Landwirtschaft
Die Dürre hinter sich gelassen

Münster -

„Vor 100 Jahren wäre in Deutschland eine Hungersnot ausgebrochen.“ Beim Blick zurück auf den letzten Sommer schwingt bei Johannes Röring, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, auch etwas Stolz mit. Denn trotz Dürre sei die Nahrungsmittelversorgung zu keinem Zeitpunkt gefährdet gewesen.

Samstag, 12.01.2019, 15:32 Uhr aktualisiert: 12.01.2019, 15:34 Uhr
Die lang anhaltende Trockenheit im vergangenen Sommer hat zu Getreideeinbußen geführt. Foto: dpa

Am Anfang steht ein Rückblick: „Wenn wir vor 100 Jahren ein derart schlechte Getreideernte verzeichnen hätten, wäre in Deutschland 1918 eine Hungersnot ausgebrochen“, sagt Johannes Röring , Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV). Doch obwohl einzelne Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein Getreideausfälle von bis zu 50 Prozent zu verkraften hatten, waren die Nahrungsmittelversorgung und die landwirtschaftliche Produktion zu keinem Zeitpunkt gefährdet. „Die Logistik sorgt dafür, dass Rohstoffe und Waren von einem Winkel zum anderen geschickt werden.“

Dennoch hat die lang anhaltende Trockenheit vor allem bei Betrieben, die Futtermittel kaufen oder Ackerbau betreiben, wirtschaftliche Schäden verursacht. Im Bereich der Landwirtschaftskammer NRW gingen bisher 637 Anträge auf Dürrenothilfe ein, die einen finanziellen Ausgleich aus dem von Bund und Ländern ausgestatteten Hilfsfonds erhalten wollen. „Wir hätten anstelle der Nothilfe lieber mehr Hilfen für die betriebliche Eigenvorsorge erhalten“, erklärt Röring beim traditionellen Havichhorster Presseabend in Münster-Handorf. Aber das war selbst im Bauernverband nicht immer Konsens.

Zahlen und Fakten zum Sommer der Extreme

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  • Von Anfang April bis Ende Juli war es dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge noch nie so warm seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen im Jahr 1881. Demnach war es 3,6 Grad wärmer als im langjährigen Vergleich. Rekordniveau erreichten vor allem die Monate April und Mai.

    Von Anfang April bis Ende Juli war es dem Deutschen Wetterdienst (DWD) zufolge noch nie so warm seit Beginn der flächendeckenden Aufzeichnungen im Jahr 1881. Demnach war es 3,6 Grad wärmer als im langjährigen Vergleich. Rekordniveau erreichten vor allem die Monate April und Mai.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • 39,5 Grad war die bisherige Temperaturspitze in diesem Sommer. Der Wert wurde am 31. Juli in Bernburg in Sachsen-Anhalt gemessen. Den Hitzerekord seit Beginn der Aufzeichnungen hält allerdings Kitzingen in Bayern. Sowohl am 5. Juli 2015 als auch am 7. August 2015 registrierte der DWD an seiner dortigen Messstation 40,3 Grad.

    Foto: Patrick Seeger
  • Sogenannte Tropennächte, bei denen die Temperatur nicht unter 20 Grad sinkt, gab es in diesem Frühjahr und Sommer bereits eine ganze Reihe. Besonders warm war es in der Nacht zum 1. August. So erlebte Berlin mit einem Tiefstwert von 24,4 Grad an zwei Messstellen seine bislang wärmste Nacht seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

    Foto: Julian Stratenschulte
  • Noch nie wurde zwischen April und Juli so wenig Niederschlag registriert. Im Vergleich zur vieljährigen (1961-1990) mittleren Niederschlagssumme betrug das Defizit 110 Millimeter. Besonders trocken war es in Sachsen-Anhalt, so die Experten vom DWD.

    Foto: Tino Plunert
  • In den vier Monaten gab es überdurchschnittlich viele Sonnenstunden. Der Juli war nach 2006 mit vielerorts 300 bis 350 Stunden der zweitsonnigste seit Messbeginn im Jahr 1950.

    Foto: Bodo Marks
  • Im Juli erreichte die Nordsee nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie die zweithöchste Oberflächentemperatur seit 50 Jahren: 16,3 Grad im Schnitt. Im Juli 2014 war das Wasser nur 0,1 Grad wärmer. Die Ostsee stellte mit einer mittleren Oberflächentemperatur von 20,0 Grad sogar einen neuen Rekord auf.

    Foto: Hauke-Christian Dittrich

Preisverfall beim Schweinefleisch

Größere Sorgen bereitet Röring aber der anhaltende Preisverfall beim Schweinefleisch. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Tierhaltung als wichtiger Teil der Nahrungsmittelerzeugung in NRW eine Zukunft hat“, so Röring weiter. Das Tierhaltungs-Agribusiness verzeichnete in NRW eine Bruttowertschöpfung von etwa 13 Milliarden Euro und ist damit von gleicher Bedeutung wie die Chemie- und Pharmaindustrie in NRW. „Wir wollen und müssen die Tierhaltung als Rückgrat des regionalen Wohlstandes erhalten und behutsam in Richtung von mehr Nachhaltigkeit weiterentwicklen.“ Das durchschnittliche Betriebsergebnis stieg im abgelaufenen Wirtschaftsjahr (Stichtag 30. Juni 2018) um acht Prozent auf durchschnittlich 64 000 Euro.

Afrikanische Schweinepest

Die Afrikanische Schweinepest breitet sich seit 2007 von Russland nach Westeuropa aus und hat 2018 Belgien erreicht. Dort registrieren die Behörden aktuell fast 300 Fälle. Ein Ausbruch der für den Menschen ungefährlichen, für Tiere aber zumeist tödlich verlaufenden Schweinepest hätte ungeahnte katastrophale Auswirkungen für Schweinehalter, die gerade im Westmünsterland stark vertreten sind. Beim Ausbruch der Tierseuche in Deutschland würde der Preis für Schweinefleisch deutlich sinken, zudem würden wichtige Abnehmerstaaten eine Handelssperre verhängen.

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Tierwohllabel kommt

Die Forderungen nach nachhaltiger Produktion stellt die Landwirte auf verschiedenen Ebenen vor Herausforderungen. Das von der Branche unterstützte Tierwohllabel wird jetzt kommen. Die großen Lebensmitteldiscounter Aldi, Lidl, Edeka und Rewe werden ab 1. April schrittweise ein einheitliches System zur Haltungskennzeichnung bei Rinder-, Schweinefleisch sowie Geflügel verwenden. Ob sich damit das Kaufverhalten verändert, ist bisher eher unsicher. „Wir hören vom Lebensmitteleinzelhandel, dass die Verbraucher zwar höhere Tierschutzstandards wollen, dafür aber nicht mehr Geld ausgeben wollen“, sagt Röring.

Politisches Klima

Die Landwirte blicken mit Spannung auf die Europawahl im Mai. „Unser Berufsstand ist traditionell europafreundlich“, sagt Johannes Röring, der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. Alle Extremisten von rechts und links würden sowohl der politischen als auch wirtschaftlichen Entwicklung des Kontinents schaden. Zudem stünde die EU angesichts der Probleme in den südlichen und östlichen Staaten vor großen Herausforderungen. Der WLV kann sich durchaus ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten vorstellen“. Auch die Auswirkungen durch den Brexit seien im Moment nicht abzusehen. „Großbritannien ist ein wichtiger Liefermarkt gerade für deutsche Fleischwaren.“

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