Ernährung
Bye-bye, Döner! Wenn das Kind zum Vegetarier wird

Münster -

„Ab heute ess‘ ich kein Fleisch mehr“: Immer mehr Jugendliche, aber auch Kinder möchten kein Fleisch essen oder sogar vegan leben. Eine Herausforderung für Eltern. Doch manchmal steckt sogar vorbildlicher Idealismus hinter der jugendlichen Entscheidung.

Sonntag, 06.01.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 06.01.2019, 15:28 Uhr
Bloß kein Fleisch: Immer mehr Kinder und Jugendliche ernähren sich vegetarisch. Foto: colourbox.de

Judith war zwölf Jahre alt, als sie die Entscheidung fällte. Nach einer Fahrt mit ihren Orchesterfreunden, während der es abseits der Proben in Ge­sprächen um das Essen von Fleisch ging, verkündete sie beim gemeinsamen Grillen im Kreis der Familie: Das Stück auf ihrem Teller sollte ihr letztes sein. ­Judith ahnte noch nichts von der Konsequenz, die sie sich und ihrer Familie beweisen würde.

Seit vier Jahren ist die Gymnasiastin Vegetarierin. Vier Jahre, in denen der Verzicht auf Fleisch normal geworden ist – für sie selbst und ihre Familie. Vier Jahre, die sich für sie zu keiner Zeit als mühsames Fasten angefühlt hätten. Wohl aber Jahre, in denen ihre Sicht auf die Welt sie in ihrer Haltung bestärkt hätte. „Damals habe ich mich leicht beeinflussen lassen“, bilanziert die 16-Jährige im Rückblick. „Heute sehe ich einfach keinen Reiz darin, Fleisch zu essen.“

Zahl der jungen Vegetarier steigt

So wie Judith geht es immer mehr Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ihre Motive sind dabei so individuell wie die Jungen und Mädchen selbst. Belastbare Zahlen, wie viele Jugendliche Vegetarier sind, gibt es nur wenige, sagt Sonja Fahmy von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. „Aber ihre Anzahl steigt.“

Nach Schätzungen ernährten sich etwa zehn Prozent der Deutschen vegetarisch. Tendenz steigend. „Mit der Verbreitung des Themas und steigender Akzeptanz kommen Kinder in der heutigen Zeit viel leichter mit der Thematik in Berührung“, sagt Paula Rassmann von der Initiative „ProVeg“. Sonja Fahmy: „Mädchen neigen eher zum Vegetarismus als Jungen.“

Information

Nach Angaben von ProVeg, der Nachfolgeorganisation  des Deutschen Vegetarierbundes, sind rund zehn Prozent der Deutschen Vegetarier. Rein pflanzlich – also vegan – ernährten sich 1,3 Millionen Menschen, erklärt die Initia­tive und beruft sich auf eine Studie von 2017. Drei Jahre zuvor habe ihre Zahl noch deutlich unter der Millionenmarke bei rund 900 000 gelegen. Die weltweit meisten Vegetarier leben danach in Indien: 38 Prozent der Be­völkerung leben fleischlos.

Zahlen, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland sich vegetarisch oder vegan ernähren, existieren fast gar nicht. Wohl aber ist die Altersgruppe im Fokus der Wissenschaft: 2016 startete eine lang angelegte Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), die den „Ernährungsstatus von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen sechs und 18 Jahren, die sich vegan, vegetarisch oder mit Mischkost inklusive Fleisch ernähren“, untersucht. „Die Ergebnisse sollen einen wichtigen Beitrag zur Bewertung gesundheitlicher Vor- und Nachteile vegetarischer Ernährungsformen im Vergleich zu einer Mischkost aufzeigen“, so die DGE. 2020 sollen die Ergebnisse veröffentlicht werden, um fundierte Empfehlungen für die Ernährung von Kindern und Jugendlichen abzuleiten.

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Die Motivation ist verschieden

Dabei unterschieden sich die Motivationen von Kindern und Jugendlichen erheblich. Bei Kindern liege beim Essen der Fokus darauf, satt zu werden. Das könne eine vegetarische ausgewogene Ernährung problemlos leisten. Für Jugendliche verbinde sich mit der Art der Ernährung mehr. Sonja Fahmy: „Sie ist ein Kommunikationsmittel.“

Teenager äußerten darüber eine Zugehörigkeit zu einer Peergroup, ihr Verständnis von einem Schönheitsideal und einem gewissen Lifestyle oder ihr Gesundheitsbewusstsein. Eine Entscheidung für eine vegetarische Ernährung könne auch eine Emanzipation von den Eltern bedeuten.

Essen als Ausdrucksform

„Essen erfüllt nicht mehr nur die Funktion des Sattwerdens, sondern wird zur Ausdrucksform.“ Durchaus auch um Mitgefühl für Tiere zu demonstrieren. „Jugendliche von heute leben mit einem größeren Bewusstsein dafür, was in der Welt passiert“, schildert Sonja Fahmy Erfahrungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Durch den Konsum beispielsweise von Nachrichtensendungen speziell für ihr Alter seien Kinder deutlich früher für Umweltthemen sensibilisiert.

