Fortuna Gronau: Marcel Bösel rettet Marcel Ameis in höchster Not
Zunge „verschluckt“ – Mitspieler reagiert geistesgegenwärtig

Gronau -

Dieses Drama hätte schnell tödlich enden können. Marcel Ameis, A-Liga-Kicker von Fortuna Gronau, hatte nach einem Zusammenprall seine Zunge „verschluckt“ und drohte zu ersticken. Sein Mitspieler Marcel Bösel reagierte geistesgegenwärtig.

Samstag, 22.09.2018, 10:51 Uhr
Veröffentlicht: Samstag, 22.09.2018, 09:52 Uhr
Zuletzt bearbeitet: Samstag, 22.09.2018, 10:51 Uhr
Wenn einem Kicker die Zunge in den Rachen rutscht, droht schnell Ersticken. Marcel Bösel (kl. Bild re.) hat seinem Mitspieler Marcel Ameis (li.) durch geistesgegenwärtiges Handeln wahrscheinlich das Leben gerettet. Foto: Fabian Stratenschulte/Angelika Hoof/Fortuna Gronau

Marcel Bösel ist eigentlich keiner, der für Rettungstaten im Strafraum bekannt ist. Im Gegenteil: Der Goalgetter von Fortuna Gronau zwingt zumeist Torhüter und Abwehrspieler des Gegners zur Rettung in höchster Not. Am vergangenen Sonntag im A-Liga-Spiel beim FC Vreden hat Bösel die Rollen gewechselt. Sein Torriecher verließ ihn an diesem Tag. Doch er hatte den richtigen Riecher, als er seinem Mannschaftskameraden Marcel Ameis, der das Bewusstsein verloren und seine Zunge „verschluckt“ hatte, geistesgegenwärtig in den Hals griff – und ihm damit wohl das Leben rettete.

Marcel Ameis trifft per Kopf – dann gehen die Lichter aus

Ameis kann sich an den Blackout selbst nicht erinnern, sehr wohl aber an die 56. Minute des Spiels. „Es wurde ein Freistoß in den Strafraum geflankt, ich ging hoch zum Kopfball und traf den Ball mit dem Hinterkopf“, erzählt er. Die folgenden Sekunden, vielleicht Minuten, kennt er nur aus Erzählungen. Dass er den Ball zum 1:2-Anschlusstreffer ins Tor bugsierte. Dass ihn in diesem Moment der Vredener Keeper unabsichtlich mit solcher Wucht traf, dass er ungebremst auf den Rasen knallte. Dass er bewusstlos wurde. Und dass ihm offenbar seine Zunge in den Rachen rutschte.

Marcel Ameis (am Boden; Archivfoto)

Marcel Ameis (am Boden; Archivfoto) Foto: Angelika Hoof

Es war auf einmal ganz komisch. Marcels Oberkörper zitterte, und ich sah, dass er offenbar nicht atmete.

Marcel Bösel

„Ich habe mir erst nichts Schlimmes dabei gedacht, als er einfach auf dem Rücken liegen geblieben ist. Ich dachte, der Zusammenprall hat ihm halt weh getan oder er ist nur etwas k.o.“, erzählt Marcel Bösel, der ganz in der Nähe war. Erst als er seinen Mitspieler ansprach, der aber keine Reaktion zeigte, wurde er stutzig. „Es war auf einmal ganz komisch. Marcels Oberkörper zitterte, und ich sah, dass er offenbar nicht atmete.“

Zum Glück realisierte Bösel schnell den Ernst der Lage. Wo viele andere sicher überfordert gewesen wären, reagierte er instinktiv. „Ich habe Marcel den ziemlich verkrampft zugebissenen Mund geöffnet, mit der Hand tief reingegriffen, hatte plötzlich die ganze Zunge in der Hand und habe sie herausgezogen“, berichtet Bösel. „In diesem Moment hat Marcel sofort wieder ganz tief ein- und ausgeatmet, und kam wieder zu sich, wobei er noch ziemlich benommen war.“

Marcel Bösel schossen Videos in den Kopf

Doch woher wusste er was zu tun ist? Erste-Hilfe-Kurs? „Schon viele Jahre her“, so Bösel. „Viele sagen ja, dass Social Media verblödet. Aber ich habe dort Videos von Profispielen gesehen, in denen Spieler, die auch ihre Zunge verschluckt hatten, so gerettet wurden“, erzählt er. „Das ist mir in dem Moment sofort in den Kopf geschossen.“

