40 Jahre Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“
Das Warten auf den Tag X

Ahaus -

Im Januar 1998 verdichten sich die Hinweise auf einen geplanten Castor-Transport nach Ahaus. Zwei Monate zuvor hat das Bundesamt für Strahlenschutz eine Neugenehmigung für das Brennelemente-Zwischenlager in Ahaus erteilt. Die Laufzeit: bis 2036. Damit verbunden ist die Einlagerung von Castor-Behältern.

Donnerstag, 14.12.2017, 06:12 Uhr

Schon bei den „Schienenaktionstagen“ im Oktober 1997 sondiert die Polizei entlang der Bahnstrecke in Ahaus die Lage.
Schon bei den „Schienenaktionstagen“ im Oktober 1997 sondiert die Polizei entlang der Bahnstrecke in Ahaus die Lage. Foto: Homann

„Kein Scherz! Castor rollt Anfang April nach Ahaus“ – das berichtet die Zeitung Bild am 13. Januar 1998. Gleich im ersten Satz weiß man, wohin die Reise geht: „Der NRW-Polizei blüht ein heißer Frühling.“

Einsatzleiter Horst Haase vom Polizeipräsidium Münster rechnet in der Bild mit erbittertem Protest „von zehntausenden zum Teil gewaltbereiten Atomgegnern aus ganz Deutschland“. 20 000 Beamte seien schon in Alarmbereitschaft. Januar, demonstrieren rund 800 Atomkraftgegner in Ahaus gegen den bevorstehenden Castor-Transport. Der Aufruf zur Demo kam von Bündnis 90/Die Grünen. Der münsterische Grünen-Bundestagsabgeordnete Winnie Nachtwei warnt in einer Rede davor, dass Ahaus „das größte Atommülllager Deutschlands“ werde. Es handele sich „de facto um ein Endlager für Jahrzehnte und Generationen“.

Bei der Polizei in Ahaus häufen sich derweil Anfragen besorgter Bürger. Es wird ein Bürgertelefon eingerichtet, das rund um die Uhr erreichbar ist. Die Stadt erwartet den größten Polizeieinsatz in der Geschichte des Landes NRW. Borkens Oberkreisdirektor Raimund Pingel äußert, dass Beeinträchtigungen für die Ahauser durch Verkehrsumleitungen nicht zu vermeiden seien. Zurück zur Bild, die hat Ende Januar ganz andere Befürchtungen: „Castor legt die Bundesliga lahm!“ Ausgerechnet im Jahr der Fußball-WM drohe der Bundesliga ein Termin-Chaos. Schuld: „Castor“. Die brisante Fracht, die am letzten März-Wochenende nach Ahaus rollen soll, torpediere Erstliga-Begegnungen. Frederik Holtmann vom Landeskriminalamt sagt in der Bild: „Wenn wir Castor haben, gibt es beim Fußball nicht einen einzigen Schutzmann.“ Prominentester Gegner von Spielverlegungen ist NRW-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD), ausgewiesener VfL Bochum-Fan: „Niemand soll glauben, dass ich ohne Gegenwehr auf ein Heimspiel des VfL verzichte – das biegen wir alles noch irgendwie hin.“

In der Münsterland Zeitung erscheint am 31. Januar 1998 eine Anzeige unter dem Titel „BZA Information“. Darin äußert sich die Brennelement-Zwischenlager Ahaus GmbH: „Weder durch den Transport, noch bei der Zwischenlagerung von Castor-Behältern besteht eine Gefährdung für die Bevölkerung oder die Umwelt.“

Angela Merkel, damals Bundesumweltministerin, erklärt am 13. Februar 1998, dass es für einen Stopp des geplanten Castor-Transportes keine rechtlichen Möglichkeiten gebe. Nach den im Vorjahr erteilten Lagerungsgenehmigungen für die Castor-Behälter in Ahaus habe das Bundesamt für Strahlenschutz die Transportgenehmigung erteilt. Auf die Transporte hätten die Energieunternehmen einen Rechtsanspruch, wenn die Sicherheitsgenehmigungen erteilt seien.

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) berichtet einen Tag später über den größten Atomzug, der je in Deutschland gekoppelt wurde. Die Castoren sollen irgendwann zwischen Montag, 23. März, und Freitag 27. März nach Ahaus rollen. Die Strecke sei geheim.

„Ahaus ist im Kern gespalten“ titelt Mitte Februar die Zeitung Welt. Im Artikel befürchten NRW-Innenminister Franz-Josef Kniola (SPD) und der Verfassungsschutz am Tag X das Schlimmste. Sie rechnen in Ahaus mit schweren Ausschreitungen. Burkhard Helling, Vorsitzender der Bürgerinitiative „Kein Atommüll in Ahaus“, spricht hingegen von einer der größten, friedlichen Anti-Atomkraft-Demonstrationen seit Bestehen der Bundesrepublik.

