Kräht der Hahn auf dem Mist, . . .
. . . fährt der Bauer Gülle

Ochtrup -

„Kräht der Hahn auf dem Mist, . . .“, heißt die Serie, in der die Westfälischen Nachrichten die Ochtruper Landwirte durch das Jahr begleiten und ihnen bei ihrer täglichen Arbeit über die Schulter schauen. Ab Februar dürfen die Landwirte wieder Gülle fahren. Aktuell verhindert die geschlossene Schneedecke, dass die Güllefässer rollen. Deren Ausbringtechnik ist mittlerweile hochmodern.

Samstag, 02.02.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 03.02.2019, 12:22 Uhr
Gülle wird heute kaum noch mittels eines herkömmlichen Pralltellers ausgebracht. Eine der modernen Ausbringtechniken ist das Schleppschlauchverfahren. Foto: ASW

Gemächlich zieht der Schlepper das kleine Güllefass über den Acker. Hinten spritzt die braune Suppe über einen Prallteller in alle Richtungen. Dieses Szenario ploppt wohl bei den meisten auf, wenn die Sprache auf das Ausbringen von Gülle kommt. Doch diese Technik ist nicht nur veraltet. „Ab 2020 darf sie auf bewachsenen Flächen und ab 2025 auf unbewachsenen Flächen gar nicht mehr verwendet werden“, erklärt Michael Struck vom Agrarservice Wessendorf.

Im Herbst und Winter müssen die Landwirte der Natur eine Pause gönnen. Vom 1. Oktober bis zum 1. Februar dürfen sie keine Gülle fahren. „Die Pflanzen nehmen in dieser Zeit ohnehin keinen Stickstoff auf“, erklärt der Agrarservicemeister. Die Gülle fällt natürlich trotzdem an. Sie muss gelagert werden. „Die Pötte sind jetzt voll“, weiß Michael Struck aus Erfahrung. Aber: Jeder Betrieb müsse heute in der Lage sein, diese Zeitspanne zu überbrücken.

Doch warum gibt es im Münsterland überhaupt so viel Gülle? „Die Böden hier sind mager, deshalb haben die Bauern schon immer Vieh gehalten, um mit dem Mist die Flächen aufwerten zu können“, erzählt Michael Struck von sehr alten, gewachsenen Strukturen in der hiesigen Landwirtschaft. Früher habe der Spruch gegolten „Je größer der Misthaufen, desto reicher der Bauer“.

Während der Landwirt von einst besagten Mist noch selbstständig auf den Acker beförderte, kommen heute vielfach Lohnunternehmen zum Einsatz. Das hat auch mit der fortgeschrittenen Technik zu tun und mit den Vorgaben für die Bauern. „Nährstoffbezogenes Ausbringen von Gülle“, heißt die neue Zauberformel. Denn nicht nur das Zeitfenster, um Gülle auszubringen, ist kleiner geworden. Der Gesetzgeber schreibe mittlerweile auch genau vor, wie viel Stickstoff pro Hektar und Jahr in den Boden gelangen dürfen. 170 Kilogramm aus tierischer Herkunft sind das aktuell. Zudem müssen die Betriebe in einer sogenannten Düngerbedarfsermittlung genau ausrechnen, wie viel Dünger benötigt wird (wir berichteten).

Das Problem: „Stickstoff in der Gülle verfliegt, wenn sie nicht bodennah ausgebracht, beziehungsweise direkt eingearbeitet wird“, erklärt Michael Struck. Hohe Temperaturen sind ein weiteres Kriterium, welches die Verluste in die Höhe treiben.

Einsatz in der Nacht: Gerade im Frühjahr nutzen die Lohnunternehmen die frostigen Nächte, um Gülle auszufahren.

