Chancen und Risiken von vererbten Familienhobbys
Wie der Vater so der Sohn?

Münsterland -

Studien haben es gezeigt: Freizeit und Hobby tun der Seele gut und sorgen für einen Ausgleich im hektischen Alltag. Doch laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Zeitverwendung unter Berücksichtigung des Beteiligungsgrades in Deutschland, die nur alle zehn Jahre erhoben werden, ist noch Luft nach oben.

Samstag, 12.01.2019, 17:15 Uhr aktualisiert: 12.01.2019, 17:39 Uhr
Bei Familie Welterteilen drei Generationen die Leidenschaft für die Natur: Großvater Klemens (r.), Vater Martin und die Töchter Lene, Frieda und Carla (v.l.). Hund „Jule“ ist immer mit von der Partie. privat

Denn demnach verwendeten 2012 und 2013 lediglich zehn Prozent einen Teil ihres Tages darauf, einem Hobby nachzugehen. Im Vergleich verschiedener Freizeitbeschäftigungen war der Anteil der Personen, die TV sahen oder anderen kulturellen Tätigkeiten nachgingen, mit 91 Prozent deutlich höher. Dabei gibt es so viele Hobbymöglichkeiten: Segeln, Angeln oder Fußball spielen, es gibt kaum Grenzen. Bei einigen Familien überdauern diese Hobbys sogar Jahrzehnte und werden an den Nachwuchs weitergegeben.

„Psssst, im Wald musst du leise sein“, Carla legt ihren Zeigefinger an ihren kleinen Kindermund und ihre ersten bleibenden Zähne blitzen in ihrer Zahnlücke hervor, „sonst hören dich doch die Tiere.“ Mit ihren sieben Jahren kennt sie sich bereits gut aus in der Natur und mit dem Lebensraum der heimischen Tiere. Carla kennt den Wald, in dem Fasane, Wildschweine, Füchse, Hasen und Rehwild zu Hause sind – und in dem neuerdings sogar ein echter Luchs gesichtet wurde, aber dazu später mehr.

Jagen als Leidenschaft

Mit ihrem Großvater Klemens Welter und ihren Schwestern Frieda und Lene ist sie oft in den Wiesen und auf den Lichtungen im Brook in Coesfeld-Lette, der Jagd der Familie, unterwegs. Hochsitze inspizieren und ganz leise hinaufklettern – das kann sie bereits, seitdem sie ein kleines Kind war. Was die Leidenschaft der Familie sei? „Da gibt´s nur eine“, sagt Opa Klemens Welter, „natürlich das Jagen.“

Schon sein Vater, Carlas, Friedas und Lenes Urgroßvater, kümmerte sich als Jäger um Natur, Tier und die Hege und Pflege, wie es unter Jägern heißt. Er selbst sei seit 56 Jahren dabei. Sein Sohn Martin gehe seit nunmehr 22 Jahren seiner Leidenschaft nach. Und Klemens´ Enkeltöchtern scheint es ebenfalls Spaß zu machen.

Fuchsspur und Kiebitzeier

Selbst die kleine Lene, die erst zwei Jahre alt ist, weiß schon genau, wie ein Wildschwein macht, und grinst, als ihr Opa die Hände zu einem Trichter formt, um es nachzuahmen. Ein Geräusch irgendwo zwischen Grunzen und Quietschen. Gerade haben sie eine Fuchsspur entdeckt und einmal sogar Kiebitzeier gefunden, als sie und ihre Schwestern mit Opa und Papa unterwegs waren.

Kein Wunder, dass bei so viel Spannung, Abenteuer und frischer Luft irgendwann die Beine der Kleinsten schlapp machen: „Beine geht nicht mehr!“, sagt Lene einen kindlichen Vier-Wort-Satz und lässt sich auf den weichen, wenn auch matschigen, Boden plumpsen. Aber Opa und Papa machen das schon: „Auf dem Rückweg bekommt man aber irgendwann ziemlich lange Arme!“, sagt Martin Welter und lacht.

WN_Familienleidenschaften_Carla_Frieda_Hochsitz-032

Carla und Frieda auf dem Hochsitz: Für die Kinder von Familie Welter ist es normal, in der Natur zu spielen und sie zu beobachten. Foto: privat

Die Kinder lernen früh alles über die Natur und den Kreislauf des Lebens.

Martin Welter

Doch das sei es ihm wert. „Die Kinder lernen früh alles über die Natur und den Kreislauf des Lebens.“ Schließlich leben die Welters direkt im Revier. Sie stehen jeden Tag in der Nähe von Tieren und Bäumen auf und gehen auch dort wieder schlafen, wo sich Fuchs und Hase sprichwörtlich „Gute Nacht“ sagen.

