WN-Serie über gelungene Integration in Everswinkel
Eine klare Perspektive vor Augen

Everswinkel -

Die vor dem Zweiten Weltkrieg geborenen Menschen können die Situation wahrscheinlich in Teilen noch nachvollziehen. Für die jüngeren dürfte sie unvorstellbar sein. Liebe, Hochzeit, Todesangst. Der Vater und der ältere Bruder von den Taliban ermordet, nach nur dreimonatiger Ehe die einzige Möglichkeit zu überleben: die heimliche Flucht.

Freitag, 16.08.2019, 10:13 Uhr aktualisiert: 16.08.2019, 10:20 Uhr
Geschäftsführer Thorsten Schulze Tertilt mit Wahid Assadullah, Ausbildungsleiter Benedikt Beuck, Taulant Topalli und Argjend Xheka (v.l.). Foto: Susanne Müller

So erging es Wahid Assadullah , einem der drei Auszubildenden, die im Gespräch mit den WN über ihren Weg nach Everswinkel berichten. Seit 2015 lebt der 37-Jährige in Deutschland, hat nur telefonischen Kontakt zu seiner acht Jahre jüngeren Frau – sofern die Satellitentechnik es erlaubt.

Anfang August hat sein zweites Ausbildungsjahr im Garten- und Landschaftsbaubetrieb Schulze-Tertilt begonnen. In Afghanistan habe er nach dem Abitur das Studium der Landwirtschaft mit dem Diplom abgeschlossen. Nun freut er sich, dass er seine in der Heimat erworbenen Fachkenntnisse in dem Everswinkeler Unternehmen gelegentlich einbringen kann. Dennoch entschied er sich in Absprache mit der Berufsschule und dem Ausbildungsbetrieb, das erste Lehrjahr zu wiederholen. Die deutsche Sprache sei wirklich schwierig . . .

Genauso hielten es die anderen Gesprächspartner, beide aus Albanien und mittlerweile im dritten Lehrjahr. Jetzt aber haben sie alle Tritt gefasst, es läuft nun auch in der Berufsschule nach Plan. „Das Wilhelm-Emmanuel-von-Ketteler-Berufskolleg in Münster hat eine eigene Klasse für Gärtner mit Migrationshintergrund gebildet. Das junge Pädagogen-Team ist dynamisch, hochmotiviert und leistet eine hervorragende Betreuung der Auszubildenden“, schwärmt Thorsten Schulze Tertilt.

Praktische Hilfe in Bild und Wort: Argjend Xheka blickt in das GaLa-Bau-Bilderbuch, in dem Pflanzen, Werkzeuge, Geräte und mehr anschaulich vorgestellt werden.

Praktische Hilfe in Bild und Wort: Argjend Xheka blickt in das GaLa-Bau-Bilderbuch, in dem Pflanzen, Werkzeuge, Geräte und mehr anschaulich vorgestellt werden. Foto: Susanne Müller

Aber nicht nur die Schule unterstützt die angehenden Gärtner. Sie berichten über in der Tat besondere Fördermaßnahmen in ihrem Betrieb. So zeigt sich der 28-jährige Ardjend Xheka begeistert von einem außergewöhnlichen „Bilderbuch“, das die „Stiftung GaLa-Bau – Bildungsstiftung Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau“ herausgegeben hat und von dem jeder Mitarbeiter für die Zeit seiner Ausbildung ein Exemplar ausgehändigt bekommt. Pflanzen, Werkzeuge und vieles mehr werden nicht nur in Bild und Text, sondern zusätzlich im Ton vorgestellt: der QR-Code ermöglicht die Abfrage der korrekten Aussprache.

Ich finde die Multi-Kulti-Gesellschaft hier gut. Das Zusammenleben klappt prima.

Taulant Topalli

Eine weitere sehr gute Idee hatte überdies der zuständige Ausbilder Marius Kraus: Er gründete eine WhatsApp-Gruppe zum Thema „3 Pflanzen der Woche“. Jeden Montag kommen drei neue hinzu, abgefragt wird bei jeder sich bietenden Gelegenheit – etwa auf dem Flur, in der Pause, im Transporter auf dem Weg zur Baustelle und so weiter. Beruflich läuft es also rund.

Und sonst? Taulant Topalli, 35 Jahre alt und aus Albanien, dessen Ehefrau bereits in den WN vorgestellt wurde, meint: „Ich finde die Multi-Kulti-Gesellschaft hier gut. Das Zusammenleben klappt prima. Vom ersten Tag in Deutschland waren alle, wirklich alle Menschen nett zu uns.“ Er und Argjend Xheka, dessen zweites Kind vor gerade sechs Wochen geboren wurde, möchten vor allem des Nachwuchses wegen gerne in Everswinkel bleiben. Es sei ein guter Ort für Kinder, um aufzuwachsen. Und alle drei Männer betonen einmütig, dass sie nur hier eine Perspektive für sich sehen, eine Rückkehr in ihre jeweiligen Herkunftsländer können und möchten sie sich nicht vorstellen. Bestens integriert seien sie ja schon, und dringend gebraucht würden sie nach Beendigung der Ausbildung ohnehin erklärt abschließend Thorsten Schulze-Tertilt.

WN-Serie über erfolgreiche Integration

Das Engagement der meisten Flüchtlings-Initiativen – auch der in Everswinkel und Alverskirchen – begann im Sommer 2015 direkt nach der Ankunft der geflüchteten Menschen in den Gemeinden. Man half bei vielen Aspekten des Einlebens in die fremde Umgebung. Bereits im Herbst war allen Beteiligten klar, dass die Integration wesentlich von der frühzeitigen Eingliederung in den Arbeitsmarkt abhängen würde. Im Oktober starteten die Arbeitsagentur, das Jobcenter und die Gemeinde Everswinkel gemeinsam ihr im Rathaus angesiedeltes Pilotprojekt, den „Integration Point“. Die beteiligten Ämter, Behörden und Organisationen können sich so direkt austauschen und rasch aktiv werden. Ohne die Unterstützung der heimischen Wirtschaft wäre das Vorhaben jedoch nicht möglich gewesen. „Türöffner“ zu potenziellen Arbeitgebern sind seither die bestens vernetzten Friedhelm Hempelmann und Jürgen Wonning. Sie sind im „Integration Point“ ehrenamtlich beratend und vermittelnd tätig. In dieser WN-Serie sollen einige Beispiele für erfolgreiche Integrationsarbeit vorgestellt werden.

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