Einsatz in der Nacht: Gerade im Frühjahr nutzen die Lohnunternehmen die frostigen Nächte, um Gülle auszufahren. Foto: ASW

Auch deshalb rücken viele Lohnunternehmen nachts zum Güllefahren aus. „Wir schlagen uns bestimmt nicht zum Spaß die Nächte um die Ohren“, betont Michael Struck. Der Grund ist simpel: Im Frühling steigen die Temperaturen und die Pflanzen auf den Feldern benötigen Nährstoffe zum Wachsen. Nutzen die Bauern die Nachtstunden – gerade im Frühjahr können die mitunter noch sehr frostig sein –, um Gülle zu fahren, nehmen die Äcker weniger Schaden. Und ganz nebenbei wird auch nicht so viel Dreck auf die Straßen getragen. Durchgängig gefroren, beziehungsweise von einer geschlossenen Schneedecke überzogen sein – so wie jetzt – darf der Boden natürlich nicht, schließlich muss die Gülle in den Boden eingearbeitet werden, beziehungsweise einziehen können.

Geschieht dies nicht, ist der wertvolle Stickstoff verloren. Die Höhe der Verluste geht übrigens Hand in Hand mit der Ausbringtechnik. Beim klassischen Prallteller sind diese am größten. „Der Stickstoff ist dann zwar in der Berechnung, aber er kommt ja nicht bei den Pflanzen an“, verdeutlicht Michael Struck.

Anders sieht es bei den neueren Methoden aus. Eine Variante ist die Ausbringung via Scheibenegge oder Grubber. „Da gibt es so gut wie keinen Stickstoffverlust“, weiß Michael Struck. Die Gülle wird bei diesem Verfahren in Schläuchen vor die Scheiben der Egge gepumpt, die den Dünger direkt in den Boden einarbeiten. „Durch die verhinderte Ausgasung riecht es dann auch nicht mehr so stark“, weiß Michael Struck.

Auch eine Möglichkeit: der Schleppschlauchverteiler. Dieser wird hauptsächlich auf Grünland und Ackerflächen eingesetzt. Das Prinzip ist einfach. In schmalen Schläuchen wird die Gülle direkt über dem Boden auf die Erde gebracht. Mehr als 20 Meter breit sind diese Ungetüme, die sich natürlich nur schwer beispielsweise in bergigeren Regionen einsetzen ließen, fügt Agraringenieur Benedikt Wessendorf an.

Und dann gibt es noch das Schleppschuhverfahren. Dabei werden der Gülle-Schlauch und die Kufen auf den Boden gedrückt und das Gras geteilt, bevor der Dünger austritt. Auch hier der Vorteil: Es stinkt nicht so sehr. Besonders geeignet ist diese Technik bei höher gewachsenem Gras.

Mittels eines Schleppschuhverfahrens wird die Gülle hier ausgebracht.

Mittels eines Schleppschuhverfahrens wird die Gülle hier ausgebracht. Foto: ASW

Beim sogenannten Schlitzverfahren schneidet eine Scheibe den Boden auf und drückt ihn v-förmig auseinander. In den Schlitz wird die Gülle etwa fünf Zentimeter tief eingebracht, direkt an die Wurzel der Pflanze.

Das Lohnunternehmen von Benedikt Wessendorf setzt seit Kurzem zudem einen sogenannten Nirs-Sensor ein. Dieser misst mittels Infrarottechnologie den Gehalt von Stickstoff, Phosphor und Kalium in der Gülle und dosiert so eingeständig die Ausgabemenge. „Der Fahrer überwacht das ganze nur noch“, fasst Michael Struck zusammen. Natürlich ist diese Technik teuer. Allein der Sensor schlägt mit 40 000 Euro zu Buche – plus Schlepper und weiterer Ausbringtechnik.

Auch weil die Technik immer teurer wird und die Vorschriften immer zahlreicher, fährt kaum noch ein Landwirt mit eigenem Gerät die Gülle auf den Acker, sagen die beiden ASW-Leute. Es rechne sich einfach nicht mehr. Das Lohnunternehmen rückt in der Regel mit einem Ausbringfahrzeug und zwei Zubringerfahrzeugen – meist Lkw – an. Letztere beliefern das Ausbringfahrzeug mit Gülle vom Hof des Bauern. Die Straßen werden dadurch nicht so sehr verschmutzt, findet Michael Struck.

Per Lkw wird die Gülle direkt bis zum Feld geliefert. Die Straßen sollen dadurch sauberer bleiben.

Per Lkw wird die Gülle direkt bis zum Feld geliefert. Die Straßen sollen dadurch sauberer bleiben. Foto: ASW

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