorher mit dem neuen Gefährt vertraut zu machen und in ruhiger Umgebung zu üben. Die Kraft des Antriebes beim Anfahren als auch die der Bremsen werden leicht unterschätzt.

    Die Räder sind wesentlich kleiner als bei Fahrrädern. Je größer der Reifendurchmesser, desto sicherer lassen sich Unebenheiten überwinden. Ein Helm ist gesetzlich nicht vorgeschrieben. Doch die Experten raten dazu, nicht ohne einen Kopfschutz zu rollern. 

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  • SO FUNKTIONIERT DIE VERPFLICHTENDE KFZ-HAFTPFLICHTVERSICHERUNG: Die Roller benötigen jährlich ein neues Versicherungskennzeichen – einen Aufkleber. Er ist in den Geschäftsstellen der Versicherungen zu bekommen, lässt sich aber auch online bestellen. Kostenpunkt: circa 40 Euro.

    Benötigt werden die Daten der Fahrzeugpapiere. Den Versicherungsschein muss man beim Fahren nicht dabeihaben.

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  • SO SCHNELL DÜRFEN SIE FAHREN: Die Roller dürfen bauartbedingt nicht schneller als 20 km/h fahren können. Experten raten, das Tempo stets an die je­weilige Situation anzupassen und Rücksicht zu nehmen.

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  • DÜRFEN SIE DEN ROLLER IM ÖFFENTLICHEN NAHVERKEHR MITNEHMEN? Das kommt auf die Situation vor Ort an. Letztendlich ­müssten die Mitgliedsunternehmen und Verbünde entscheiden, ob und in welcher Form sie die Mitnahme gestatten.

    Der VDV hat seinen Mitgliedsunternehmen empfohlen, die Mitnahme von elektrischen Tretrollern in Bussen und Bahnen zuzulassen – unter der Bedingung, dass diese nicht zu schwer sind und im Fahrzeug zusammenklappt werden.

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  • DÜRFEN SIE DIE ROLLER IN ZÜGEN DER DEUTSCHEN BAHN MITNEHMEN? Ja, kostenfrei als Handgepäck. Aber das knüpft die Bahn an Voraussetzungen: Der E-Tretroller muss zusammengeklappt mitgenommen werden und über oder unter dem Sitz verstaut werden. Die Mitnahme von Ersatzakkus ist nicht möglich. Diese stuft die Bahn als Gefahrgut ein.

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  • SO KÖNNEN SIE IHREN ROLLER VOR DIEBSTAHL SCHÜTZEN? Je nach Modell bieten sich Schlösser wie bei Fahrrädern an – ausziehbare Stahlkabel mit Zahlenschloss, Bremsscheibenschlösser mit Stahldraht und Diebstahlsicherungen in O-Form, rät der DVR. Manche Roller lassen sich per App elektronisch sichern und per GPS orten.

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  • ZAHLT DIE HAUSRATSVERSICHERUNG EINEN DIEBSTAHL? Nein, E-Tretroller sind keine Fahrräder, sondern Fahrzeuge. Der GDV geht aber davon aus, dass einige Versicherungen entsprechende Kaskopolicen anbieten werden.

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  • EIN PAAR BIER UND DANN MIT DEM TRETROLLER HEIM - KEIN PROBLEM? Doch, die Promillegrenze liegt für Fahrer ab 21 Jahren bei 0,5 Promille. Wer mit 0,5 bis 1,09 Promille fährt und keine alkoholbedingte Auffälligkeit zeigt, bekommt einen Bußgeldbescheid. Das bedeutet regelmäßig 500 Euro sowie einen Monat Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg. Wer mit mindestens 1,1 Promille unterwegs ist, begeht eine Straftat. Das kann aber auch schon ab 0,3 Promille bei alkoholbedingten Ausfallerscheinungen der Fall sein. Die Null-Promille-Grenze gilt bei jüngeren Fahrern bis einschließlich 20 Jahre.

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  • WELCHE BUßGELDER GELTEN FÜR E-TRETROLLER? Wer ohne Betriebserlaubnis fährt, muss mit einem Bußgeld von 70 Euro rechnen, berichtet der DVR. Wer damit auf dem Gehweg rollert, riskiert zwischen 15 und 30 Euro. Fehlen erforderliche technische Teile wie das Licht, können 20 Euro Bußgeld folgen. Wer ohne den nötigen Aufkleber der Ver­sicherung unterwegs ist, muss mit 40 Euro rechnen.

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  • WAS SCHEUER NOCH PLANT: Die Bundesregierung bereitet auch Regelungen für E-Gefährte ohne Lenkstange vor - das sind Hoverboards oder Skateboards mit Elektromotor. Hier plant Minister Scheuer eine Ausnahmeverordnung. An den Details dazu wird derzeit noch gearbeitet.

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Was passiert, wenn ich dieses Gebiet verlasse?

