Fußball: EM-Qualifikation
Der leise Herr Schulz steht sinnbildlich für Löws Aufschwung

Amsterdam -

Der deutsche Fußball schien am Boden. Doch diese Nacht von Amsterdam taugt als Gegenbeweis. Die Taktik von Bundestrainer Joachim Löw ging auf, die Kritik an einigen personellen Rochaden verstummte. Und Nico Schulz wurde erneut zum späten Helden.

Montag, 25.03.2019, 16:46 Uhr aktualisiert: 25.03.2019, 17:27 Uhr
Mit der Cruyff-Nummer 14 Siegtorschütze für Deutschland: Nico Schulz Foto: Witters

Auch das noch. Als Ronald Koeman überschwänglich den zwischenzeitlichen 2:2-Ausgleich mit einem Luftsprung feierte, riss die Hose an der Naht. Nur der lange blaue Mantel verhinderte den voyeuristischen Blick auf den zerfetzten Zwirn. Ausgerechnet bei ihm, der sich bei der EM 1988 in der Hoch-Zeit der deutsch-niederländischen Fußballschlachten nach dem Halbfinalerfolg in Hamburg genüsslich mit einem deutschen Trikot sinnbildlich den Hintern abgewischt hatte. Am Ende ging alles schief für Koeman und die Niederlande. Keine Niederlage schmerzt „ Oranje “ mehr als eine gegen Deutschland – und dieses 2:3 umso mehr.

Nico Schulz traf in der 90. Minute zum Sieg für das Team von Trainer Joachim Löw . Die deutsche Führung durch die entfesselten Angreifer Leroy Sané und Serge Gnabry hatten die Hausherren in der Johan-Cruyff-Arena nach der Pause durch Matthijs de Ligt und Memphis Depay ausgeglichen. Doch Linksfuß Schulz sorgte mit rechts für ein Finale furioso – wie schon beim 2:1-Testspielerfolg gegen Peru im September. Ausgerechnet die Nummer 14 schockte ganz Holland, die Trikotnummer von Johan Cruyff. Abruptes Ende auf der Partymeile. „Ja“, sagte der schweigsame Hoffenheimer, er sei überrascht gewesen so spät noch zu treffen. Und, um dann leise gegen alle Kritiker zu flüstern: „Wir sind vielleicht doch nicht so schlecht und sind immer noch ein gutes Team mit gutem Spirit.“ So.

Koeman nahm derweil die Schuld auf sich, weniger für die kaputte Hose, vielmehr dafür, dass er nach dem Sturm und Drang zum 2:2 in den letzten 30 Minuten das Tempo rausgenommen und falsch gewechselt hatte. „Es war mein Fehler. Ich wollte einen Punkt sichern – habe es aber nicht getan.“ Mea culpa, mijn schuld, schuldig im Duell der Erzrivalen.

Kommentar: Löw zeigt es seinen Kritikern

Die Zeit war reif. Auf ein solches Spiel der deutschen Nationalelf war lange gewartet worden. Der größte Sieger des Abends war aber Bundestrainer Joachim Löw. Seine gewagte taktische Aufstellung ging dieses Mal auf, die späten Wechsel entpuppten sich als Volltreffer. Der Sieg über das wiedererstarkte Holland ist eine Menge wert, weil er fußballerische Extraklasse war. Löw verschafft sich Ruhe damit, die Kritiker, Nörgler und Gegner des 59-Jährigen müssen zugeben: Löw kann doch noch etwas bewegen. Sané, Gnabry, Kimmich, Goretzka, Süle – das dürften die Hoffnungsträger beim DFB sein. An diesen Namen wird sich der Neuaufbau orientieren.

...

Falsch gewechselt? Überhaupt irgendwas falsch gemacht? Nein, fast nichts. Löw war der große Triumphator, nachdem er in den letzten Wochen und Monaten von einer Niederlage zur nächsten geeilt war, einen Fehler an den nächsten gereiht hatte, scheinbar gar nichts mehr funktionierte im deutschen Fußball. Ein Fußballriese auf Talfahrt.

Und dann erlebte Amsterdam mindestens das, was man eine klare Perspektive nennt. Es sei keine Genugtuung im Spiel, kein Sieger-Habitus gegenüber seinen Kritikern, betonte Löw kurz vor Mitternacht. Sein Strategiewechsel brachte den ersten Ertrag. Nur noch zwei Weltmeister von 2014 (Manuel Neuer und Toni Kroos) gehörten der Startelf an. Dafür übernahmen die Confed-Cup-Sieger von 2017 die Regie, die bei der WM in Russland teils als untauglich und teils als unerfahren galten. Matthias Ginter, Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger und Niklas Süle standen für die neue Statik der DFB-Auswahl. Im Hintergrund lauern zudem einige Kandidaten der U-21-Auswahl, die Europameister ist, sowie Spieler, die mit der U-19 2014 Europameister wurden. Löw muss nur die Teile zusammenfügen, in Amsterdam puzzelte er erfolgreich. Dort wird Cruyff gehuldigt, dem Verfechter des 4-3-3-Systems, eine niederländische Fußballikone. Deutschland agierte dagegen mit einer über weite Strecken überragenden Abwehr-Dreierkette (Ginter, Süle, Rüdiger), einem spielstarken Fünfer-Mittelfeld um den neuen Anführer Kimmich, sowie einer phasenweise atemberaubenden Doppelspitze Gnabry und Sané. Wie Löw den Letztgenannten für die WM in Russland ausbooten konnte, wird sein ewiges Geheimnis bleiben.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6496714?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F203%2F204%2F70842%2F
Akono trifft für Preußen beim 1:0-Heimsieg über Großaspach
Fußball: 3. Liga: Akono trifft für Preußen beim 1:0-Heimsieg über Großaspach
Nachrichten-Ticker