Blickpunkt der Woche: Kundgebungen zum Tag der Arbeit
Mehr freier Tag als Feiertag

Längst ist der 1. Mai für viele mehr freier Tag als Feiertag. „Tag der Arbeit?“ Da war doch mal was. . . Ja, da war mal was! Fast 140 Jahre ist es her, dass nordamerikanische Arbeiter am 1. Mai 1886 mit einem Generalstreik ihren Kampf für den Achtstundentag begannen. Indes: Ein Mikro, Boxen und ein DGB-Banner reichen heute nicht (mehr), um irgendwen hinter dem Ofen hervorzulocken.

Samstag, 04.05.2019, 10:00 Uhr
Am Maifeiertag genießen die Menschen, dass sie frei haben, und machen gerne Ausflüge, aber den „Tag der Arbeit“ begehen dabei immer weniger von ihnen. Foto: Heinrich Schwarze-Blanke

„Brüder, zur Sonne zur Freiheit!“ – die einstige Hymne der Arbeiterbewegung scheinen heute viele nur noch wörtlich zu verstehen: Als Aufruf, den 1. Mai an Ausflugsorten im Freien zu verbringen, sich dabei die Freiheit zu erlauben, alkoholisiert und mit Bollerwagen-Kneipe durch die Gegend zu ziehen und nach ausgiebigem Zechgelage anderen den verursachten Müll und Dreck zu hinterlassen. Schlimmer noch: In Großstädten – etwa in der Hauptstadt Berlin – kommt es am Maifeiertag regelmäßig zu gewalttätigen Ausschreitungen.

Längst ist der 1. Mai für viele mehr freier Tag als Feiertag. „Tag der Arbeit?“ Da war doch mal was. . . Ja, da war mal was! Fast 140 Jahre ist es her, dass nordamerikanische Arbeiter am 1. Mai 1886 mit einem Generalstreik ihren Kampf für den Achtstundentag begannen. Es folgten Massenproteste , Auseinandersetzungen mit der Polizei. Die Organisatoren dieser Proteste bezahlten dafür am Ende teilweise mit dem Leben oder mussten für Jahre ins Gefängnis. Und es sollte noch einige Zeit dauern, bis die amerikanischen Arbeiter den Acht-Stunden-Tag tatsächlich durchsetzten.

Auch in Europa und Deutschland gingen danach am 1. Mai die Menschen für bessere Arbeitsbedingungen auf die Straße. Den Tag zum Feiertag zu machen, war allerdings ein hartes Stück Arbeit und gelang erstmals – auf Initiative der SPD – in der Weimarer Republik. Allerdings sollte die errungene 1.-Mai-Regelung zunächst nur für ein Jahr (1919) gelten. In einzelnen Ländern blieb der Tag auch danach zwar Feiertag, in anderen wurde er wieder abgeschafft. Erst ab 1933 wurde daraus der „Tag der nationalen Arbeit“, den die Nationalsozialisten aber für ihre eigene Propaganda missbrauchten. Die Gewerkschaften wurden schon kurz darauf gleichgeschaltet, die Vermögen beschlagnahmt.

Heute ist der 1. Mai in Deutschland ein gesetzlicher Feiertag, an dem Gewerkschaften in Kundgebungen auf ihre Forderungen aufmerksam machen. Die Notwendigkeit dafür ist sicher auch heute noch gegeben. Vielleicht sogar mehr denn je: In Zeiten zunehmender Selbstoptimierung des Einzelnen in fast allen Lebensbereichen bleibt die Solidarität mit anderen – insbesondere mit Randgruppen und Benachteiligten der Gesellschaft – oft auf der Strecke. Dabei vermag gerade das Engagement mit und für andere(n) auch eine Erfüllung zu geben, die vielen von uns fremd geworden ist. Ursachen dafür sind eine um sich greifende „Hauptsache Ich“-Mentalität und ganz sicher auch die Tatsache, dass viele Errungenschaften, für die unsere Großeltern noch streiten mussten, inzwischen so selbstverständlich geworden sind wie viele von uns im gleichen Maße träge.

Gewerkschaften leisten unstrittig gute und wichtige Arbeit, wenn es darum geht, Arbeitnehmerinteressen durchzusetzen. Die Erfolge dieser Arbeit zu feiern und zugleich für notwendige weitere soziale Verbesserungen auf die Straße zu gehen, ist daher – heute und sicher auch in Zukunft – legitim. Nur: Viele Menschen werden durch Form und Inhalte der Mai-Veranstaltungen in ihrer aktuellen Prägung nicht mehr erreicht. Die Kundgebung in Gronau ist dafür kein gutes, aber ein anschauliches Beispiel: Seit Jahren lädt der DGB-Ortsverband zum verbalen Klassenkampf mit immer den gleichen Ritualen ein. Und seit Jahren kommt nur noch das kleine überschaubare „Häufchen“ der Aktiven – und selbst deren Zahl scheint jährlich weiter zu bröckeln.

Das Engagement der Organisatoren sieht für Beobachter schon fast wie der Mut der Verzweifelten aus, den man loben möchte. Indes: Ein Mikro, vier Boxen und ein DGB-Banner auf dem Heuss-Platz reichen nicht (mehr), um irgendwen hinter dem Ofen hervor- oder von der Radtour mit Freunden wegzulocken.

Warum gibt es nicht beispielsweise eine kreisweite Veranstaltung, die jedes Jahr an einem anderen Standort stattfindet? Warum gibt es anstelle der Stakkato-Reden und abgelesenen DGB-Aufrufe auf fast leeren Plätzen nicht eine andere Aufarbeitung spannender Themen rund um Arbeitswelt und Gesellschaft – gern auch gemeinsam mit Weitbildungseinrichtungen? Warum wird nicht über Formate nachgedacht, junge Menschen einzubinden? 500 davon waren am 1. Mai am Drilandsee, die Maikundgebung der „Alten“ fand 2019 und in den Jahren davor geografisch und inhaltlich weit weg von ihnen statt.

Fazit: Entweder erfindet sich die traditionelle Mai-Veranstaltung sehr bald neu oder sie schafft sich sehr bald selbst ab. Mein Appell (in Anlehnung an den Text der Internationale): DGB , hör´ die Signale! Sonst heißt es bald: Auf zum letzten Mai-Gefecht – aber ganz anders, als von der Arbeiterbewegung einst gedacht.

 

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