Europas Einigung als Wachstumsmotor
EU-Binnenmarkt befeuert die Wirtschaft im Münsterland

Münster -

1046 €  bringt der EU-Binnenmarkt im Durchschnitt – jedem Deutschen, jedes Jahr. Diesen Wert haben Wirtschaftsexperten in einer Studie für die Bertelsmanns-Stiftung geschätzt. Auch und gerade die Wirtschaft im Münsterland, einer Grenzregion, profitiert deutlich von „Europa“.

Montag, 13.05.2019, 16:54 Uhr aktualisiert: 13.05.2019, 18:27 Uhr
Die Wirtschaft dies- und jenseits der Grenzen ist längst eng miteinander verschweißt: Das zahlt sich gerade für die Vorzeigebranchen des Münsterlandes aus, etwa für den Maschinenbau. Foto: colourbox

Die Linie in der Grafik steigt steil an. Von 1993 an – Start des EU-Binnenmarktes – geht es aufwärts. Von sechs Milliarden auf 18 Milliarden €  im Jahr 2018. Dazwischen ein tiefer Knick zwischen 2008 und 2010 – die Banken- und Wirtschaftskrise. Die Grafik der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen zeigt die Auslandsumsätze der Unternehmen im IHK-Bezirk, also dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region.

Die Schaffung des Europäischen Binnenmarktes 1993 und die Einführung der gemeinsamen Währung haben zu starken Wachstumsschüben bei den nordwestfälischen Betrieben geführt.

Die Schaffung des Europäischen Binnenmarktes 1993 und die Einführung der gemeinsamen Währung haben zu starken Wachstumsschüben bei den nordwestfälischen Betrieben geführt. Foto: IHK Nord-Westfalen

„Die Einführung des EU-Binnenmarktes 1993 und später der gemeinsamen Währung haben zu starken Wachstumsschüben geführt“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel . Seit 1993 haben sich die Auslandsexporte verdreifacht. Und: „Gut die Hälfte des Auslandsumsatzes entfällt auf Länder, die zur Eurozone gehören“, sagt er.

Kaum Hürden, das zahlt sich aus

Keine Zölle, keine Kontrollen an den EU-Binnengrenzen, kaum Hürden für Waren und Geschäfte, keine Wechselkursrisiken – das zahlt sich für die Wirtschaft und Bürger in Deutschland aus, gerade in Grenzregionen wie dem Münsterland.

„Allein die Industrie im Münsterland erzielte 2018 Umsätze in Höhe von 12,6 Milliarden €  auf ausländischen Märkten“, erklärt Jaeckel. Damit liege die Exportquote bei 40 Prozent. Und: Insbesondere die Vorzeigebranchen der Region profitieren: Knapp 58 Prozent des Umsatzes machen münsterländische Maschinenbauer im Ausland. Bei der Chemieindustrie ist es die Hälfte des Umsatzes, bei der Kfz- und Kfz-Zulieferindustrie sogar 60 Prozent.

„Die münsterländischen Mittelständler sind europaweit vernetzt“, sagt Jaeckel. Besonders oft exportieren sie in die Benelux-Länder und nach Frankreich. Die Unternehmen arbeiten arbeitsteilig über die Grenzen hinweg. Der Maschinenbau etwa beziehe vorgefertigte Teile aus Polen, erledige die Kernfertigung im Münsterland oder liefert seinerseits Teile zum Kunden ins Ausland. All das sei kein Problem, weil die Grenzen kein Hindernis sind, kein Wechselkursrisiko besteht und auch der rechtliche Rahmen für die Geschäfte gesichert ist, so der IHK-Hauptgeschäftsführer.

Wohlstand würde sinken

Und wenn es den Binnenmarkt nicht mehr gäbe? „Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand im Münsterland würden deutlich sinken“, sagt Jaeckel. Der IHK-Hauptgeschäftsführer verweist auf die Erfahrungen, die Briten gerade machen: Das britische Schatzamt habe den Briten für einen Brexit mit „May-Deal“ einen Wohlfahrtseinbruch von 3,9 Prozent in den kommenden Jahren vorhergesagt, bei einem harten „No-Deal-Brexit“ sogar einen Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um 9,3 Prozent. Der Einbruch koste die Briten damit weit mehr als sie an Zahlungen in den EU-Haushalt sparten.

Investitionen jenseits der Grenze

Rund 2000 Unternehmen im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region sind dauerhaft international aktiv. Etwa 70 Prozent von ihnen unterhalten laut IHK Nord Westfalen sogar Standorte im Ausland – vom Vertriebsbüro über die Niederlassung bis zur Produktion. Bei den Direktinvestitionen im Ausland ist und bleibt Europa der Kernmarkt – vor allem für den Mittelstand, betont die IHK Nord Westfalen. In einer Umfrage zu in diesem Jahr geplanten Auslandsinvestitionen Anfang 2019 hätten die Länder der Eurozone mit gut 80 Prozent der Nennungen hoch im Kurs gestanden.

...

Und: „Weil die Exportnation Deutschland und die Exportregion Münsterland weit höhere Exportquoten als Großbritannien aufweisen, wäre der Einbruch bei uns noch größer, wenn Deutschland austreten würde“, sagt Jaeckel. Und dann würde auch noch der Vorteil wegfallen, den der Euro der deutschen Wirtschaft beschert.

Letztlich geht es auch ganz direkt um Arbeitsplätze – bei Weitem nicht nur um die der 40 000 EU-Bürger, die dank der Freizügigkeit im Kammerbezirk arbeiten. „Jeder siebte Arbeitsplatz im Münsterland ist abhängig vom EU-Binnenmarkt“, verweist Jaeckel auf eine Studie der FH Bocholt.

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