Gehen wir zur Bild vom 17. Februar 1998: „Strahlungsabstand 3,25 Meter! Castor-Polizisten in Angst“ titelt das Blatt. Die Frage: Wer muss am dichtesten an die Behälter? Im Text wird aber Entwarnung gegeben. Laut Bild hätten Experten der Strahlenschutzkommission ausgerechnet, dass ein Aufenthalt im unmittelbaren Nahbereich der Castor-Behälter neun Stunden möglich wäre – angeblich ohne Strahlungsschäden.

Vier Tage später, am 21. Februar, hält Münsters Polizeipräsident (und Grünen-Mitglied) Hubert Wimber in der Münsterland Zeitung mit seiner Meinung nicht hinterm Berg. „Die aktuell vorgesehenen Castor-Transporte sind eine politische Provokation.“ Wimber appelliert an die Verantwortlichen, auf „Castor-Transporte dieser Art“ zu verzichten. Gleichwohl werde die Polizeibehörde in Münster dafür sorgen, dass der Zug sicher im Brennelemente-Zwischenlager Ahaus ankomme.

Nicht ganz so besonnen zeigt sich die Bild in ihrer Berichterstattung vom gleichen Tage: „Castor: 2000 militante Atom-Chaoten kommen“, weiß das Blatt und spekuliert: „Der „Tag X“ (der Tag, an dem der Castor rollt) könnte zum traurigen Gewalt-Höhepunkt in der Kernkraft-Auseinandersetzung der vergangenen Jahre werden. „Am Tag der Castor-Überführung werden sich vermutlich 25 000 Polizisten und 15 000 Demonstranten gegenüberstehen.“ Der Polizei liegen laut Bild Erkenntnisse vor, dass etwa 2000 „Autonome“ anrücken, um den Castor zu stoppen – „notfalls mit brutaler Gewalt“.

Polizei-Einsatzleiter Horst Haase in der Bild: „Wir setzen weiter auf Deeskalation.“ Wasserwerfer, Tränengas oder Spezialeinheiten will Haase, wenn möglich, nicht einsetzen. Vier Wochen vor dem Transport abgebrannter Brennelemente nach Ahaus gegen die Vorbereitungen von Atomkraftgegnern und Polizei in den Endspurt. „Ein Wahnsinnsaufwand“, sagt Burkhard Helling der Neuen Westfälischen. Auf der Gegenseite müssen Polizeibehörden aus ganz NRW Beamte abstellen.

In der Münsterland Zeitung vom 28. Februar gibt es eine weitere „BZA Information“: „Vom Castor-Transport gehen keine Strahlengefahren für begleitende Polizisten oder an der Transportstrecke lebende Menschen aus.“

Öffentlich wird am 16. März 1998 davon ausgegangen, dass es noch zehn Tage bis zum Castor-Transport sind. Die Münstersche Zeitung berichtet über die Vorbereitungen auf dem Gelände des Polizeifortbildungsinstituts in Münster. Knapp 30 gelbe Gefangenencontainer sind dort aufgestellt worden. Sie sollen maximal 500 vorläufig festgenommenen Castor-Demonstranten als „Zwischenlager“ dienen. Wer beispielsweise trotz Wegtragens erneut auf den Gleisen hockt, soll mit Bussen so schnell wie möglich weg vom Brennpunkt Ahaus abtransportiert werden.

Mitte März demonstrieren in der Ahauser Innenstadt Tausende gegen den geplanten Castor-Transport. Die Polizei spricht von 5000, die Veranstalter von 7000 Teilnehmern. Mit einer nicht enden wollenden Schlange von Traktoren begleiten Landwirte aus der Region den letzten Sonntagsspaziergang vor dem Castor-Transport.

Unter dem Titel „Ahaus ist ausgebucht“ teilt die Bild mit, dass die Stadt am Wochenende 20 000 Gäste erwartet: Polizisten, Demonstranten und 1800 Journalisten. Die 500 örtlichen Hotelbetten seien längst ausgebucht.

Plötzlich geht alles ganz schnell: Die Polizei versucht es mit der Überraschungstaktik. Am Donnerstag, 19. März, um 14 Uhr rollt der erste Castor-Zug in Grundremmingen an der Donau los. Am Abend folgen drei Castor-Behälter aus dem Atomkraftwerk Neckarwestheim. Noch am Donnerstagmorgen hatte das Polizeipräsidium in Münster Mittwoch, 25. März, mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ als Tag X bestätigt. Die Einsatzkräfte der Polizei erhalten einen Marschbefehl, wonach sie am Donnerstag ab 18 Uhr in Ahaus einsatzbereit sein sollen. Rund um das Zwischenlager werden zusätzliche Schutzzäune befestigt. Der Castor rollt nach Ahaus.

„Kein Atommüll in Ahaus!“ Seit 1977 gibt es die gleichnamige Bürgerinitiative. Wir schauen in einer Serie zurück auf die Anfänge des Widerstandes, lassen Protagonisten erzählen und beleuchten, welche Rolle die Bürgerinitiative und das Brennelemente-Zwischenlager heute in Ahaus spielen. Im vierten Teil unserer Serie blicken wir auf die Zeit von Januar bis März 1998 zurück: Es wird bekannt, dass Ende März der Castor nach Ahaus rollen soll. Polizei und Bürgerinitiative wappnen sich.

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