Elisabeth Frische im Interview
„Sucht und Selbsterkenntnis“

In Greven gibt es wohl niemand, der so viel über Familienforschung weiß wie Elisabeth Frische. Sie kennt die meisten Archive der Region, handhabt virtuos die gängigen Computerprogramme für Genealogen, weiß, wie die alten Familien verwandt sind. Seit 2015 hat sie den Arbeitskreis Familienforschung in Greven geleitet, mit großer Resonanz, nachdem sie vorher schon fast ein Jahrzehnt als Familienforscherin im Kreis Soest gearbeitet hatte. Jetzt möchte sich die 87-Jährige vom Vereinsleben etwas zurückziehen und ihre Kraft ganz ihren privaten Forschungen widmen. Monika Gerharz sprach mit ihr über die Faszination der Ahnenforschung.

Samstag, 16.12.2017, 10:12 Uhr

Elisabeth Frische will kürzer treten und gibt die Leitung des Arbeitskreises Familienforschung im Heimatverein ab. Als Abschiedsgeschenk hat die 87-Jährige alle Zeitungsausschnitte zusammengestellt, die seit 1982 über die Arbeit des Heimatvereins erschienen sind – es ist ein dicker Ordner geworden.
Elisabeth Frische will kürzer treten und gibt die Leitung des Arbeitskreises Familienforschung im Heimatverein ab. Als Abschiedsgeschenk hat die 87-Jährige alle Zeitungsausschnitte zusammengestellt, die seit 1982 über die Arbeit des Heimatvereins erschienen sind – es ist ein dicker Ordner geworden. Foto: meg

Wie sind Sie zur Familienforschung gekommen?

Elisabeth Frische : Mein Vater hat sich schon mit dem Thema beschäftigt und die Geschichte der Familie Kleinwächter bis an seine Lebenszeit heran geführt. Es scheint, dass ich das Familienforschungs-Gen geerbt habe.

Sie haben sich aber zunächst nicht mit Ihrer Herkunftsfamilie beschäftigt, sondern mit derjenigen Ihres Mannes. Warum?

Frische: Ich habe gemerkt, dass die Beschäftigung mit der Kleinwächterseite zu schmerzlich war. Der Krieg, die Flucht, der Tod meines Vaters und meiner Brüder – das hatte uns alle traumatisiert. Wenn ich mich mit der Familiengeschichte im 20. Jahrhundert beschäftigte, war es, als berühre man eine Wunde, die noch kaum vernarbt war. Darum habe ich mich zunächst der Geschichte der Familie Frische zugewandt. Bis zu unserer Goldhochzeit wollte ich sie fertig haben, als Geschenk für meinen Mann. Das ist mir gelungen – und wir haben dann die ganze weitläufige Verwandtschaft zu einem Familientag eingeladen, bei dem ich die Chronik vorgestellt habe.

Ihre Frische-Forschungen haben Sie nach Herzfeld in Lippetal geführt, und Sie haben dort als Grevenerin viele Jahre aktiv im Heimatverein mitgearbeitet. Wie kam es dazu?

Frische: Weil die Vorfahren meines Mannes aus Herzfeld kamen, kannte ich mich bald gut mit der örtlichen Geschichte aus. Als sich 2006 der Heimatverein Herzfeld neu gründete, habe ich vorsichtig angefragt, ob ich denn als Externe mitmachen dürfe. Erst war man, gut westfälisch, etwas skeptisch, aber immerhin durfte ich mal einen Vortrag halten über das Abenteuer Familienforschung. Nun war ich ja auch damals schon eine alte Dame – und man war verblüfft und beeindruckt, dass ich nicht nur mit dem Computer arbeitete, sondern meine Ergebnisse auch mit Power Point präsentierte. Danach stand einer Zusammenarbeit nichts mehr im Wege, und ich habe in Herzfeld den Arbeitskreis Familienforschung eingerichtet und jahrelang geleitet, ehe ich mir ab 2015 die langen Fahrten nicht mehr zumuten wollte und in Greven eingestiegen bin.

Erinnern Sie sich an einen Moment bei Ihren Forschungen, der Sie persönlich tief berührt hat?

Frische: Das war, als ich in einer Gastwirtschaft in Herzfeld das alte Foto eines Männerchors entdeckte. Die Namen der Sänger standen darunter – und einer davon war der Name des Großvaters meines Mannes. Es ist das einzige Foto, das es von ihm gibt. Das hat mich sehr berührt. Schließlich geht es in der Familienforschung nicht darum, trockene Namenslisten aufzustellen, sondern darum, die Menschen, die sich hinter den Daten verbergen, lebendig werden zu lassen.

