Auf Stimmenfang
Diese Politiker(innen) werben in Münster für die Europawahl

Münster -

40 Parteien nehmen in Deutschland an der Europawahl teil. Wir stellen die Kandidaten vor, die für die sechs im Bundestag vertretenen Parteien in Münster um Stimmen werben. Es sind die Parteien CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP und AfD. Vier Kandidaten leben auch in Münster, der regionale CDU-Kandidat kommt aus Lotte, die Linke wirbt mit einer Kandidatin, die in Düsseldorf lebt. 

Sonntag, 19.05.2019, 09:00 Uhr aktualisiert: 19.05.2019, 14:06 Uhr
Foto: WN

Anna Blundell (Grüne): Der Brexit hat sie politisch gemacht

Anna Blundell trägt das vereinigte Europa praktisch in ihrer Biografie mit sich. Besser gesagt: noch. Denn die 31-jährige Grüne stammt aus London. England gehört noch zur EU, aber vielleicht nicht mehr lange – und die seit Jahren währende Debatte über den Brexit belegt, wie fragil das nach dem Zweiten Weltkrieg mühsam zusammengezimmerte Staatenbündnis ist.

Vor neun Jahren kam Anna Blundell, die Mitarbeiterin am Philosophischen Seminar der Universität Münster ist, hier in die Domstadt. Gerade einmal drei Jahre ist es her, dass sie bei den Grünen eintrat – und jetzt wirbt sie bereits als Kandidatin für die Europawahl um Stimmen.

Es war in der Tat der Brexit, der Anna Blundell zu den Grünen trieb, darüber hinaus der Klimaschutz. „Bei beiden Themen liegt es nahe, zu den Grünen zu gehen“, so die bekennende Europäerin und Klimaschützerin.

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Anna Blundell Foto: Mattias Ahlke

Ideelle Werte & Umweltschutz

Gleichwohl weiß die Münsteranerin, dass sie den Weg ins Europäische Parlament kaum wird antreten können. Sie liegt auf Platz 37 der Liste der Grünen, aktuell stellt die Partei elf Parlamentarier. In ihrem Wahlkampf geht es deshalb auch viel um ideelle Werte und weniger um eine „direkte Ernte“. Letzteres sieht sie an ganz anderer Stelle: „Meine Kinder werden etwas ernten, wenn die Grünen stark werden“, hofft sie auf einen – europaweit – vorangetriebenen Umweltschutz. „Das motiviert mich.“

Motiviert fühlt sie sich auch durch die vielen Podien in Schulen. Dort sei das Thema Europa endlich angekommen.

Münster ist in Blundells Lebensbiografie dauerhaft als Ankerpunkt gesetzt, „allein schon wegen der Kinder“. Ganz abgesehen davon fühlt sie sich hier sehr wohl: „Münster hat eine Beschaulichkeit, ohne zu klein zu sein.“


Dr. Markus Pieper ( CDU ) ist seit 15 Jahren in Brüssel aktiv

Dr. Markus Pieper kommt aus Lotte. Die Gemeinde liegt vor den Toren Osnabrücks – und dürfte den Münsteranern vorzugsweise deshalb bekannt sein, weil es dort das Autobahnkreuz Lotte/Osnabrück sowie die Sportfreunde Lotte gibt, die sich regelmäßig mit Preußen Münster um Drittliga-Punkte streiten.

Mit Münster ist Pieper bestens vertraut. Als Münsterland-Kandidat der CDU für die Europawahl hat er an der Mauritzstraße sein Wahlkreisbüro. Dort taucht er seit mittlerweile 15 Jahren regelmäßig auf, denn so lange ist Pieper bereits Europaparlamentarier.

Der 56-Jährige, der sich selbst als „politischer Quereinsteiger“ bezeichnet, ist eher ein echter Polit-Profi. Bezogen auf die münsterische Kandidatenriege ist er – realistisch betrachtet – der einzige, der das Ticket nach Brüssel lösen dürfte.