„Natürlich schießen wir auch ab und an Tiere“, sagt Martin Welter, „aber darum geht es nicht primär.“ Mit der gemeinsamen Leidenschaft und dem Hobby verbindet die Familie weit mehr als das reine Schießen von Tieren und Sammeln von Trophäen. „Es geht um Gemeinschaft, um Naturschutz, um ein im Einklang Leben mit der Umwelt und um Werte wie Verantwortung.“

Den Kopf freibekommen

So werden er und sein Vater auch gerufen, wenn Tiere nach einem Wildunfall verletzt sind und Hilfe brauchen, oder sie kümmern sich um das Eindämmen von Krankheiten wie Fuchsräude oder Tollwut. „Außerdem ist das Hobby super, um den Kopf freizubekommen“, sagt Martin Welter. Sein Job als Landwirt bedeute 365 Tage Arbeit im Jahr, da sei die Ruhe auf dem Hochsitz und das Beobachten von Tieren eine willkommene Abwechslung. „Wenn ich zum Ansitz gehe, hält mir Papa den Rücken frei. Das ist ein schönes Gefühl.“

Wie wichtig ein Ausgleich und ein erfüllendes Hobby sind, weiß auch Dr. Christian Lüdke. Der Psychotherapeut interessiert sich seit Langem für Themen wie Zeitforschung und weiß, welche positive Wirkung eine schöne Freizeitgestaltung hat. „Wenn ich meinem Hobby nachgehe, werden Glückshormone wie Serotonin und Dopamin frei­gesetzt. Das ist quasi wie ein Auftanken für die Seele.“

WN_Familienleidenschaften_Dr_Lüdke

Dr. Christian Lüdke Foto: privat

Achtung: Nebenwirkungen

Stress werde abgebaut und ein positives Wohlbefinden gefördert. Aber Vorsicht: Alles, was wirkt, hat auch Nebenwirkungen. „Studien sagen, dass es wichtig sei, seinem Hobby nicht mehr als an zwei Tagen in der Woche nachzugehen“, sagt der Experte. Ansonsten fehle die Zeit an anderer Stelle.

Gerade bei Familienleidenschaften sieht Lüdke zudem ein weiteres Risiko: „Ich sollte mich immer fragen: Mache ich das, weil ich es aus freien Stücken möchte? Oder geht es bei der Leidenschaft weniger um ein Hobby und mehr um Tradition und ich traue mich nicht, damit zu brechen?“ In solchen Fällen rate er dazu, den Mut zu haben und „Nein“ zu sagen. Schließlich gehe es um eigene persönliche Ressourcen und nicht darum, einfach unüberlegt zu übernehmen, was seit Generationen vorgemacht wurde.

Welches Hobby passt zu mir?

Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke interessiert sich seit Langem für das Thema Zeitforschung. In seiner Praxis macht er daher mit einigen seiner Patienten eine spannende Rechnung auf: „Ein Mensch, der um die 80 Jahre alt wird, bekommt in seinem Leben circa 30.000 Tage geschenkt. 10.000 Tage kann man schon direkt abziehen, die verbringen wir schlafend“, sagt Dr. Lüdke. Weitere 9000 Tage würden im Durchschnitt auf der Arbeit verbracht, 2500 weitere Tage beanspruchten Toilettengänge und die Zeit im Badezimmer für sich. „Schließlich sind von den ursprünglich 30 .00 Tagen vielleicht noch 8500 Tage übrig. Und von denen können weitere Zeiten abgezogen werden“, so der Experte. Da macht es doch Sinn zu überlegen: Wie viele Tage bleiben mir eigentlich noch und wofür möchte ich sie wirklich nutzen? Auch ein Hobby nimmt Zeit in Anspruch. Zeit, die im Idealfall guttut und nicht in Freizeitstress ausarten sollte. „Ein Hobby sollte ab und an betrieben werden, aber nicht zum einzigen Lebensinhalt werden“, sagt Lüdke. Um das passende Hobby zu finden, hat der Experte einen simplen Rat: „Es ist wichtig auszuprobieren. Melden Sie sich beim VHS-Kurs oder Yoga an. Macht es Spaß? Super. Wenn nicht, suchen Sie sich etwas anderes!“

...

Ein Stückchen Ewigkeit

Für Familie Welter ist die Leidenschaft kein Zwang. „Wenn meine Mädels später einen Jagdschein machen wollen, freue ich mich. Wenn sie es nicht wollen, ist es aber auch völlig okay“, sagt Martin Welter. Er selbst habe auch eine Weile gebraucht, um das Jagen für sich zu entdecken, aber jetzt sei es aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken.

„Familienleidenschaften und Hobbys können auch etwas wirklich Schönes sein“, sagt Christian Lüdke. Familien schafften dadurch ein kleines Stückchen Ewigkeit, zudem gebe es Sicherheit im Hinblick auf Werte und es würde gemeinsame Zeit verbracht werden.

„Ein spannendes Erlebnis hatten mein Vater und ich noch vor ein paar Tagen“, erinnert sich Martin Welter, und Klemens nickt. „Kurz nach Weihnachten hatten wir plötzlich einen echten Luchs im Kegel unseres Autoscheinwerfers stehen“, sagt er. Doch so schnell wie er da war, war er auch wieder weg. Zuvor hatten Bekannte und Nachbarn bei einer revierübergreifenden Jagd das Tier bereits gesehen. „Man erzählt sich, es soll aus einem Tierpark entlaufen sein. Das Erlebnis werden mein Vater und ich so schnell nicht vergessen.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6311600?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F
Neue Verrücktheiten mit Zipperlin
Der Chef kann manchmal auch selbst arbeiten: Beim Aufbau des Zeltes für den Cirque Bouffon am Dienstagmittag auf dem Schlossplatz griff Direktor Frédéric Zipperlin zumindest für den Fotografen mal kurz zum Presslufthammer. Rechts neben ihm seine Medienbeauftragte Romina Neu, die das Symbol des Artistenzirkusses präsentiert.
Nachrichten-Ticker