Sie betten Ihre Erkenntnisse immer auch in historische Forschungen ein. Warum ist Ihnen das wichtig?

Frische: Der Mensch, nach dem wir als Familienforscher fragen, ist durch seine Zeit geprägt. Orts- und Weltgeschichte treffen sich in den Personen, die uns als Familienforscher interessieren. Viele glauben: Geschichte ist etwas, das sich ganz außerhalb vom Alltag der Menschen abgespielt hat. Bei meinen Vorträgen merkt mancher: Das stimmt nicht. Vieles von dem, was die Eltern erzählt haben, hat einen bedeutenden historischen Hintergrund. In meinen Vorträgen zeige ich, dass die jeweilige Zeitgeschichte den Alltag der Menschen geprägt hat. So erzählte ich einmal, dass in Herzfeld im Siebenjährigen Krieg Soldaten einquartiert waren. Eine Zuhörerin bemerkte verblüfft: „Das erklärt die vielen unehelichen Geburten im folgenden Jahr, die im Kirchenbuch verzeichnet sind.“

Sie haben anfangs nur die Frische-Familie erforscht, mittlerweile auch Ihre eigene Herkunftsfamilien Kleinwächter und Soremba. Dafür war jahrelange intensive Arbeit in Archiven und privaten Sammlungen notwendig. Was treibt Sie an?

Frische (lacht): Irgendwie ist es eine Sucht, die Begeisterung des Forschens, der Spaß, immer noch mehr heraus zu finden. Und die Beschäftigung mit Familiengeschichte, mit Geschichte überhaupt führt dazu, dass man sich selbst besser versteht. Das ist für mich auch der Sinn eines jeden Heimatvereins. Er gibt den Menschen die Möglichkeit, ihre eigenen Wurzeln, ihre eigenen Strukturen zu erkennen, zu merken: Unsere Stadt ist kein Vorort von Münster, keine Schlafstadt fürs Ruhrgebiet, sondern wir leben in einer Stadt mit einer eigenen Identität, die uns prägt und geprägt hat.

Interessiert das heute überhaupt noch? Die Menschen ziehen zu, ziehen wieder weg – was kann ihnen da die Geschichte ihrer Stadt bedeuten?

Frische: Gerade weil die Welt so schnelllebig geworden ist, sehnen sich die Menschen danach, ihre Wurzeln zu kennen. Das merke ich immer wieder an den Anfragen, die von Interessierten an mich gerichtet werden. Die Beschäftigung mit der Geschichte der eigenen Familie, auch der unserer Stadt Greven hilft uns, unsere persönliche Geschichte überhaupt zu begreifen. Ein Beispiel: Ich kam mit meiner Mutter und sechs Geschwistern nach dem Krieg als Flüchtling nach Greven. Ich wusste nichts von der Stadt, die 1946 noch ein Dorf war. Wir wurden auf mehrere Familien aufgeteilt, weil es für eine solch große Familie offenbar nirgends eine passende Wohnung gab – keine leichte Situation für uns alle. Warum das so war, begriff ich erst viel später, als ich durch die Beschäftigung mit der Ortsgeschichte erfuhr, dass Greven durch die Einrichtung der beiden Lager für Displaced Persons in Reckenfeld und der Nordstadt während dieser Jahre unter einer dramatischen Wohnungsnot litt. Diese Not hat meine eigene private Geschichte immens beeinflusst.

Wie sehr haben Ihre Forschungen Sie selbst und Ihr Weltbild geprägt?

Frische: Sehr. Wenn ich sehe, unter welch großen Schwierigkeiten meine Vorfahren oft gelebt haben, dann ergreift mich eine große Dankbarkeit.

Trotz des großen Leids, das Ihre Familie im Zweiten Weltkrieg erfahren hat?

Frische: Ja. Bei allen Höhen und Tiefen erscheint es in der Rückschau so, als hätte es so sein müssen. Ich habe, ohne jetzt religiös sein zu wollen, oft das Gefühl, dass man von Mächten gehalten wird, die größer sind als man selbst. Oft haben mir unwahrscheinliche Zufälle neue Wege aufgetan. Das bedeutet aber nicht, dass man die Hände in den Schoß legen darf. Gefordert ist immer wieder ein geschmeidiges Sich-Anpassen an neue Verhältnisse. Auch das zeigt die Beschäftigung mit der Familiengeschichte.

Eine Forderung, die auch für Menschen in Ihrem hohen Alter noch gilt?

Frische: Sie gilt gerade auch für uns Ältere. Wir haben die Chance, älter zu werden als alle Generationen vor uns – aber damit auch die Aufgabe, etwas daraus zu machen. Dafür bin ich dankbar.

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