Bei Judith Okwor waren es zunächst auch die – wie sie heute sagt – „Horrorgeschichten“ über leidende Tiere, die während der Orchesterfahrt unter den Gleichaltrigen kursierten und ihr Mitgefühl weckten. Erst mit der Zeit wuchs das Bewusstsein für die Tragweite ihres Verhaltens. „Heute habe ich kein Problem damit, wenn andere Leute in meiner Gegenwart Fleisch essen. Aber ich für mich finde die Vorstellung, ein Tier zu essen, ekelig.“

Heute habe ich kein Problem damit, wenn andere Leute in meiner Gegenwart Fleisch essen.

Judith Okwor

Zusammen mit ihrer älteren Schwester Franca lächelt sie heute über diese Zeit. „Ich habe damals Fleisch geliebt“, erinnert sich Franca. Bei jeder Gelegenheit hätte sie die kleine Schwester mit ihrer neuen Haltung aufgezogen und ihr Kontra gegeben. Bis sie selbst immer häufiger mit Freunden über den Luxus diskutierte, „den es in der Ersten Welt gibt“. „Dann habe ich meinen letzten Döner ganz bewusst gegessen – und wurde Veganerin.“

Und ihre Eltern? „Mama und Papa waren total lieb: Natürlich haben sie sich Sorgen gemacht, aber sie haben uns auch gelassen“, erinnert sich die 18-Jährige. Regelmäßig sei ihr Blut kontrolliert worden – besonders in Sorge um ihre Eisenwerte, die meistens in Ordnung waren. Nahrungsergänzungsmittel beugten Mangelerscheinungen besonders bei Franca vor.

Zehn Regeln der Ernährung

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt:
1. Lebensmittelvielfalt genießen und pflanzliche Lebensmittel bevorzugen
2. Gemüse und Obst: fünfmal pro Tag
3. Vollkorn wählen
4. Mit tierischen Lebensmitteln die Auswahl ergänzen - aber nicht mehr als 300 bis 600 Gramm pro Woche
5. Gesundheitsfördernde Fette nutzen - vorzugsweise aus pflanzlichen Quellen
6. Zucker und Salz einsparen
7. Am besten Wasser trinken
8. Schonend zubereiten, zum Beispiel mit kurzen Garzeiten
9. Achtsam essen und genießen
10. Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

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Milchprodukte als Luxusgut

„Doch irgendwann fühlte es sich anstrengend an, vegan zu leben“, erzählt die an­gehende Abiturientin. Oft sei sie auf ihre Ernährungweis­e angesprochen worden, manchmal mit Halbwissen aufgezogen worden. Und auch wenn sie für sich selbst gekocht habe: „Ich habe für mich entschieden: Es gibt Schlimmeres als Käse und Ei.“ Milchprodukte seien für sie heute ein Luxusgut, ­etwas zum Genießen.

Für Sonja Fahmy haben die Eltern von Franca und Judith ­genau richtig reagiert: „Je gelassener Mütter und Väter auf die Entscheidung ihrer Kinder reagieren, desto weniger wird für die ganze Familie ein Stressfaktor aus der neuen Situation. Der Esstisch wird nicht zum Stresstisch.“

Kinder mit an den Herd holen

Wichtig, so die Ernährungsberaterin, sei es in erster Linie, die Kinder ernst zu nehmen, sie zu beobachten und ihre Motive zu erörtern. „Man kann die Jugendlichen mit an den Herd holen, damit sie für sich kochen“, schlägt Sonja Fahmy vor – auch um den gemeinsamen Tisch und die Mahlzeiten als Fixpunkte für Kommunikation zu erhalten.

Bleibe es bei einer ausgewogenen Ernährung mit Käse, Joghurt und Eiern als Proteinlieferanten, sei erst einmal kein Nährstoffdefizit bei jugendlichen Vegetarierern zu erwarten. Für eine vegane Ernährung sei mehr Know-how über kritische Nährstoffe – beispielsweise die B-Vitamine aus tierischen Quellen – erforderlich.

Veganer sollten Blutbild im Blick behalten

„Daher empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung , Kinder nicht vegan zu ernähren.“ Wer sich als Erwachsener vegan ernähre, solle seine Nährstoffversorgung einmal jährlich mit einem Blutbild beim Arzt im Blick behalten. Auch die Initiative „Pro Veg“, die es als ihre Mission bezeichnet, bis zum Jahr 2040 den Konsum tierischer Lebensmittel um 50 Prozent weltweit zu senken, weist auf diesen Aspekt hin: Neben dem Vitamin B12 sollten Veganer besonders die Zufuhr von Kalzium, Zink und Eisen im Blick behalten.

„Überschätzt beziehungsweise oft unnötig sind exotische Superfoods, die regionale und günstigere Äquivalente haben – beispielsweise Leinsamen statt Chiasamen und regionale Beeren statt Goji-Beeren“, erläutert Paula Rassmann.

Man muss doch sehen, was gut für die Welt ist – und das auch noch in zehn Jahren.

France Okwor

Einmal Veganismus und zurück: In Francas und Judiths Familie haben die Entscheidungen, die die Mädchen gefällt haben, dafür gesorgt, dass alle ihren Blick auf Konsum und Ernährung geschärft haben. Ihr Fleischkonsum ist deutlich gesunken. „Soja ist doch beispielsweise keine Alternative wegen der Umweltbelastung“, sagt Franca. Stattdessen werden immer häufiger Bio- und vor allem regionale Produkte gekauft. „Und Plastik ist ein großes Thema. Man muss doch sehen, was gut für die Welt ist – und das auch noch in zehn Jahren.“

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