Enkeltrick
Sie wollte doch nur helfen

Münster -

Sie hätte nicht im Traum daran gedacht, auf den Enkeltrick hereinzufallen. „Wie kann man nur so dämlich sein“, hat sie früher gesagt. Jetzt ist es ihr selber passiert. Eine Endsiebzigerin erzählt, wie.

Montag, 23.07.2018, 19:38 Uhr aktualisiert: 23.07.2018, 20:37 Uhr
Opfer eines Enkeltricks schämen sich, auf die Masche der Betrüger hereingefallen zu sein. Jetzt berichtet eine Frau aus dem Münsterland, was sie erlebt hat. Foto: colourbox

Die Anruferin hat Marianne nie eine Chance gegeben, Zweifel zu bekommen. Am Morgen nach ihrem Urlaub klingelte das Telefon und die Stimme sagte: „Hallo Marianne, wieder da?“ Es klang nach ihrer angeheirateten Nichte. Und als die auf die Frage, „Mensch, wer ist denn da?“ mit „Na, Verwandtschaft“ antwortete, da war klar: Das muss Eva sein.
Sie war es nicht.
Marianne ist zwar so mutig, einem Journalisten zu erzählen, wie sie auf den ­Enkeltrick hereingefallen ist, schämt sich dabei aber so sehr, dass sie nicht mal ihren Kindern davon erzählt. Sie hat alles über die Masche der Betrüger gelesen. „Ich weiß das alles, warum tu ich‘s trotzdem?“, fragt sie sich. „Ich hab‘s geglaubt, ich hab es einfach geglaubt.“

Wild entschlossen zu helfen

Sie hat eine schlecht Nacht hinter sich, als das Telefon klingelt. Die angebliche Eva will sie besuchen, doch die noch nicht ausgeräumten Koffer lassen Marianne zögern. „Ich habe Chaos und bin nicht so gut drauf“, er­widert sie. Doch die Anruferin lässt sich nicht abwimmeln. „Ich komme nicht, um bei dir rumzugucken. Ich habe was mit dir zu be­sprechen. Ich stehe am Amtsgericht , ich bin in einer verzweifelten Lage. Kannst du mir mit Geld aushelfen?“
Das ist der Beginn eines Telefongesprächs, das bis auf wenige Pausen sieben Stunden dauern soll. Sieben Stunden Dauerfeuer, sieben Stunden purer Stress, sieben Stunden keine Pause, um sich mal kurz Gedanken zu machen. Darum fällt die Endsiebzigerin komplett auf die Masche der Betrügerin herein. „Ja, ich könnte dir helfen“, sagt sie. Und: „Wie viel brauchst du denn?“ Gegenfrage: „Wie viel kannst du denn lockermachen?“ Na, die 17.000 Euro auf dem Konto bei ihrer Sparda-Bank . Ab da lässt die Anruferin nicht mehr locker. „Dann ruf da mal an und frag, was du sofort haben kannst. Lass dich nicht abwimmeln. Das ist dein Geld, das steht dir zu.“

Das sagt die Sparda-Bank

Ute Cewe, Sprecherin der Sparda-Bank, erklärt, dass alle Mitarbeiter mit Infos der Polizei Münster sensibilisiert und geschult seien. Dass ältere Kunden in der Bank größere Summen abheben, sei „ein nicht so ungewöhnlicher Geschäftsvorgang“. Solche Fälle erforderten viel Fingerspitzengefühl. Kunden seien oft sehr empfindlich, wenn die Bankmitarbeiter nachfragten. Anrufe bei der Familie hätten auch nicht immer für Begeisterung gesorgt. Immerhin sei es Mitarbeitern auch schon gelungen, solche Straftaten zu verhindern. „In diesem Fall aber leider nicht,“ sagt Cewe.

...

Marianne ist eine vermögende Frau. „Ich lebe in guten finanziellen Verhältnissen. Mein Mann war ein ­Finanzgenie.“ Eva ist das offenbar nicht. „Ich weiß nicht mal, wo ich heute Abend schlafen soll“, jammert sie ins Telefon. „Ach du lieber Gott, jetzt haben die auch noch einen Ehekrach“, denkt Marianne und ist wild entschlossen zu helfen. Anrufe von Eva sind selten, aber denkbar, eine finanzielle Notlage auch. „Es hätte alles sein können – und die Stimme passte auch.“

Scham und Wut lösen sich ab

Darum macht sie sich auf den Weg nach Münster, in einem Taxi, dass Eva ihr ­zahlen will: Für den Fall, dass die Bank sich weigern sollte, ihr die Summe auszuzahlen, bekommt sie klare An­weisungen mit auf den Weg: Das dürfe sie sich auf keinen Fall bieten lassen, statt­dessen müsse sie domi nant auftreten. So bekam Marianne das Geld ausgehändigt – in ­500­-Euro-Scheinen.
Auf dem Rückweg holt die Seniorin von einem anderen Konto noch 800 Euro und nimmt zu Hause die 700 Euro Bargeld, um sie zusammen in einen Briefumschlag zu packen. Dann kommt eine fremde Frau zu ihrem Haus, angeblich eine Mitarbeiterin des Amtsgerichts. Marianne steht in der Tür und gibt ihr den Umschlag. Die Fremde sagt kein Wort. Sie nimmt den Brief­umschlag und verschwindet. „Ich habe sogar noch ,Amtsgericht‘ draufgeschrieben“, sagt die Rentnerin ­heute kopfschüttelnd.
Dass sie betrogen wurde, ging ihr erst auf, als sie drei Tage später den Kontoauszug von der Sparda-Bank bekommt. Seitdem lösen sich Scham und Wut ständig ab. „Die müsste mir mal be­gegnen. Die kriegt was auf die Schwarte“, sagt sie ärgerlich. Bis zum 28. Juni, als sie selbst Opfer des Enkeltricks wurde, hat sie immer getönt, ihr könne so etwas nicht passieren. „Wie kann man nur so dämlich sein“, hat sie da gesagt. „Jetzt passiert es mir selber.“ Beim nächsten Mal will sie auflegen und Eva zurückrufen, um sicherzustellen, dass sie es ist, die Hilfe braucht. Das ist im mer noch die einfachste Möglichkeit, die Enkeltrickser abzubügeln.

 

 

Tipps der Polizei

Die Polizei fordert Opfer des Enkeltricks auf, sich möglichst umgehend bei ihr zu melden. So gebe es noch die Chance, den Tätern auf die Spur zu kommen. Außerdem weist sie darauf hin: 

  • Wenn die „110“ im Display auftaucht, ist das nicht die Polizei. Die 110 ruft nie an, warnt sie. 
  • Besser nicht mit eigenem Namen, sondern besser mit „Hallo“ oder „Guten Tag “ melden. 
  • Wenn sich der Anrufer nicht mit Namen meldet, sollte man nicht versuchen, den zu erraten. 
  • Geben Sie keine persönlichen Daten preis. 
  • Antworten Sie nie mit „Ja“ auf Fragen. 
  • Ziehen Sie vertraute Personen hinzu.
  • Auflegen ist genauso erlaubt wie ein „Nein“. 
  • Beenden Sie das Tele­fonat selbst.
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