Beim Notfall auf dem Dorfplatz ging deshalb glücklicherweise alles ganz schnell. So schnell, dass keinem sofort bewusst wurde, an welch seidenem Faden das Leben von Marcel Ameis gehangen hatte. „Der Vredener Torwart hat mich nur völlig geschockt wie ein Auto angeguckt“, so Bösel. „Und ich selbst habe das auch erst einige Zeit später wirklich registriert, was ich da gemacht habe.“

Ameis spielt nach kurzer Pause weiter

Denn man mag es kaum glauben: Das Spiel ging sofort weiter, als sei nichts gewesen – nach wenigen Minuten auch für Marcel Ameis. „Ich wusste ja nicht, was passiert war und habe mich nur etwas benommen gefühlt“, erzählt der Pechvogel, der zum Glückspilz wurde, von seinen wieder einsetzenden Erinnerungen. Nach kurzer Verschnaufpause und Kältebehandlung am Spielfeldrand kam Ameis trotz eines enormen Brummschädels wieder auf den Rasen und kickte bis zum Ende durch.

„Und das sogar richtig gut“, meint sein Trainer Orhan Boga, der rückblickend allerdings nur den Kopf schütteln kann. „Ich und die meisten anderen standen während des Vorfalls 50, 60 Meter weit weg. Hätte ich den Vorfall mitbekommen, hätte ich ihn natürlich nie und nimmer weiterspielen lassen“, beteuert Boga.

Marcel Bösel hat mir vermutlich das Leben gerettet.

Marcel Ameis

Marcel Ameis, der am Dienstag auch wieder trainierte, ehe bei ihm am Freitag eine Schädelprellung diagnostiziert wurde, ahnt inzwischen: „Marcel Bösel hat mir vermutlich das Leben gerettet“. Denn schon nach wenigen Minuten hätte er erstickt sein können. Sein Wunsch: „Dass alle Vereine Schulungen anbieten, um zu zeigen, wie man in solchen Situationen, die immer passieren können. reagieren muss. Denn ich glaube, dass nicht jeder so handlungsschnell wie Marcel Bösel gewesen wäre.“

Marcel Bösel

Marcel Bösel Foto: Angelika Hoof

Manche meinen, ich sei ein Held. Aber so fühle ich mich nicht. Für mich sind Ärzte, Krankenpfleger und Feuerwehrleute, die täglich Leben retten, Helden.

Marcel Bösel

Dem Retter, der in der vergangenen Woche viel Resonanz auf seine Tat bekommen hat, ist das Schulterklopfen fast schon unangenehm. „Manche meinen, ich sei ein Held. Aber so fühle ich mich nicht. Für mich sind Ärzte, Krankenpfleger und Feuerwehrleute, die täglich Leben retten, Helden. Ich habe das nur einmal gemacht – und muss das hoffentlich nie wieder!“ Bösel ist einer, der lieber die Gegner im Strafraum zu Rettungstaten zu zwingt.

► 2015 gab es einen ähnlichen Vorfall im Westfalenliga-Spiel zwischen GW Nottuln und dem SC Preußen Münster II. Hier geht es zum Bericht.

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Drei Fragen an . . .

Johann Nordholt ist stellvertretender Rotkreuzleiter des DRK-Ortsvereins Gronau und in der Bereitschaft aktiv.

Was ist zu tun, wenn jemand – z.B. auf dem Fußballplatz – die Zunge „verschluckt“?

Nordholt: Ganz grundsätzlich: Damit die Atemwege frei sind, darf sich nichts im Rachen befinden. Wenn jemand auf dem Rücken liegt und nicht mehr atmet, sollte der Hals überstreckt und der Mund geöffnet werden, um zu prüfen, ob sich ein Fremdkörper im Rachen befindet. Der ist dann zu entfernen. Zudem sollte der Körper sofort in die stabile Seitenlage gebracht werden.

Wie schnell muss man handeln?

Nordholt: Ganz schnell, so schnell wie möglich. Ein paar Sekunden können schon entscheidend sein.

Was sollten Vereine tun, damit jeder für den Notfall vorbereitet ist?

Nordholt: Jeder Trainer, der eine Lizenz haben will, muss schon einen Erste-Hilfe-Kurs absolvieren. Aber das sollte jeder Mensch machen.

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