Fußball: 3. Liga
Preußen-Abwehrchef Kittner im Interview: „Profi? Es gibt nichts Besseres“

Münster -

Ole Kittner ist zweifellos einer der Anführer beim SC Preußen Münster. Im Augenblick zwar gesperrt, aber unglaublich wichtig mit seiner Erfahrung. Dabei war der 31-Jährige jahrelang raus aus dem Geschäft. Auch aus dieser Zeit erzählt er im großen Interview.

Donnerstag, 20.12.2018, 14:44 Uhr aktualisiert: 20.12.2018, 15:57 Uhr
Dirigent und Anführer: Ole Kittner hat bei den Preußen eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Foto: Jürgen Peperhowe

Vorzeitig war das Fußballjahr 2018 für Ole Kittner beendet. Die Rote Karte beim Karlsruher SC forderte ihren Tribut, zwei Punktpartien Sperre (Zwickau und Köln) sowie 1500 Euro Geldstrafe für rohes Spiel am Ex-Preußen Marc Lorenz verhängte das DFB-Sportgericht. Am Samstag ist der Abwehrchef, den Trainer Marco Antwerpen für „unersetzlich“ erklärte, noch einmal fehlen. Mit dem 31-jährigen Münsteraner, der nach 46 Monaten verletzungsbedingter Pause eines der bemerkenswertesten Comebacks im deutschen Profifußball feierte, sprach Alexander Heflik.

Sie sind seit 2006 bei den Senioren im Einsatz, kassierten drei Rote Karten, nun zuletzt gegen den KSC – ging das alles mit rechten Dingen zu?

Kittner: Zwei Rote Karten habe ich in der 3. Liga als Spieler beim TuS Koblenz kassiert. Die gegen Erfurt war nicht gerechtfertigt, die gegen Wehen Wiesbaden schon. Die dritte Rote, die in Karlsruhe, war lachhaft. Selbst Marc Lorenz hat vor dem DFB bestätigt, dass ich ihn kaum berührt habe, es war kein überhartes Spiel, allenfalls als taktisches Foul zu bewerten. Dass die Sperre reduziert wurde, ich aber eine Geldstrafe erhalten habe, verstehe ich nicht.

Trainer Antwerpen hat Sie geadelt, Sie für unverzichtbar in der Abwehrzentrale erklärt. Hatten Sie gedacht, dass nach 46 Monaten Wettkampfpause so ein Comeback möglich ist?

Kittner: Den ersten Kreuzbandriss habe ich mir gegen den VfL Bochum in der 2. Liga zugezogen. Ich kann mich genau erinnern, es war der 16. November 2012. Nach acht Monaten riss im Training das Kreuzband erneut, ich sollte am nächsten Tag spielen. Ich wusste sofort, dass es noch länger dauern würde als beim ersten Mal, habe meine Reha in Osnabrück und Münster absolviert. Ich war mir nicht sicher, ob ich zu 100 Prozent wieder als Profi zurückkommen würde. Mein Psychologie-Studium an der Fern-Uni Hagen hatte ich da begonnen.

Es vergingen zwei Jahre, in denen Sie kein Spiel bestreiten konnten, sich mühsam herantasten mussten. Hatten Sie Existenzangst?

Kittner: Ich musste nicht am Hungertuch nagen, habe aber vom Ersparten gelebt. Nach zwei Jahren war das Knie nicht so stabil, dass ich sechs harte Einheiten und ein Punktspiel pro Woche hätte bestreiten können.

Zur Person

15. Oktober 1987 in Münster ledig SC Münster 08, RW Ahlen RW Ahlen, TuS Koblenz, SV Sandhausen, Preußen Münster 38 Spiele/1 Tor (bei der 1:3-Auswärtsniederlage gegen SpVgg Greuther Fürth) : 110 Spiele/5 Tore 43 Spiele 29 Spiele/1 Tor Aufstieg in die 2. Bundesliga mit RW Ahlen (2008) und SV Sandhausen (2012) 13 200 000 Euro aktuell in Münster, 300 000 Euro in Koblenz (2011)

...

Sie sind deshalb nach Hawaii geflüchtet?

Kittner: Das war schon komisch, ich hatte gerade meine Freundin kennengelernt, der ich dann erklärte, dass ich ein Auslandssemester an der Hawaii Pacific University absolvieren will. Die dachte auch, was mit mir wohl los sei. Ich habe meine Wohnung vermietet und bin nach Hawaii geflogen. Da wohnte ich dann in einem Randbezirk mit zwei Hawaiianern in einer Wohngemeinschaft. Das war toll, vormittags war verschulte Uni, nachmittags hatten wir frei. Ich habe total abgeschaltet vom Fußball. Hawaii liegt auf der Schnittstelle zwischen Asien und Amerika, hier treffen viele Kulturen aufeinander, die Erfahrung war einmalig. Ich wollte einfach nicht so weitermachen wie bisher.