Pieper Portrait

Dr. Markus Pieper Foto: CDU

Deutschland hat „Vermittlerrolle“

Anders als die anderen Parteien arbeitet die CDU nicht mit einer Bundesliste, sondern mit Landeslisten. Auf der NRW-Liste belegt Markus Pieper Platz zwei. Bei insgesamt 96 Mandaten, die für Deutschland zu vergeben sind, müsste die CDU am Wahltag schon komplett im Keller versinken, sollte Pieper der Wiedereinzug in das Europäische Parlament versagt bleiben.

Nach 15 Jahren parlamentarischer Arbeit hat Pieper eine konkrete Vorstellung davon, welch entscheidende Rolle Deutschland in der EU spielt, und zwar eine „Vermittlerrolle“ zwischen langjährigen EU-Staaten wie Frankreich und vergleichsweise jungen EU-Mitgliedern wie Polen.

Münster als Universitätsstadt profitiert laut Markus Pieper in einem hohen Maße von der EU. „Da haben wir durch konkrete Wahlkreisarbeit viel erreicht“, freut sich der Christdemokrat.


Sarah Weiser ( SPD ) will die Jugend für Europa begeistern

„Zu schön, um wahr zu sein.“ Das war Sarah Weisers erster Gedanke, als sie nach Münster kam. Das war 2011 – und Sarah Weiser kam aus Gelsenkirchen.

Inzwischen hat die 25-Jährige ein juristisches Staatsexamen in der Tasche, arbeitet in einer Anwaltskanzlei, studiert Philosophie und Politikwissenschaft im Master und verkündet: „Ich möchte in Münster bleiben.“

Der Umstand, dass sie als regionale SPD-Kandidatin nach der Wahl am 26. Mai ins Europaparlament einziehen möchte, wird vermutlich an dieser Lebensplanung nichts ändern. Denn Sarah Weiser steht auf Listenplatz 53. Aktuell stellt Deutschlands SPD 27 Mitglieder im EU-Parlament. Da wäre schon eine Verdoppelung des Stimmenanteils erforderlich, um den Weg nach Brüssel zu finden.

Klassische SPD-Biografie

„Ich mache es für die Partei, und ich mache es vor allem für Europa“, wird die münsterische Sozialdemokratin regelrecht pathetisch. Als Mitglied des münsterischen SPD-Vorstandes ist sie eng in die Partei eingebunden, als frühere Jungsozialistin hat sie ohnehin eine klassische SPD-Biografie.

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Sarah Weiser Foto: SPD

Ihr gehe es darum, junge Leute anzusprechen und für ein „besseres Europa“ zu begeistern, erzählt die Münsteranerin. „Was passieren kann, wenn junge Menschen eine Wahl ignorieren, haben wir beim Brexit gesehen.“

Längst nicht alle Parteien in Münster werben mit dem Konterfei des örtlichen Kandidaten. Bei Sarah Weiser ist das anders. „Es ist schon ein seltsames Gefühl, sich selbst auf einem Plakat zu sehen“, gesteht die 25-Jährige. Plötzlich sei man nicht mehr anonym.


Paavo Czwikla (FDP): Die Handbremse in Europa lösen

Paavo Czwikla kam 2013 vom Dümmer See, wo er aufgewachsen ist, nach Münster. Für den 24-jährigen Masterstudenten der Philosophie war 2013 gleich in doppelter Hinsicht eine Zäsur: zum einen das Jahr seines Studienbeginns, zum anderen aber auch das Jahr, in dem die FDP aus dem Deutschen Bundestag flog.

„Nach dieser Katastrophe trat ich in die FDP ein“, erzählt Czwikla – als wolle er sagen, dass wichtige Entscheidungen einer Krise bedürfen. Jetzt kandidiert der Münsteraner als Liberaler für das Europäische Parlament, wenn auch auf einen aussichtslosen Platz 90. Aktuell stellt die FDP gerade einmal drei Mitglieder in Brüssel und Straßburg.

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Paavo Czwikla Foto: Johannes "James" Zabel

Doch Paavo Czwikla kümmert das nicht: „Wenn sich nur die einsetzten, die dafür anschließend auch belohnt werden, dann geht es nicht.“ Ihm gehe es darum, für Europa zu werben – und für ein gutes Ergebnis der FDP. Besonders bei den Jungen Liberalen fühlt sich Czwikla nach eigenem Bekunden sehr wohl.

