Flüchtlingshilfe sucht dringend Verstärkung
Phase der Integration beginnt

LIENEN -

Eine alte Gastwirtschaft mit einem großzügigem Tresen, einem Küchenbereich und offenen Räumen, die dennoch Rückzugsmöglichkeiten bieten: Ein besseres Domizil als die alte AWO am Thieplatz kann sich die Lienener Flüchtlingshilfe als Anlaufstelle und Kommunikationszentrum kaum vorstellen. Deshalb wünscht sie sich auch sehnlichst, dass der im kommenden Jahr auslaufende Pachtvertrag verlängert wird.

Montag, 10.10.2016, 17:10 Uhr

Anlaufstelle für Flüchtlinge: In der alten AWO nutzen sie die Laptops, um Deutsch zu lernen oder im Internet nach Wohnungen zu suchen.
Anlaufstelle für Flüchtlinge: In der alten AWO nutzen sie die Laptops, um Deutsch zu lernen oder im Internet nach Wohnungen zu suchen. Foto: Michael Schwakenberg

Die Zukunft der Raumfrage ist aber nicht die einzige Sorge, die die ehrenamtlichen Helfer derzeit umtreibt, wie Lisa Hilburg betont: „Wir kommen jetzt von der Phase der humanitären Hilfe in die Phase der Integration. Und das bedeutet richtig Arbeit.“ Das Problem: Nach dem Start der Initiative vor zwei Jahren macht sich seit geraumer Zeit eine gewisse Müdigkeit bemerkbar. „Zu Beginn waren wir an die 30 Aktive. Jetzt sind wird noch um die 15“, bedauert Britt Bögel-Utsch . Lisa Hilburg ist darüber ebenfalls nicht glücklich, aber auch nicht überrascht: „Am Anfang waren alle euphorisch, helfen zu können.“ So manch einer habe sich vielleicht sogar zu sehr verausgabt.

Die Arbeit der Flüchtlingshilfe geht derweil unvermindert weiter: So gibt es unter dem Dach der AWO die Kleiderstube „Fundus“, die zwar für jedermann geöffnet ist, aber besonders natürlich den Flüchtlingen zugute kommt. Und in der alten AWO gibt es jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr einen Treff mit diversen Angeboten: von der Schneiderwerkstatt über die Nutzung von Laptops bis hin zur professionellen Beratung durch Gemeindemitarbeiterin Christina Kortmann-Zuch.

Sie ist in allen Lebenslagen und bei vielen Fragen wichtigste Ansprechpartnerin für die Flüchtlinge, kann sich aber auch nicht dreiteilen. Und deshalb sucht die Flüchtlingshilfe auch Mitbürger, die beim Ausfüllen von Formularen oder bei Behördengängen helfen. Ein anderes Thema ist Wohnraum. In Lienen fehlen momentan an die 15 Wohnungen für Flüchtlinge, die als solche anerkannt sind und somit in absehbarer Zeit die Unterkünfte verlassen müssen.

Aktuell sind in Lienen 160 Flüchtlinge untergebracht. Die meisten davon stammen aus Syrien, Iran, Irak und Eritrea. Und wer in den Medien verfolgt, wie derzeit die einst blühende Handelsmetropole Aleppo Tag für Tag mehr in Schutt und Asche versinkt und das Leid der Menschen dort unvorstellbare Ausmaße annimmt, der kann verstehen, dass viele Syrer nicht zurückwollen in ihre Heimat. „Vor allem die jungen Familien nicht, die eine Perspektive für ihre Kinder wollen“, weiß Lisa Hilburg. Aber auch Fayag Slymani aus dem Iran will nicht zurück. „Wer nie im Iran gelebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie es dort ist“, sagt der 22-Jährige mit kurdischen Wurzeln. Er kam im vergangenen August nach Deutschland, kann sich schon gut auf Deutsch verständigen und hofft, dass sein Abitur anerkannt wird und er im August kommenden Jahres eine Ausbildung als Automechatroniker beginnen kann. Gerade im Handwerk und im Baugewerbe räumen die Flüchtlingshelfer jungen Leuten wie Fayag Slymani gute Chancen ein.

Wie bei ihm beobachten die Mitglieder der Flüchtlingshilfe bei vielen der Flüchtlinge einen starken Willen, die Sprache zu lernen und Arbeit zu finden. Mit der Unterstützung dieser Menschen erweisen sie der gesamten Gesellschaft einen wichtigen Dienst, ist Lisa Hilburg überzeugt: „Wir haben hier in Lienen so gut wie keine Probleme im Zusammenleben mit den Flüchtlingen.“ Das liege auch daran, das man ihnen frühzeitig die Spielregeln erkläre, die in Deutschland gelten.

Der Schwund an Helfern trifft die noch verbliebenen um so härter, da die Flüchtlingshilfe in naher Zukunft noch einiges vor hat, ihre Angebote sogar ausweiten will. Geplant sind Schwimmkurse für Erwachsene, eine Koch-AG, ein spezielles Frauen-Projekt, ein interkultureller Austausch mit Diskussionen und Aktionen zur Selbsthilfe.

Eine gewisse Müdigkeit mag sich breit machen, Ehrenamtliche wie Lisa Hilburg und ihre Mitstreiter lassen sich davon aber nicht anstecken, sondern machen weiter wie bislang. Warum sie immer noch motiviert sind, erläutert Britt Bögel-Utsch: „Ich stelle mir vor, wie es mir geht, wenn in meinem Land das passiert, was gerade in Ländern wie Syrien passiert. Dann wünsche ich mir auch, das es Menschen gibt, die mich aufnehmen und mir helfen.“

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4363156?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F93%2F105%2F176%2F4849576%2F4849579%2F
463 neue Plätze in Kitas und Tagespflege - weiterer Ausbau nötig
Bei der Betreuung der unter dreijährigen Kinder muss die Stadt die Betreuungsquote weiter nach oben schrauben.
Nachrichten-Ticker