Besuch bei Martje Saljé
Wann geht die Türmerin schlafen?

Münster -

Die Wendeltreppe will nicht enden. Es riecht moderig und ist eng. Dann stehen wir vor einer schwarzen Metalltür: Martje Saljé, Türmerin von St. Lamberti, schließt die schwere Tür auf. In dem hellen Raum des Kirchturms hängen Bilder von St. Lamberti. 300 Stufen sind es bis ganz oben. 100 haben wir gerade geschafft.

Montag, 16.04.2018, 15:04 Uhr

Martje Saljé ist Türmerin von St. Lamberti. Von oben hat sie einen großartigen Ausblick über die Stadt Münster. Foto: Oliver Werner

Weiter geht es. Wir legen einen Zwischenstopp ein – auf der Höhe der Käfige. Sie hängen dort seit Hunderten von Jahren – seit die Wiedertäufer hingerichtet wurden. Doch es sind nicht nur die Käfige, die dort interessant sind, sondern auch die Rats- und Brandglocke. Früher wurde sie bei jedem Brand innerhalb der Promenade geläutet. Heute wird sie nur noch zu Kommunalwahlen benutzt, wenn der neue Bürgermeister vereidigt wird.

Schließlich erreichen wir unser Ziel: Die Türmerstube, wo Martje Saljé jeden Abend bis zu vier Stunden verbringt. Sie erzählt, dass ihr da oben nie langweilig ist – weil sie viel liest, eigentlich immer über die Geschichte von Münster. Aber sie macht auch Musik. Denn bevor sie Türmerin wurde, hat sie Musik und Geschichte studiert.

Martje Saljé ist die erste Türmerin Münsters. 21 Stunden pro Woche ist sie im Einsatz – sechs Tage die Woche. Dienstags hat sie frei, weil „statistisch gesehen am Dienstag am wenigsten Brände passieren und am wenigsten Feinde kommen“.

Die Türmerin beginnt um 21 Uhr ihren Dienst und muss jede volle und halbe Stunde ,,tuten‘‘. Das haben wir um 21 Uhr miterlebt. Sie ,,tutet‘‘ im Uhrzeigersinn: erst Süden, dann Westen und am Schluss Norden. Jetzt fragt ihr euch bestimmt, warum nicht Osten. Dafür gibt es verschiedene Erklärungen. Die Gästeführer erzählen bei Nachtwächterführungen, dass im Osten ein reicher Mann wohnte, der früh ins Bett ging und nicht gestört werden wollte. Wissenschaftler sagen, dass früher in Münsters Osten ein Friedhof lag – Tote sollte man nicht stören. Die Türmerin hat eine dritte Theorie: Jerusalem liegt im Osten und der Altar ist in die Richtung ausgerichtet. Also ist Osten eine heilige Himmelsrichtung.

Die Aussicht von oben ist großartig: Überall leuchten die Straßenlaternen und manchmal auch Licht in den Fenstern. Martje Saljé hat eine Facebookseite und einen Blog. Später am Abend stehen wir wieder unten. Ich frage mich: ,,Wann schläft die Türmerin?‘‘ Vor 2 Uhr liegt sie sicher nicht im Bett, denn das letzte Mal ,,tutet‘‘ sie um 24 Uhr, bevor sie ihren Türmerdienst beendet und die 300 Stufen hinabsteigt.

 Silvie Dierksmeier

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