Vor zehn Jahren fand erste Ausgabe der Tafel statt
Verein, den es nicht geben sollte

Lüdinghausen -

Vor zehn Jahren, im März 2009, fand die erste Ausgabe der Tafel in Lüdinghausen statt. Einige der Gründungsmitglieder engagieren sich auch heute noch ehrenamtlich für den Verein und blicken im WN-Gespräch zurück. In einem Punkt sind sich übrigens alle Helfer einig.

Dienstag, 19.03.2019, 08:00 Uhr
Das Tafel-Team der ersten Stunde (v.l.): Monika Kersting, Hartmut Köhlhoff, Anni Pröbsting, Helga Ernst, Marion Schmidt, Rita Becker und Brunhild Rott. Foto: Grafik: Ann-Kathrin Schriever

Die Premiere liegt zehn Jahre zurück. Am 4. März 2009 gaben die ehrenamtlichen Helfer der Tafel in Lüdinghausen erstmals Lebensmittel an bedürftige Menschen aus. Ein Grund zum Feiern ist das nicht – darin sind sich die Frauen und Männer des Gründungsteams, von denen sich viele auch heute noch in dem Verein engagieren, einig. Auf der anderen Seite der hohen Regalwände in der Halle an der Alten Valve ist die Ausgabe an diesem regnerischen Mittwoch im März in vollem Gange. „Es ist schön zu sehen, was wir in den zehn Jahren bewegt haben, wie vielen Menschen wir unter die Arme greifen konnten“, bringt Marion Schmidt die Gefühle beim Blick zurück auf den Punkt. „Und doch“, fügt Hartmut Köhlhoff hinzu, „ist uns allen bewusst, dass es die Tafel gar nicht geben sollte.“ Zustimmendes Nicken in der Runde.

Rückblende: Im Februar 2008 starteten die evangelische und die katholische Kirche in Lüdinghausen einen Aufruf zur Gründung einer Tafel. Rund 50 freiwillige Helfer meldeten sich damals. Daraus ging eine Planungsgruppe hervor, die die Tafel-Gründung vorbereitete. Ende des Jahres war es dann so weit: Der Verein wurde aus der Taufe gehoben – als 801. Tafel bundesweit – und Köhlhoff zum ersten Vorsitzenden gewählt.

Der Gedanke, hier in Lüdinghausen eine Tafel aufzubauen und anderen damit zu helfen, gefiel mir.

Helga Ernst

„Dabei wollte ich mich, da ich damals über einen Kleintransporter verfügte, eigentlich nur als Fahrer zur Verfügung stellen“, schmunzelt er heute. Andere – wie Anni Pröbsting und Helga Ernst – wollten sich als Rentnerinnen sozial engagieren. „Der Gedanke, hier in Lüdinghausen eine Tafel aufzubauen und anderen damit zu helfen, gefiel mir“, beschreibt Ernst, die von 2009 bis 2013 Vorsitzende des Vereins war, ihre Motivation, sich zu engagieren. Was allen vier Gründungsmitgliedern noch gut in Erinnerung ist, ist die große Spenden- und Hilfsbereitschaft der Lüdinghauser. Ernst: „Die ganze Stadt hat uns unterstützt.“ Daran, so betont Schmidt, habe sich bis heute nichts geändert. Was wichtig sei, denn: „Wir sind auf Spenden angewiesen.“ Die reichen von Lebensmitteln und anderen Dingen für den täglichen Bedarf über selbst gestrickte Socken, die eine ältere Dame regelmäßig liefert, bis hin zu Geldzuwendungen.

Das Tafel-Team freut sich nicht nur über diese enorme Unterstützung, sondern auch darüber, dass es in Lüdinghausen – anders als in anderen Orten – auch während des Höhepunkts der Flüchtlingswelle keine Pro­bleme mit oder unter den Kunden gab. „Dass Menschen, die vorher zu uns kamen, dann weggeblieben sind, haben wir nicht beobachtet. Und auch Feindseligkeiten der Kunden untereinander gab es nicht“, blickt Ernst zurück. Allerdings sei der große Andrang damals für das rein ehrenamtliche Team hart an der Grenze des Machbaren gewesen, hebt Schmidt hervor. „Das größte Problem für uns war die Sprache“, erinnert sich Pröbsting. Dann und wann habe es bei einigen Männern auch schon mal an der Akzeptanz der Frauen im Helferteam gemangelt. „Dass wir jedoch tatsächlich jemanden bitten mussten, die Halle zu verlassen, ist in all den Jahren vielleicht ein- oder zweimal vorgekommen“, sagt sie.

Am schönsten ist es jedoch, wenn jemand seinen Tafel-Ausweis zurückgibt, weil er Arbeit gefunden hat.

Marion Schmidt

Das gesamte Tafel-Team freut sich nicht nur über die große Unterstützung in Form von Spenden, sondern auch über die Anerkennung der Arbeit. „Der Aufwand hier ist vergleichbar mit einem mittelständischen Unternehmen“, macht Köhlhoff deutlich. Drei Mal wurde das bereits mit dem Ehrenamtspreis der Stadt Lüdinghausen gewürdigt: 2010 erhielt ihn Ernst, 2012 das gesamte Mitarbeiterteam und 2018 Pröbsting. „Am schönsten ist es jedoch, wenn jemand seinen Tafel-Ausweis zurückgibt, weil er Arbeit gefunden hat und nicht mehr zu uns kommen muss“, sagt Schmidt.

Dementsprechend müssen sie und ihre Mitstreiter aus dem Gründungsteam nicht lange überlegen, was sie sich mit Blick auf die Zukunft wünschen: dass eine Einrichtung wie die Tafel nicht mehr nötig ist – darin sind sich alle einig. Gleichwohl sind sie sich bewusst, dass das ein Wunsch bleiben wird. Denn: „Würde nichts mehr in die Tonne gekloppt, gäbe es keine Lebensmittel für die Tafeln. Auf der anderen Seite müsste die Politik die Menschen in die Lage versetzen, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten, damit Einrichtungen wie wir nicht mehr nötig sind“, macht der aktuelle Vorsitzende der Tafel, Josef Kersting, den Zwiespalt deutlich.

Die Tafel Lüdinghausen und ihre Kunden

Zurzeit besteht das ehrenamtliche Team der Tafel in Lüdinghausen aus 100 Aktiven, weitere 30 sind in Olfen im Einsatz. Dort gibt es – ebenso wie in der Steverstadt – einmal in der Woche eine Ausgabe. In den Anfangsjahren der Tafel Lüdinghausen war der Großteil der Kunden Deutsche, die weiteren Herkunftsländer waren Russland sowie – mit deutlichem Abstand – Kasach­stan, Türkei und Kosovo. 2015 – mit Beginn der Flüchtlingsströme – änderten sich die Relationen: Neben Deutschen bildeten Syrer die größte Nationalitätsgruppe, zudem kamen auch mehr und mehr Menschen mit irakischer und afghanischer Staatsangehörigkeit. Ende 2018 lag der Anteil deutscher Kunden bei 25 Prozent, der der Syrer bei 22 Prozent, und Iraker machten 14 Prozent aus. Die weiteren Nationalitäten lagen unter zehn Prozent.

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