Junge Wentrup: Außerhalb des Geschäftsgebietes kann die Fahrt nicht beendet werden. Es kann eine „Abschleppgebühr“ anfallen, wenn E-Scooter außerhalb des Geschäftsgebietes abgestellt werden und somit die Fahrt nicht beendet wird.

Was würde passieren, wenn ich mit einem Scooter in den Bus steige und beispielsweise in Nienberge oder Roxel wieder aussteige?

Junge Wentrup: Außerhalb des Geschäftsgebietes, also in Roxel, Nienberge oder Amelsbüren kann eine Fahrt nicht begonnen und nicht beendet werden. Somit ist der E-Scooter nicht nutzbar. Der Busfahrer wird aber auch die Mitnahme eines E-Scooters verweigern. Des Weiteren würde die Wegfahrsperre des E-Scooters in diesem Fall greifen und ein akustisches Signal würde die nicht erlaubte Mitnahme signalisieren.

Ist es irgendwann angedacht, diesen „Sperr-Radius“ auch für Nienberge auszuweiten?

Junge Wentrup: Wir stehen im ständigen Austausch mit der Stadt und evaluieren die derzeitige Flottengröße. Nienberge, da es nicht direkt an das Stadtgebiet angrenzt ist, ist derzeit noch nicht geplant.

Was rollt denn da? Der E-Scooter...

Möchte man einen E-Scooter von Tier nutzen, benötigt man eine Kreditkarte oder ein Pay-Pal-Konto und muss über 18 Jahre alt sein. Zum Entsperren bezahlt man einmalig einen Euro, für jede weitere Minute dann 15 Cent. Mit bis zu 20 km/h kann man dann die Fahrt genießen: Innerhalb des Geschäftsbereichs und immer auf dem Radweg. Ist dieser einmal nicht vorhanden, darf man auch auf die Straße ausweichen. Laut der Verordnung für Elektrokleinstfahrzeuge ist auch das Fahren in Fußgängerzonen grundsätzlich verboten und kann mit bis zu 30 Euro Bußgeld bestraft werden. Auch das Fahren zu zweit oder angetrunken ist nicht erlaubt: Für E-Scooter-Fahrer gelten die gleichen Promillegrenzen wie für Autofahrer. Das heißt: Wer mit einem Alkoholwert von 0,5 bis  1,09  Promille auf den Scooter steigt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und erhält ein Bußgeld. Das sind in aller Regel 500 Euro, ein Monat Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg. Personen in der Probezeit können sogar ihren Führerschein verlieren.  www.bussgeldkatalog.org

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Wieder das Beispiel Gievenbeck: Dort finden die Nutzer die Fahrzeuge an verschiedenen Stellen. Nach welchen Kriterien werden diese Standorte festgelegt?

Junge Wentrup: Unser Team in Münster hat mit seinem Heimatwissen verschiedene mögliche Abstellflächen gemeinsam evaluiert und nach bestimmten Kriterien bewertet. Unter anderem sind diese Kriterien, eine gute Erreichbarkeit, eine Ergänzung des ÖPNV, eine gute Abstellmöglichkeit (ohne den Verkehr, Radwege, Flächen- und Parkplätze für Menschen mit Behinderung, und Fußgängerwege zu behindern).

Ist es nicht schwer, die Fahrzeuge in einem Stadtteil wieder zu orten?

Junge Wentrup: Durch unser integriertes Ortungssystem ist die Suche nach den E-Scootern nicht schwer, solange sie gesetzeskonform auf öffentlichem Grund abgestellt werden.

Gibt es einen Nutzungsunterschied (Dauer und Kilometer) zwischen der Innenstadt und den Stadtteilen?

Junge Wentrup: Nein, in Münster gibt es keinen großen Unterschied. Die meisten Strecken in Münster liegen bei circa zehn bis 15 Minuten und bei circa vier bis fünf Kilometern.

So werden die grünen E-Scooter nachts aufgeladen

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  • Seit Juni sind die E-Scooter auf Münsters Straßen unterwegs. Jede Nacht werden sie von einem Logistikunternehmen eingesammelt und aufgeladen.

    Seit Juni sind die E-Scooter auf Münsters Straßen unterwegs. Jede Nacht werden sie von einem Logistikunternehmen eingesammelt und aufgeladen.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Der Schichtmanager teilt die Fahrer auf ihren Bezirk ein bis es dann um 23 Uhr los geht.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Um die E-Scooter nach Geschäftsende zu entsperren, scannt der Fahrer den QR-Code des Rollers mit seinem Smartphone.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Kein leichtes Unterfangen: rund 20 Kilogramm wiegt ein E-Scooter.

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Er kümmert sich darum, dass alles glatt läuft: Der City-Manager für Münster, Johannes Junge-Wentrup.

    Foto: Wilfried Gerharz
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