Insolvente Fluggesellschaft
Germanias Flug in die Pleite lässt die Konkurrenz kalt

Niedrige Ticketpreise und hohe Investitionen in neue Flugzeuge haben die Fluggesellschaft Germania vom Himmel geholt. Die Folgen der Insolvenz müssen die Beschäftigten und kleine Flughäfen meistern.

Dienstag, 05.02.2019, 16:41 Uhr aktualisiert: 05.02.2019, 16:44 Uhr
Flugzeuge der Fluggesellschaft Germania (2. und. 3.v.r.) stehen auf dem Flughafen in Düsseldorf auf dem Vorfeld. Foto: Federico Gambarini

Berlin (dpa) - Ein gutes Jahr nach der Pleite von Air Berlin hat es nun auch die kleine Fluggesellschaft Germania erwischt. Die Insolvenz der Airline löst allerdings nicht annähernd vergleichbare Schockwellen aus.

«Lufthansa will die Germania nicht übernehmen», verlautet der Marktführer in Frankfurt knapp. Das Hauen und Stechen zwischen den Fluggesellschaften um Unternehmensteile und Verkehrsrechte bleibt wohl aus, dafür müssen aber die Beschäftigten und die betroffenen Flughäfen große Probleme bewältigen.

«Wir haben immer noch einen brutalen Preiskampf», nennt der Luftfahrtexperte Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne den wichtigsten Grund für die Insolvenz. «Die Preise sind am untersten Rand und die Kleinen können kaum noch mithalten.» Der Druck komme von oben und unten, denn neben den großen Anbietern wie Ryanair und Easyjet sind auch zahlreiche kleine Chartergesellschaften aus Südosteuropa und Nordafrika als Preisbrecher unterwegs.

Für den kommenden Sommer seien die Veranstalter nicht auf die Germania angewiesen, meint Wissel und beruhigt damit auch die Pauschaltouristen. «Die Veranstalter werden leicht Ersatz finden.»

TUI-Touristikchef Stefan Baumert versichert: «Wir können unseren Kunden versichern, dass wir alles Notwendige tun, um ihren Flug sicherzustellen. Niemand muss sich Sorgen machen, dass er nicht in den Urlaub fliegen kann oder im Reiseziel festsitzt.» Der Reiseveranstalter Alltours klagte darüber, von Germania nicht früher über die Einstellung informiert worden zu sein.

Düster sieht es für Teile des Germania-Personals aus, das bislang schon nicht auf Rosen gebettet war. Nach Angaben des vorläufigen Insolvenzverwalters hat Germania in den drei von der Pleite betroffenen Unternehmensteilen 1678 Beschäftigte. Laut Verdi gab es bei Germania keine Tarifverträge und auch keine Betriebsratsstrukturen, so dass man im Insolvenzverfahren nicht involviert sei.

Etliche Crews sollen sich bereits bei Ryanair beworben haben, berichtete deren Chef Michael O'Leary. Das deckt sich mit den Erwartungen von Berater Wissel: «Die Crews werden sicher bei anderen Airlines Beschäftigung finden.» Doch für das technische Personal sei es schon bei Air Berlin schwierig gewesen.

Vor allem kleinere Flughäfen sind von der Pleite der Berliner Airline hart getroffen. Beispielsweise fallen in Erfurt deutlich mehr als zwei Drittel der geplanten Flüge weg. Auch Rostock-Laage kann eigentlich nicht auf die Flüge der Germania verzichten, die knapp die Hälfte des Geschäfts ausmachen. «Wir haben zu wenige Airlines, die Flüge anbieten könnten. Mit Germania ist ein erfolgreicher Nischenanbieter weggefallen», klagt der Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbandes ADV, Ralph Beisel.

In Friedrichshafen am Bodensee gibt sich Flughafen-Chef Claus-Dieter Wehr optimistisch, obwohl auch hier jeder dritte Flug von jetzt auf gleich wegfällt. Die Routen seien wirtschaftlich erfolgreich gewesen. «Wir sind deshalb zuversichtlich, dass ein passendes Flugangebot auch in Zukunft alle Chancen hat. Wichtig für die Region ist, dass wesentliche Verkehrsangebote auch weiterhin bestehen.»

Die übrigen Fluggesellschaften werden sich die frei werdenden Strecken genau anschauen und manche Gelegenheit nutzen, sagt Tuifly-Sprecher Aage Dünhaupt. Einen erbitterten Kampf um Slots und Maschinen erwartet hingegen niemand, denn an den Regional-Flughäfen herrscht kein Mangel an Start- und Landezeiten. Einzige Ausnahme könnten die Zeitfenster am engen Flughafen Düsseldorf sein, wo der Preiskampf schon jetzt heftig tobt.

Germania hat sich nach Ansicht von Experten auch schlicht verhoben. Noch Mitte 2016 hatte Germania-Chef Karsten Balke auf der Luftfahrtmesse im britischen Farnborough zum Flugzeug-Großeinkauf geblasen. Damals - gut ein Jahr vor der Pleite von Air Berlin - orderte er 25 Exemplare des modernisierten Mittelstreckenjets Airbus A320neo - samt Kaufoptionen für weitere 15 Maschinen. Ab 2020 sollten die neuen Jets mit ihrem geringeren Spritverbrauch Germania zukunftsfähig machen.

Allein die Festbestellung summierte sich laut Preisliste auf rund 2,6 Milliarden US-Dollar, abzüglich Rabatten. Viel Geld für eine Fluggesellschaft, die laut Handelsregister bereits in diesen Jahren rote Zahlen schrieb. So brachte die schon 2018 begonnene Umstellung auf eine reine Airbus-Flotte mit ihren Vorlaufkosten die Germania ins Trudeln. Um den Jahreswechsel drohte schließlich das Geld auszugehen. «Die Gesellschaft ist nicht zu retten», sagte ein Kenner der Zahlen bereits im Januar.

Dem Flugzeughersteller Airbus dürfte der Wegfall der Germania- Bestellung wenig Sorgen machen. «Es befindet sich noch kein Flugzeug aus der Bestellung in der Produktion», sagte ein Sprecher. Zu den Inhalten des Vertrags wollte er sich nicht äußern. Allerdings kann sich Airbus gerade bei den Mittelstreckenjets der A320-Familie vor Bestellungen kaum retten. Zum Jahreswechsel belief sich der Auftragsbestand auf mehr als 6000 Maschinen.

Üblicherweise freuen sich andere Airlines, wenn sie einen Jet früher ergattern können. Umplanen muss Airbus allerdings im Hausverkehr zwischen Hamburg und Toulouse. Denn Germania beförderte bisher zweimal pro Werktag Airbus-Mitarbeiter zwischen den beiden Flugzeug-Werken hin und her. Man suche nach einem neuen Charter-Partner, saget der Sprecher. Derzeit würden die Beschäftigten auf Linienflüge umgebucht.

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