Florian Wintels ist König des Abends beim ausverkauften Allstars-Spezial
Zur Zehn gibt’s eine Applaus-Rakete extra

Greven -

Es ist nicht mal Halbzeit bei diesem Poetry-Slam-Best-of, da ist die Stimmung bereits am Limit. „Man merkt, wie das LSD im Trinkwasser knallt“, frotzelt ein amüsierter Moderator Jens Kotalla, als die Publikumsjury peu à peu ihre Punktetafeln in die Höhe reckt.

Montag, 31.12.2018, 07:00 Uhr aktualisiert: 04.01.2019, 16:42 Uhr
Slammer Nick Pötter beim „Poetry Slam Allstars 2018“ in der Kulturschmiede Greven. Foto: Jannis Beckermann

„Acht Punkte.“ Ein Buhen kommt aus den Reihen. Neun. „Na ja, schon besser.“ Und dann: Die Zehn, Bestwertung. „Das verlangt nach einer Applaus-Rakete“, findet Kotalla, und heizt die Grevener Poetry-Slam-Fans ordentlich an. „Ist doch klar.“

Der Wettstreit der modernen Dichter, er hat in der Emsstadt eine treue Fangemeinde. Das zeigt sich an diesem Freitagabend, der die ausverkaufte Kulturschmiede nach langer Zeit mal wieder zum modernen Dichter-Mekka macht. Denn dem Zuspruch zum Trotze: Der alte Poetry-Slam im benachbarten Jugendcafé ist Geschichte. „Zu klein, zu aufwendig, zu teuer“, weiß Chef Kotalla um die Gründe.

Poetry Slam Allstars im Kesselhaus

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  • Poetry Slam Allstars im Kesselhaus Poetry Slam Allstars im Kesselhaus Foto: Jannis Beckermann
  • Poetry Slam Allstars im Kesselhaus Foto: Jannis Beckermann
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Die Lösung: Weniger Termine (nur noch ein, zwei Mal pro Jahr) und ein größeres Format. „Mit wahnsinnig geilem Line-up“, wie Kotalla zu Beginn verspricht. Der Clou: Nur Landesmeister oder deren Stellvertreter, also echte Allstars der Slammer-Szene, treten bei dieser Spezial-Ausgabe zwischen den Jahren ans Mikrofon.

Und das Programm beweist schnell: Kotalla, der umtriebige Grevener Slam-Macher, hat nicht zu viel versprochen. Lustiges, Nachdenkliches, Versautes, Politisches – an sprachlicher, lyrischer, künstlerischer Vielfalt bietet dieser Slam für jeden Geschmack die passende Note. Mal wieder.

Beispiele gefällig? Da dichtet sich Kandidat Simeon Buß einen kunstvollen Verschwörungstheorie-Hip-Hop mit Chemtrails, Reptiloiden und Lügenpresse zusammen, während Konkurrent Nick Pötter aus den eigenen Beziehungskrisen eines Mittzwanzigers berichtet. Woanders feuert Kandidatin Leticia Wahl ein Feuerwerk der Doppeldeutigkeiten ab, als sie über das eigene Menstruationsverhalten philosophiert. Und selbstironisch schönste Sprachbilder formt wie: „Dieser Text ist wie ein schlechtes Sorbet – kurz vorm Entgleiten“, sagt’s ins Mikrofon und hat die Lacher auf ihrer Seite.

Dass Slammen indes auch nachdenklich geht, beweist Anke Fuchs mit ihrem Beitrag über Suizidgedanken, in dem sie bekennt: „Manchmal habe ich Angst vor mir.“ Da ist der Saal auf einmal ganz still, wo kurz zuvor noch Gelächter, Gekicher und Gejohle zu hören waren. „Haben Sie auch schon mal dran gedacht, es zu tun? Natürlich haben Sie“, haucht sie in die dunkle Stille, und erntet dafür Punkte um Punkte.

Ganz hoch im Kurs stehen beim Publikum am Ende dann aber doch die unterhaltsamen, furiosen Texte wie jene des mehrfachen niedersächsischen Landesmeisters Florian Wintels, der mit Kollegin Wahl im finalen Duell um den Tagessieg kämpft. Wintels begeistert unter anderem mit einem temporeichen Sprach-Stakkato übers Dasein als ehrenamtlicher Fußballjugendtrainer. Er fuchtelt, er gestikuliert und redet sich wortwörtlich in Rage über den Job zwischen unreifen Nachwuchskickern und übermotivierten Helikoptereltern an der Seitenlinie. Dafür gibt’s Applaus satt. Und die Dichterkrone zum Jahresende.

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