Intensive Gespräche & grundlegende Fragen

Ob er dauerhaft in Münster bleibt, macht der Student von der Frage abhängig, wo ihm später ein Job angeboten wird. Zu seiner Wahlheimat Münster hat er derweil ein entspanntes Verhältnis: „Münster ist die ländlichste Großstadt, die ich erlebt habe.“

Im laufenden Wahlkampf erlebt er CDU, SPD und Grüne als faire Gegner. „Aber ich spüre die Handbremse“, ist er enttäuscht darüber, dass halt doch kein so großer Aufwand betrieben wird wie etwa bei einer Bundestagswahl.

Ganz anders seine Wahrnehmung des Wahlvolkes: „Es werden viele grundlegende Fragen zu Europa gestellt. Die Gespräche sind im Vergleich zur Europawahl 2014 deutlich intensiver.“


Martin Schiller (AfD) will raus aus dem Euro

Warum für das EU-Parlament kandidieren, wenn man das EU-Parlament eigentlich abschaffen möchte? Martin Schiller von der AfD hört diese Frage regelmäßig. Und er beantwortet sie so: „Ich möchte, dass eines Tages das EU-Parlament keine Zuständigkeiten mehr hat, weil diese an die nationalen Parlamente zurückgegangen sind.“

Der 51-jährige Münsteraner unterscheidet gern zwischen Europa und der EU. Europa sei ein Kontinent mit 48 Staaten, die EU sei eine Institution, „in der 27 Staaten organisiert sind“. Großbritannien hat er offenbar schon rausgerechnet. Sonst wären es 28. Der Unternehmer Schiller sitzt seit 2014 für die AfD im Rat der Stadt Münster, 2017 kandidierte er in Münster für den Bundestag, ohne Erfolg.

"Gemeinschaftsgedanke funktioniert nicht"

Auf der Bundesliste der AfD für die Europawahl kandidiert er auf Platz 16. Bei 96 Mandaten, die am 26. Mai in Deutschland vergeben werden, müsste die AfD bei rund 16 Prozent landen, wenn Schiller einen Platz im EU-Parlament ergattern möchte. Der Münsteraner hält das für realistisch, aktuelle Umfragen sehen die Rechtspopulisten in Deutschland bei zwölf Prozent.

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Martin Schiller (r.) mit AfD-Chef Jörg Meuthen Foto: Dirk Anger

Den Wahlkampf in Münster erlebt Schiller grundlegend anders als die anderen Parteien, weil alle Veranstalter von öffentlichen Podiumsveranstaltungen vor der Frage stehen, ob auch die AfD eingeladen wird. Ausdrücklich beklagt sich Schiller zum Beispiel darüber, dass die Katholische Junge Gemeinde (KJG) ihn nicht zu einer Diskussion eingeladen habe.

Aber zu dem öffentlichen Eindruck, dass die AfD polarisiert, trägt Martin Schiller auch selbst gern bei. Aus­drücklich lobt er zum Beispiel den „Grenzschutz“, wie er in Ungarn betrieben wird, lehnt den Euro ab und hält der EU vor: „Der Gemeinschaftsgedanke funktioniert nicht.“


Linke ohne regionalen Kandidaten

Bei den Linken gibt es keinen lokalen oder regionalen Kandidaten mit direktem Bezug zu Münster. Die münsterische Kreispartei setzt Wahlplakate ein, die die Düsseldorferin Özlem Alev Demirel zeigen. Demirel belegt Platz zwei der Bundesliste der Linken und hat damit sehr gute Chancen, in das Europäische Parlament einzuziehen.

Im März besuchte die Politikerin Münster und traf sich dort unter anderem mit Hubertus Zdebel, dem hiesigen Bundestagsabgeordneten der Linken. Politische Erfahrung hat Demirel im Rat der Stadt Köln sowie im Düsseldorfer Landtag gesammelt. Die Düsseldorferin stammt aus einer türkisch-kurdischen Familie.

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