Aber irgendwann ging es zurück – und die alte Leidenschaft erwachte dann plötzlich wieder?

Kittner: Wissen Sie was? Es gibt nichts Besseres, als Fußballer zu sein. Ich fing wieder an zu laufen, nebenbei betreute ich mit Julian Wiedenhöft die U 17 des SC Münster 08. Wir spielten auch gegen die U 16 von Schalke 04. Als ich später bei Preußen erstmals wieder mittrainieren durfte, sprach mich ein junger Spieler an. Ich wusste gar nicht, wer das war. Er sagte, er hätte mit Schalke gegen mich gespielt. Es war Cyrill Akono, der heute mein Teamkollege ist und für Schalke gegen Nullacht getroffen hatte. Eigenartig.

Und wie war das dann so als Trainer?

Kittner: Wir sind da leider abgestiegen.

Fast vier Jahre nach dem 2:5 gegen Bochum – warum versuchten Sie sich an einem Comeback, zumal auch Ihr Psychologie-Studium mittlerweile in ihrer Heimatstadt an der WWU erfolgreich lief?

Kittner: Ich habe begonnen wieder zu laufen und habe Krafttraining gemacht, das operierte Knie schwoll nicht mehr an, wurde nicht mehr dick unter Belastung. Im Sommer 2016 habe ich mir in den Kopf gesetzt, alles für ein Comeback zu investieren. Vom Kopf her war ich 100 Prozent klar, zwei Monate habe ich alles dafür getan, ehe ich mich echt gut fühlte.

Und wofür?

Kittner: Ich habe Adriano Grimaldi angerufen, ihn kannte ich aus meiner Zeit in Sandhausen. Ich habe gefragt, wie ich ins Training beim SCP kommen kann. Über einen Berater hätte das mit meiner Vorgeschichte nie geklappt, ich musste das selber irgendwie hinkriegen. Dann habe ich bei einem Auslaufen Co-Trainer Sreto Ristic abgefangen und mich vorgestellt. Später habe ich mit Trainer Horst Steffen gesprochen. Beim SCP waren nur Sebastian Mai und Lion Schweers als Innenverteidiger fit, Simon Scherder verletzt. Ich habe Steffen gesagt, dass es kein Risiko für den Verein gibt. Am Ende kam Sportvorstand Carsten Gockel ins Gespräch mit mir. Wenn ich den Check bei Mannschaftsarzt Dr. Cornelius Müller-Rensmann bestehen würde, dürfte ich mitmachen. Da haben bei mir schon die Korken geknallt.

Und wie liefen die ersten Einheiten?

Kittner: Trainer Steffen hat mir gesagt, er habe die Fantasie, dass es klappen könnte. Die Faktenlage sprach gegen mich, viele haben nur gesagt, der SCP holt jetzt schon Invalide zurück. Doch ich hatte keine Angst, fühlte mich fit, hatte Kraft und Motivation.

Jetzt sind Sie schon 31 Jahre, trauern Sie ihrer besten Zeit als Profi hinterher?

Kittner: Ach, ich denke nur an heute. Körperlich bin ich richtig gut drauf, ich regeneriere immer richtig gut, bin so fit, dass ich immer spielen will. Meine Motivation? Die ist riesengroß. Ich versuche meinen Enthusiasmus ins Training einzubringen, will meine Mitspieler mitreißen. Wie gesagt, es gibt nichts Besseres als Fußballprofi sein zu dürfen.

Sind Sie heute besser als vor Ihrer langen Verletzungspause, Sie dirigieren förmlich Ihre Vorderleute?

Kittner: In der Abwehr löse ich die Sachen jetzt souveräner. Und ich bin auch bereit, weiter Neues als Fußballer zu lernen, wie zum Beispiel die Dreierkette, die wir meistens spielen.

Wie lange wollen Sie noch spielen?

Kittner: Ich will erfolgreich sein mit Preußen. Drei gute Saisons traue ich mir noch zu.

Und was bleibt vom Fußball, gibt es dort Freunde fürs Leben?

Kittner: Ja, da sind ein paar geblieben über die Jahre wie Michael Wiemann aus der Ahlener Zeit oder Lars Toborg. In jeder Mannschaft kommt man mit vielleicht zehn bis zwölf Leuten gut aus, mit vier bis fünf besteht dann immer wieder Kontakt, ein oder zwei bleiben dann auch Freunde.

Und nach der Profikarriere, was kommt dann?

Kittner: Wenn alles glatt läuft, werde ich im Mai mein Studium mit dem Master für Arbeitsorganisation im Fachbereich Psychologie abschließen. Ich will nicht ausschließen, dass ist im Fußball bleibe. Da kenne ich mich aus.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6271210?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F94%2F62183%2F
Sportlerwahl 2018: Das sind Münsters Sportler des Jahres
Liveticker: Sportlerwahl 2018: Das sind Münsters Sportler des Jahres
Nachrichten-Ticker